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Eine Frau bei 1000°: Roman. Aus den Memoiren der Herbjörg María Björnsson - Hardcover

Helgason, Hallgrímur

 
9783608501124: Eine Frau bei 1000°: Roman. Aus den Memoiren der Herbjörg María Björnsson

Inhaltsangabe

Drei Söhne von neun Männern, das ist genug.
In ihrer Garage surft die 80-jährige Herbjörg durchs Internet und begleicht letzte Rechnungen, während der Ofen für ihre Einäscherung heißläuft. Hallgrímur Helgasons neuer Roman ist ein Parforceritt durch die Geschichte des 20.Jahrhunderts: anrührend und voll isländischer Skurrilität.

»Ich lebe hier allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Es ist wahnsinnig gemütlich.«

»Ich möchte einen Termin für eine Einäscherung buchen.«
»Einen Termin buchen?«
»Genau.«
»Aha. Ja ... wie war noch mal der Name?«
»Herbjörg María Björnsson.«
»Hallo? Ich kann den Namen in der Liste nicht finden. Haben Sie den Antrag auf Einäscherung schon eingereicht?«
»Nein, nein. Ich möchte einen Termin für mich buchen. Für mich selbst.«
»Naja, wir bearbeiten ihn nicht, bevor ... na, Sie wissen schon ... also bevor, äh ..., bevor die Leute tot sind, okay?«
»Gut. Wenn es so weit ist, werde ich tot sein. Darauf können Sie sich verlassen. Also, wenn’s eng wird, komme ich einfach vorbei, und ihr schiebt mich lebend in den Ofen.«

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Hallgrímur Helgason, geboren 1959 in Reykjavík, besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die Kunstakademie in München. Den internationalen Durchbruch brachte ihm 1996 der Roman »101 Reykjavík«, der kurze Zeit später verfilmt wurde. Helgason ist einer der international erfolgreichsten Autoren Islands. Zuletzt erschienen bei Tropen »Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen« und »Eine Frau bei 1000º«.

Aus dem Klappentext

»Ich lebe hier allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Es ist wahnsinnig gemütlich.« »Ich möchte einen Termin für eine Einäscherung buchen.« »Einen Termin buchen?« »Genau.« »Aha. Ja ... wie war noch mal der Name?« »Herbjörg María Björnsson.« »Hallo? Ich kann den Namen in der Liste nicht finden. Haben Sie den Antrag auf Einäscherung schon eingereicht?« »Nein, nein. Ich möchte einen Termin für mich buchen. Für mich selbst.« »Naja, wir bearbeiten ihn nicht, bevor ... na, Sie wissen schon ... also bevor, äh ..., bevor die Leute tot sind, okay?« »Gut. Wenn es so weit ist, werde ich tot sein. Darauf können Sie sich verlassen. Also, wenn's eng wird, komme ich einfach vorbei, und ihr schiebt mich lebend in den Ofen.«

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1

MODELL 1929

2009

Ich lebe allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Wir haben es wahnsinnig gemütlich. Das Bett ist ein Krankenhausbett, andere Möbel brauche ich nicht, bis auf ein Klo, dessen Benutzung ich enorm beschwerlich finde. Der Weg ist furchtbar weit. Dreimal täglich muss ich mich diese Via Dolorosa entlangschleppen wie ein rheumatisches Gespenst. Ich träume von Katheter und Bettpfanne, aber die Anträge dafür stecken irgendwo im System fest. Wir haben es alle nicht leicht.

Fenster gibt es nur eins, doch die Welt kommt auf dem Bildschirm zu mir. Mails gehen ein und aus, und das liebe Facebuch wird immer dicker. Gletscher schmelzen, Präsidenten werden schwärzer, und Menschen beweinen den Verlust von Autos und Häusern. Die Zukunft wartet am Gepäckband, lächelnd und mit Schlitzaugen. Ja, ja. Von meinem weißen Bett aus beobachte ich alles. Ich liege da wie eine bedürfnislose Leiche und warte abwechselnd auf den Tod oder auf jemanden mit einer lebensverlängernden Spritze. Sie kommen zweimal täglich, die Mädchen vom Häuslichen Pflegedienst Reykjavík. Die von der Frühschicht ist ein liebes Ding, die Spätschichtscheuche hat kalte Hände und Mundgeruch und leert die Aschenbecher mit mürrisch saurer Miene.

