Bücher

Skandal-Bücher – Verfemt, verboten, verhasst

Der Münchner Autor Frank Wedekind ist in mehrfacher Hinsicht eine bemerkenswerte Gestalt der Literaturgeschichte. So war er im Gegensatz zu vielen seiner Schriftstellerkollegen nicht darauf angewiesen, mühsam mit seinen literarischen Erzeugnissen den Lebensunterhalt zu verdienen. Schuld daran ist u.a. Maggi. Wedekind nämlich war nicht nur Autor so bedeutender Werke wie Frühlings Erwachen oder Lulu, er verdiente das Geld für Rechnungen und Brötchen ganz profan als Werbetexter.

Vielleicht machte es diese sichere Einnahme einfacher, sich literarisch mit Texten zu profilieren, die fast wie auf Bestellung bei Erscheinen Skandale verursachten. Doch war Wedekind natürlich nicht der einzige Autor, der in eine Skandalgeschichte der Weltliteratur Eingang finden würde. Immer wieder beschäftigten über die Jahrhunderte Bücher die Zensoren und andere Sittenwächter.

von Bret Easton Ellis
Zehn Jahre lang stand American Psycho in Deutschland auf der Liste jugendgefährdender Schriften. Zu hart, zu pervers, zu offensichtlich lässt Ellis seinen Protagonisten, den Banker Patrick Bateman, durch den Text morden und vergewaltigen. Hier wirkt die vierte Verbotskraft nach Sex, Politik und Religion: Gewalt.

von Jean Genet
Ein Buch, in dem es von Obszönitäten nur so wimmele, so das Urteil vor Gericht. Und doch: Der künstlerische Anspruch überwiegt, also dürfe es veröffentlicht werden. Glück für den Verleger des Merlin-Verlags, der Genets Meisterwerk 1960 nach Deutschland brachte.
von Vladimir Nabokov
Vielleicht wäre Nabokovs Roman nie sonderlich bekannt geworden, hätte ihn nicht Graham Greene in einer kleinen Notiz in der Sunday Times zu einem seiner drei Lieblingsbücher des Jahres 1955 erklärt. Es folgte eine ausführliche Debatte über Literatur und Pornographie, ein Quasi-Verbot in Frankreich und eine erfolgreiche Karriere des Romans bis heute, wobei er das Image der hochliterarischen Schmuddelecke nie ganz ablegen konnte.
von Frank Wedekind
1891 erschienen, jedoch erst 1906 uraufgeführt. Ähnlich wie bei Schnitzlers Reigen sorgte auch bei Frühlings Erwachen die sexuell explizite Aussage des Stückes für hyperventilierende Zensoren und andere Moralwächter. Noch im Jahr 2009 war es möglich, dass an einer Schweizer Schule Eltern einen Prozess anstrengten, weil das Stück im Unterricht thematisiert wurde.
von Klaus Mann
Es muss nicht immer um Sex gehen, wenn Bücher in den Fokus von Verbotsapologeten geraten. Klaus Manns Roman, der unverhohlen die Karriere von Gustav Gründgens als Nazi-Profiteur thematisierte, löste eine Debatte über den Schutz von Persönlichkeitsrechten aus, wie wir sie auch heute wieder des Öfteren finden (siehe etwa Maxim Billers Esra).

von Salman Rushdie
Welches Thema erregt Sittenwächter neben der Sexualität am meisten? Richtig: Religion. Rushdies Buch war vielleicht der erste Fall, in dem der Westen eine Ahnung von der Aggressivität islamischer Fundamentalisten bekam. Eine Fatwa wurde ausgesprochen, der Autor also wegen der Veröffentlichung eines Buches mit dem Tode bedroht. Die Wirkung schöner Worte ist doch immer wieder erstaunlich…
von Thomas Bernhard
Drittes Skandalon neben Sex und Religion? Richtig: Politik. 1988, 50 Jahre nach dem „Anschluss“, war in Österreich die Debatte über die Nazivergangenheit gerade richtig in Gang, als Bernhards im Auftrage von Claus Peymann für das Burgtheater verfasstes Stück in die aufgeheizte Stimmung platzte. Die Uraufführung war letztlich ein Triumph, auch und gerade über diejenigen, die das Stück am liebsten verbrannt hätten.

von Gustave Flaubert
Zensur wegen Verherrlichung des Ehebruchs. In der heutigen Zeit mit ihren enormen Scheidungsraten scheint das unglaublich, doch 1857 beging Flaubert damit ein Sakrileg größeren Ausmaßes. Bis heute zählt der Roman zu den großen emanzipatorischen Texten der Weltliteratur.
von Arthur Schnitzler
Schnitzlers Reigen gehört wohl zu den klassischen Skandalstücken, die jedem sofort einfallen. Nach Erscheinen (1900 als Privatdruck, 1903 als Buch) wurde das Buch sehr schnell verboten und sein Inhalt gelangte erst 1920 zur offiziellen Erstaufführung. Diese sorgte für Tumulte und den sogenannten Reigen-Prozess, sodass Schnitzler ein Aufführungsverbot verhängte, das erst 1982, 50 Jahre nach seinem Tod, endete.

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