Johannes hat zwei Frauen und zwei Probleme: Lisa verlässt ihn, und seine Mutter kann er nicht verlassen. Als er es fast geschafft hat, greift sie zum letzten Mittel. Bernd Schroeder erzählt die endlose Liebesgeschichte eines Mannes zu seiner ersten Frau: witzig, manchmal bösartig und trotz allem liebevoll.
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Bernd Schroeder, geboren 1944 im heute tschechischen Aussig, wuchs im oberbayerischen Fürholzen auf. Er lebt in Berlin. Als Autor und Regisseur zahlreicher Hör- und Fernsehspiele erhielt er 1986 den Adolf-Grimme-Preis und 1992 den Deutschen Filmpreis. Zuletzt erschienen bei Hanser: Hau (Roman, 2006), Alte Liebe (Roman, 2009, mit Elke Heidenreich), Auf Amerika (Roman, 2012), Wir sind doch alle da (Roman, 2015) und Warten auf Goebbels (Roman, 2017).
Der Anruf. Ihr Anruf. Da war er wieder, dieser unsichtbare Faden zwischen ihr und ihm, den er immer vergeblich leugnete. Selten rief sie an, aber ihre Anrufe schienen gezielt und trafen ihn meistens an einem Tiefpunkt. Schon in ihrer Frage, wie es ihm gehe, klang Triumph darüber mit, wieder einmal gespürt zu haben, was eine Mutter eben spürt, daß es ihrem Jungen nicht gutgeht. Und sosehr Johannes alle Welt über seine erbärmliche berufliche Situation und seine tatsächlichen und eingebildeten kleinen Gebrechen täuschen konnte, sowenig gelang es ihm, seiner Mutter etwas vorzumachen. Wie geht es dir? Ganz gut. Was ist los? Nichts. Was soll sein? Du klingst traurig. Hab ich es doch geahnt. Raus mit der Sprache, deiner Mutter kannst du alles sagen. Ist es wegen dieser Frau - wie heißt sie gleich noch mal? Sie heißt Lisa. Mein Gott, merk dir das doch mal. Ich war über vier Jahre mit ihr zusammen. War?! Also ist es aus? Du meine Güte, du ahnst es nicht! Mutters Mitfühlen, genährt von Angst, den einzigen Verwandten aus den Augen zu verlieren, war gnadenlos. Als er sieben Jahre lang allein gelebt hatte, stand sie manchmal wenige Stunden nach einem Telefonat an der Tür. Als er mit Lisa lebte, war er davor geschützt. Sie schrieb ihre Ratschläge nur noch in ihren Briefen. Die Begegnung mit einer anderen Frau scheute sie. Seiner Mutter konnte er noch nie etwas vormachen. Sie durchschaute ihn, kannte seine Schwächen, hielt nicht sehr viel von ihm, weswegen sie sich, das redete sie sich und oft auch ihm ein, ihr Leben lang um ihn kümmern müsse. Lisa hatte vier Jahre gebraucht, die Bedeutungslosigkeit hinter seinen beruflichen Visionen, seine Talentlosigkeit, seine heimliche Alkoholabhängigkeit, die wehleidige Einstellung zu seinem alternden Körper, die sich wiederholenden Späßchen und die nur mühsam variierten, schlecht gelogenen Geschichten zu durchschauen. Als sie ihm nicht mehr zuhörte und es aufgegeben hatte, ihn der Kunst von Homöopathen, bevorzugt Homöopathinnen, auszuliefern und ihn mit Globoli zu füttern, begann sie, ihn zu verlassen. Sie wollte nie ein Kind und hatte nun das beklemmende Gefühl, plötzlich eines, genaugenommen zwei, nämlich ihre leicht verrückte alte Mutter und ihn, zu haben. Und jetzt ist sie weg, diese - Sie heißt Lisa und ist ausgezogen. Naja, war ja wohl dann nicht die Richtige. Du hast sie mir ja nicht einmal vorgestellt. Das wird seinen Grund gehabt haben. Vielleicht hätte ich dir gleich sagen können, daß das nicht gutgeht. Kannst du es bitte lassen. Na, bei der ersten hab ich von vornherein gesagt, das geht nicht gut. Aber auf mich wurde nicht gehört. Und die Katastrophe kennen wir ja. Das war keine Katastrophe. Barbara und ich haben uns damals gütlich getrennt. Gütlich! Gütlich nennst du das! Mutter, ich will nicht darüber reden. Warum hast du angerufen? Gütlich war, daß du ihr noch die