Wenn ich mein Auge zur Welt schließe, das Licht lösche und herbstliches Dunkel den Schuppen erfüllt, dann kann ich durch ein kleines Fensterchen hoch oben in der Wand die berühmte Friedenssäule erkennen. Jetzt ist der selige John Lennon doch noch zu einem Licht geworden wie der Waldgott in einem Gedicht von Ovid und erleuchtet in langen Nächten die Meerengen. Seine Witwe war so nett, ihn senkrecht in mein Blickfeld zu stellen. Ich nehme ihn als Nachttischkerze und wünsche ihm eine Gute Nacht.

Natürlich kann man sagen, ich würde hier in der Garage vor mich hin gammeln wie eine ausrangierte Karre. Das habe ich auch einmal zu Gu‡jón gesagt. Er und Dóra vermieten mir den Schuppen für 65 000 Kronen im Monat. Gu‡jón hat gelacht und mich Oldsmobile getauft. Im Netz habe ich ein Bild von einem Oldsmobile Viking gefunden, 1929er Modell. Ich wusste echt nicht, dass ich schon so verdammt alt bin. Das Ding sah aus wie eine aufgemotzte Pferdekutsche.

Ich kann mich nicht bewegen, ohne außer Atem zu kommen, bin den Nichtbegrabenen, wie man in alten Zeiten gesagt hat, nur noch eine Last. Derart schwach sind die Lungen nach jahrzehntelangem Rauchen. Eine »Sauerstoffmaske« mit anhängender Nasensonde haben sie mir angeboten, aber um so eine Pressluftflasche zu bekommen, müsste ich dem Gott Nikotin abschwören – »wegen der Brandgefahr«! Über weite Strecken hat er mir allerdings besser getan als die meisten anderen, lieber gebe ich den Geist auf als ihn. Deshalb schnaufe ich wie eine alte Dampflok, und die Wege zum Klo bleiben mein täglicher Bußgang. Zuhause auf den Svefneyjar-Inseln gab es eine Höhle direkt am Meer, die man den Knabenkasten nannte; das war jahrhundertelang nichts als ein Scheißhaus für die Männer.

Ach, ich komme vom einen aufs andere, und das eine oder andere kommt über mich. Wenn man ein ganzes Internet an Erlebnissen hinter sich hat, eine Schiffsladung voller Tage, dann fällt es schwer, auszusortieren und eins vom anderen getrennt zu halten. Entweder erinnere ich mich an alles auf einmal oder an gar nichts.

Ach ja, den lieben Landsleutchen ist wohl neulich das System abgeschmiert; ein Jahr ist es jetzt her. Die Krankenschwestern und Dóra meinen, die Stadt stehe immer noch. Reykjavík sehe man den Zusammenbruch nicht an, im Gegensatz zu Berlin, wo ich dummes Stück bei Kriegsende herumgeturnt bin. Ich weiß ja nicht, was besser ist, real oder auf Pump zugrunde zu gehen. Allerdings weiß ich, dass meinem Dundi die Luft ausgegangen ist wie einem Luftballon, dabei war sowieso schon nicht mehr viel mit ihm los. Er hat bei der KB-Bank gearbeitet und seinen Kurs an das Flackern auf seinem Bildschirm gekoppelt, irgendeine rote Linie, die er mir einmal ganz stolz gezeigt hat.

Ich selbst hatte einfach einen Riesenspaß an dem ganzen »Zusammenbruch«. Die ganzen Wirtschaftswunderjahre hindurch war ich ans Bett gefesselt. Die Habgier um mich herum fraß mir am Ende alle Ersparnisse auf, und deshalb tat es mir nicht leid, als die ganze Kohle verbrannte. Geld spielt für mich längst keine Rolle mehr. Wir rackern uns das ganze Leben lang ab, um etwas für das Alter beiseitezulegen. Dann kommt das Alter und hat mit Geld gar nichts zu tun. Ach, das will ich denn doch nicht sagen; es wäre natürlich nett gewesen, wenn ich mir ein deutsches Jüngelchen hätte kaufen können, das mir alter Matratzenhyäne dann halbnackt bei Kerzenschein Schiller hätte deklamieren müssen. Aber Frischfleischhandel ist hierzulande mittlerweile bestimmt verboten.

