Stärker werdendes Bürgertum und mediale Entwicklung: Zensur im 19. Jahrhundert

Die absolutistischen Herrschaftsinstanzen fürchteten im Bereich der Zensur um ihr Monopol bei der Kontrolle und Steuerung der Öffentlichkeit. Auch wenn es immer wieder versucht wurde, die mediale Entwicklung ließ sich nicht von Eingriffen und Sanktionen behindern. Die Forderungen des Bürgertums nach Teilhabe an politischer Macht konnten nicht mehr länger ignoriert werden. Auf dem wirtschaftlich orientierten Buchmarkt lag es im Interesse der Autoren sich Publikationsmöglichkeiten zu erhalten. Außerdem änderte sich die rechtliche Position des Autors: kannte das 18. Jahrhundert nur die Rechte des Verlegers an einem Buch, so wurden im 19. Jahrhundert die Rechte an den Autor und seine Erben gebunden. Die Produktion von Büchern wurde leistungsfähiger und preisgünstiger und der Vertrieb der gedruckten Werke effizienter. Nach einer Welle der Alphabetisierung erschlossen sich für die Literatur sozial anders strukturierte Leserschichten. Literarische Medien entwickelten sich zu Trägern politischer Meinungsbildung, hier übernahmen vor allem Zeitungen und Zeitschriften eine wichtige Funktion.

Politische Lyrik wurde zu einer bedeutenden Form politischer Kommunikation und gelangte damit ins Visier der Zensur. Genau umschriebene Gebots- und Verbotskataloge lösten das vorherige System der willkürlichen polizeilichen Verfolgung von Autoren, Buchdruckern und -händlern ab.

Der Zensor war ein hauptberuflicher Beamter geworden, die Reaktionen bedrohter Autoren und Buchproduzenten wurden flexibler - unterschiedliche Reaktionen auf Zensur und Verbot sind: radikale Opposition, Assimilation oder Denunziation. Literatur ist operativ im Kampf gegen die Zensur eingesetzt worden, behandelt wurden zensurrelevante Themen wie Gotteslästerung oder absichtliche Verletzungen von Moral, Religion oder gesellschaftlicher Ordnung. Es lassen sich aber auch Rückzüge ins Private, unpolitische Haltungen und Autoren, die mit Selbstzensur und literarischer 'Maskierung' arbeiten, feststellen.

Gerade im Jahrzehnt vor der bürgerlichen März-Revolution 1848 kam es zu spektakulären Verbots- und Verfolgungsfällen und zu einer Radikalisierung der Opposition. Entsprechend der territorialen Aufsplitterung Deutschlands bestanden in der Ausübung der Zensur regionale Unterschiede fort, bestimmt von politischen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Interessen. Mit den "Karlsbader Beschlüssen" wurde 1819 erstmals der Versuch unternommen eine gesamtstaatliche Zensurordnung durchzusetzen. Dennoch dauerte es noch bis 1874 ehe ein überregionales Pressegesetz in Kraft trat.

Neben Staat und Kirche wollten auch andere politische, religiöse und wirtschaftlichen Interessengruppen Einfluss auf den Literaturbetrieb und die öffentliche Meinung ausüben.

Zensur als Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung
Der militärische Vormarsch Napoleons hat die territoriale und politische Landkarte erheblich verändert. In den linksrheinischen und norddeutschen Gebieten galt nun französisches Recht. In den neu geschaffenen Gebieten (Westfalen, Frankfurt) und in den Staaten des Rheinbunds (Baden-Württemberg, Hessen, Bayern) ließ Napoleon ebenfalls das französische Rechts- und Verwaltungssystem einführen. Die Vorzensur war seit 1794 in Frankreich abgeschafft, die Nachzensur verfügte allerdings über repressive Strafmittel. Napoleons Augenmerk richtete sich auf politische und religiöse Publikationen sowie auf das Pressewesen. Am 5. Februar 1810 erließ Napoleon ein Gesetz zur Kontrolle und zur Zentralisierung des Buchhandels, das insbesondere die Zahl der Drucker in den jeweiligen Departements festlegen sollte. Wissenschaftliche Literatur und belletristische Titel blieben weitgehend unbehelligt. Politische und religiöse Publikationen, Zeitschriften und Journale hingegen wurden von zentralisierten Zensurbehörden genau kontrolliert. Die französischen Behören bestanden darauf, dass politische Nachrichten aus dem offiziellen Moniteur übernommen wurden. Weiterhin existierten ein gut funktionierendes polizeiliches Überwachungssystem sowie strenge Richtlinien für die Meldung von Titeln, vor der endgültigen Drucklegung, an die zentrale Zensurbehörde "Direction de l'imprimerie et de la librairie" in Paris.

Karlsbader Beschlüsse bis Revolution 1848
Im Juni 1815 wurde auf dem Wiener Kongress eine "Deutsche Bundesakte" verabschiedet, die die Grundlage für den Deutschen Bund bildete, in dem sich 39 Territorialmächte zusammenschlossen. Artikel 18d der Bundesakte sah eine einheitliche Regelung für das Buch- und Pressewesen vor und setzte eine breite Diskussion über Zensur und Pressefreiheit in Gang.