Ausbildung bezahlt hast. Sie hat dich ausgenommen. Das hat sie nicht, Mutter. Und hatte von einem anderen ein Kind! Laß uns nicht immer wieder dieselben Dinge diskutieren. Stell dir vor, meine Firma bietet mir an, für fünf Jahre nach Brasilien zu gehen, das dortige Werk zu leiten. Schweigen. Er hört sie schwer atmen. Das trifft sie. Aber sie wäre nicht seine Mutter, würde sie diese Information nicht sekundenschnell darauf testen, was sie für sie bedeutet, um sie dann ins Negative für ihn umzuwandeln. Brauchen sie dich hier nicht mehr? Er will darauf nicht antworten. Schon bereut er es, das mit Brasilien erwähnt zu haben, ehe es spruchreif ist. Jetzt heißt es, davon abzulenken, denn es wird sie beunruhigen, ihn so weit weg zu wissen. Neulich schon beklagte sie sich, er komme zu wenig, vergesse seine Mutter völlig, das sei der Dank, den man ernte. Das ganze Repertoire an Vorwürfen schlug sie ihm um die Ohren. Und es fällt ihm schwer zu glauben, daß ihr heutiger Anruf einen anderen, positiveren Zweck haben könnte. Dazu kommt, daß sie recht hat. Er fährt zu selten zu ihr, er drückt sich davor, schiebt es von sich. Es sind nicht die siebzig Kilometer, die er scheut. Wie oft fährt er längere Strecken für irgendeine Lappalie, ein Konzert oder so. Es ist sie und es ist diese Wohnung, was er nicht erträgt. Diese Wohnung, die ein Museum für die vor über dreißig Jahren gestorbene Schwester geworden ist. Es sind die Streitigkeiten und Diskussionen, die er so scheut. Lisas Mutter, als sie noch klar im Kopf war, erzählte von früher, aus der Kindheit, schön und spannend, detailreich. Auch Vaters Mutter war so. Der jugendliche Johannes saß bei ihr und hörte mit roten Ohren zu, wenn sie erzählte, wie sie den Großvater kennengelernt hatte und ihm nach China gefolgt war, mit achtzehn Jahren. Vater und Mutter aber machten aus ihrem Vorleben eine Art Geheimnis. Johannes ahnte früh, daß sein Vater ein zu begeisterter Nazi gewesen war, als daß er über diese Zeit später noch hätte reden können. Da mischten sich Scham und Enttäuschung. Und Mutter hat natürlich damit recht, daß dieses Brasilienangebot der Firma vermutlich einer Abschiebung gleichkommt. Ja, in der Tat, sie brauchen ihn nicht mehr bei Krause&Sohn. Warum hast du mich angerufen? Das ist doch sonst nicht die Zeit, wo du mich anrufst. Also: was ist los? Am anderen Ende der Leitung ist es plötzlich sehr still. Was ist? Hat sie aufgelegt? Nein, sie ist dran. Weint sie? Ja, sie weint. Was ist los? Was bedeutet das? Das kennt Johannes seit Jahren nicht, daß sie weint. Wohl kennt er ihre Stimmungsumschwünge. Das vernichtende Richten über irgendeinen Menschen wechselt oft in Sekunden in ein wehleidiges Selbstmitleid. Sie wähnte schon mit sechzig bei jeder Unpäßlichkeit, nur noch ein Mensch von einem Tag zu sein, und sie kündigte mit achtzig an, wenn ich alt bin, will ich eine Weltreise auf einem Luxusdampfer machen. Jetzt aber weint sie. Mamma, was ist los, um Gottes willen? Es ist so furchtbar. Bitte, komm, bitte!
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Hardcover. Zustand: leichte Gebrauchsspuren. Titel Mutter & Sohn : Erzählung / Bernd Schroeder Person(en) Schroeder, Bernd Verleger München ; Wien : Hanser Erscheinungsjahr 2004 Umfang/Format 163 S. ; 19 cm ISBN/Einband/Preis 3-446-20466-0 Pp. : EUR 15.90 (DE), ca. EUR 17.40 (AT), ca. sfr 30.80 EAN 9783446204669 Schlagwörter Mutter ; Behinderung ; Sohn ; Hilfe ; Belletristische Darstellung Sachgruppe(n) 830 Deutsche Literatur ; B Belletristik Literarische Gattung Erzählende Literatur: Gegenwartsliteratur ab 1945 In deutscher Sprache. 168 pages. Artikel-Nr. 161674
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