Ich habe sicherlich nur noch ein paar Wochen zu leben, zwei Stangen »Pall Mall«, einen Computer und eine Handgranate, und doch habe ich es nie besser gehabt im Leben.

2

FEU DE COLOGNE

2009

Die Handgranate ist ein Ei aus Hitlers Zeiten, das mir im Krieg in die Hände gefallen ist und mich durch sämtliche Höhen und Tiefen meines Lebens begleitet hat, durch all meine sauren und zähen Ehen und Liebschaften. Nun wäre es an der Zeit, sie einzusetzen, wenn der Sicherungsstift nicht schon vor vielen Jahren abgebrochen wäre, an einem der schlechteren Tage meines Lebens. Zu explodieren ist natürlich auch keine besonders angenehme Art zu sterben. Außerdem ist mir meine hübsche, kleine Bombe nach all den Jahren richtig ans Herz gewachsen. Wäre doch schade, wenn die lieben Enkelchen sie nicht in der Silberschale auf der Familienanrichte bewundern könnten.

Meine geliebte Handgranate liegt angenehm in der Hand und kühlt die verschwitzte Handfläche mit ihrem geriffelten Eisenmantel, gefüllt mit Frieden. Das ist nämlich das Merkwürdige an Waffen: Für die, die vor ihnen stehen, können sie ganz schön unangenehm werden, während sie denen, die sie in Händen halten, große Erleichterung verschaffen. Einmal vergaß ich mein kraftspendendes Ei in einem Taxi und fand keine Ruhe, bis ich es nach endlosen, erregten Telefonaten mit der Zentrale wiederbekam. Der Taxichauffeur stand dann verschüchtert auf der Treppe und kniff das Hirn zusammen, während er mich fragte: »Ist das nicht eine alte Handgranate?«

»Ach was, das ist Schmuck. Hast du denn noch nie die Eier des Zaren gesehen?«
Lange Zeit bewahrte ich sie jedenfalls in meinem Schmuckkästchen auf. »Was ist denn das?«, fragte mich Bæring aus den Westfjorden einmal, als wir uns auf den Weg in den Festsaal des Hotels machten.
»Parfüm, Feu de Cologne.«
»Echt?«, staunte der Seebär.
Männer mögen für gewisse Dinge ganz brauchbar sein – schlagfertig sind sie nicht.
Es war auch nie ein Nachteil, die Granate in meiner Handtasche zu wissen, wenn es spät wurde und irgendein Idiot mich unbedingt nach Hause bringen wollte.
Jetzt habe ich sie entweder im Nachttisch oder zwischen meinen verrottenden Beinen; dann liege ich auf diesem deutschen Stahlei wie eine Nachkriegshenne, die Feuer ausbrüten will. Und daran fehlt es doch auch in dem Stumpfsinn, zu dem unsere Gesellschaft verkommen ist, völlig gewaltfrei. Es tut jedem gut, mal sein Haus zu verlieren oder mit anzusehen, wie dem Liebsten in den Rücken geschossen wird. Ich bin nie gut mit Menschen ausgekommen, die noch nie über Leichen gestiegen waren.
Vielleicht geht sie ja los, wenn ich sie auf den Boden pfeffere? Handgranaten lieben Steinfußböden, habe ich mal gehört. Aber ehe ich mich in die Luft sprenge, erlaube ich mir, mein Leben an mir vorüberziehen zu lassen.

3

HERR BJÖRNSSON

1929

Ich kam im Herbst 1929 in einem Ísafjorder Blechschuppen zur Welt. Und man hängte mir diesen merkwürdigen Namen Herbjörg María an. Heidnisches und Christliches mischten sich darin wie Öl und Wasser, und...

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