Johann Gottlieb Fichte

Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation
Fichte, der aufgrund seiner Sympathie für die französische Revolution, schon 1799 zur Aufgabe seiner Professur in Jena gezwungen wurde, hatte inzwischen einen Ruf nach Berlin angenommen, wo er sich 1807/08 in den "Reden an die deutsche Nation" gegen den "Landesfeind" Napoleon wendete und eine radikale politische und gesellschaftliche Neuorientierung Preußens forderte. Eine Veröffentlichung der "Reden an die deutsche Nation" war erst nach einer glättenden Selbstzensur, die den anti-französischen Charakter des Textes verschleiern sollte, möglich. Eine zweite Auflage, die Verleger Georg Andreas Reimer 1824 plante, kam aufgrund preußischer Zensureinreden in Berlin nicht zustande. Das Werk wurde dann vom Leipziger Verleger Friedrich Ludwig Herbig gedruckt, der von der sächsischen Zensur nicht beanstandet wurde.

Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist: Berliner Abendblätter
Auch in diesem Fall spielte die Rücksichtnahme auf die französische Besatzungsmacht eine entscheidende Rolle und bestimmte die Argumentation der Zensoren. Gleichzeitig wurde damit ein unbequemes Periodikum und sein Herausgeber diszipliniert. In den täglich erscheinenden Abendblättern wurde eine Gefahr für den politischen Handlungsspielraum gesehen. Die Redaktion um Heinrich von Kleist erhielt schon bald keine Polizeiberichte mehr, politische Artikel wurden verboten und auch in die kulturelle Berichterstattung wurde eingegriffen.

Die Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue durch den Burschenschaftler Karl Sand am 23. März bot den Anlass die Pressegesetze zu verschärfen. Das Attentat wurde als Ergebnis einer unkontrollierten Freiheitsbewegung dargestellt. Die am 20. September 1819 verabschiedeten Karlsbader Beschlüsse enthielten folgenden Kernpunkt: für alle Druckwerke mit einem Umfang von weniger als 20 Druckbögen (= 320 Seiten) im Oktavformat wurde die Vorzensur wieder eingeführt, zudem mussten Zensurmaßnahmen nicht begründet werden. Politische Meinungsäußerung in Zeitungen und Broschüren sollte erschwert werden. Mit den Karlsbader Beschlüssen sollte zudem ein bundeseinheitliches Organ zur Einflussnahme auf Buch- und Pressewesen geschaffen werden.

Höhepunkt der Verfolgung oppositioneller Literatur war am 10. Dezember 1835 das Verbot des "Jungen Deutschland". Auslöser für den Beschluss war Karl Gutzkows Roman "Wally, die Zweiflerin". Ludolf Wienbarg, Theodor Mundt, Heinrich Laube und Heinrich Heine sowie der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe wurden als harter Kern der Bewegung gebrandmarkt. Dagegen formierte sich aktiver Widerstand: Georg Büchner schloss sich der radikalen politischen Opposition in Hessen an, gründete eine Gesellschaft der Menschenrechte und beteiligte sich mit dem "Hessischen Landboten" (Frühsommer 1834) an der Flugschriftenagitation. Nachdem Mitwisser verhaftet wurden und Büchner mit Haftbefehl gesucht wurde, flüchtete er im März 1835 nach Straßburg, von wo aus es ihm nicht mehr möglich war zu publizieren. Zu Büchners Lebzeiten ist nur noch das Revolutionsdrama "Danton's Tod" in der Zeitschrift Phönix veröffentlicht worden. Diese und auch die spätere Buchfassung wurden allerdings von Gutzkow "gesäubert".

Heinrich Heine entwickelte andere Strategien im Umgang mit der Zensur: er versuchte die permanente Zensurbedrohung literarisch umzusetzen und die Öffentlichkeit zu informieren sowie Fremd- durch Eigenkontrolle zu unterlaufen. Seit dem Beginn der 1840er Jahre wurde politische Dichtung zu einer begehrten Ware auf dem literarischen Markt. Die Zensur wurde zum bevorzugten Gegenstand literarischer Produktion, die variierende Zensurpraxis innerhalb Deutschlands wurde als Schlupfloch benutzt.

Der Widerstand gegen die politische Restauration ließ sich in den 1840er Jahren nicht durch Bespitzelungen, Denunziationen, Polizeimaßnahmen, Verbote und Konfiskationen brechen. Buchhändler und Verleger verteidigten den Messeplatz Leipzig im zensurliberalen Sachsen gegen Preußen und Österreich. 1842 und 1845 protestierte der "Börsenverein der deutschen Buchhändler" gegen das wirtschaftlich ruinöse Vorgehen von Zensur und Polizei. Die Buchhändler forderten eine Reduzierung der Pressebeschränkungen und die Wiederherstellung der "vollkommnen Pressfreiheit".

Am 28. März 1849 wurde die Pressefreiheit erstmals in einer deutschen Verfassung als Grundrecht festgeschrieben. Doch schon 1851 trat in Preußen ein neues Pressegesetz in Kraft, das neue Regeln zur Kontrolle des Buch- und Pressewesens formulierte. Die Verantwortung für die Ungefährlichkeit lag nicht bei den Zensoren, sondern bei den Produzenten. Damit wechselte die Zuständigkeit der Kontrolle von der Polizei auf die Justiz. Zudem wurde eine modifizierte Vorzensur praktiziert und jedes Druckerzeugnis musste vorgelegt werden.