Das Lustprinzip

 
9783352006319: Das Lustprinzip

Inhaltsangabe

warum Männer und Frauen doch zusammenpassen 1. Aufl. 2000 318 S. Softcover Berlin : Rütten und Loening, ERSTAUSGABE

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»90-60-90«
Auf den ersten Blick scheint dieses Zahlenverhältnis zu willkürlich, als daß es die Basis von
Urteilen über Attraktivität abgeben könnte. Taille-zu-Hüfte-Verhältnisse sind so verschieden
und so sehr der Mode unterworfen, daß eine Verallgemeinerung zunächst nicht sinnvoll
erscheint. Die Venus von Willendorf mit ihren grotesk übertriebenen Hüften läßt keinen
Bezug zu der eleganten, klassisch proportionierten Venus von Milo erkennen, die wiederum
mit der sinnlicheren, üppigeren Venus Botticellis wenig gemein hat. Überdies zeigt keine von
ihnen auch nur die geringste Ähnlichkeit mit Supermodels wie Kate Moss oder Jodie Kidd,
die eher an verwahrloste Kinder erinnern. Doch Devendra Singh, ein scharfsinniger
Psychologe an der Universität von Texas, behauptet, man müsse hier differenzieren. Singh,
der das Taille-Hüfte-Verhältnis zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, wollte herausfinden, ob
es Konstanten hinter den kulturellen und historischen Variationen gibt. Wenn Menschen
Schönheit anhand der Körperform beurteilen wollen, wonach genau halten sie dann
Ausschau? Singh ermittelte zunächst, wie sich die Formen der Models aus dem Playboy und
der Bewerberinnen für den Titel der Miss America von den sechziger bis zu den späten
achtziger Jahren verändert haben. Wie sich zeigte, wurden die Frauen zwar immer schlanker,
doch ihr Taille-Hüfte-Verhältnis (Waist-Hip-Relation; WHR) blieb exakt dasselbe; der
Taillenumfang betrug zuverlässig zwischen 68 und 72 Prozent ihres Hüftumfangs oder, wie
Singh es ausdrückt, »WHRs von 0.68 bis 0.72«. War dies nun eine Eigentümlichkeit des
Westens oder ein universelleres Phänomen? Um diese Frage zu klären, fertigte Singh
Umrißzeichnungen von zwölf Frauen an; vier davon waren schlank, vier durchschnittlich und
vier relativ schwergewichtig. Dann wandelte er deren Taille-Hüfte-Verhältnis so ab, daß es
zwischen sehr groß und sehr klein variierte, und bat 580 Personen unterschiedlichen Alters,
unterschiedlicher Hautfarbe und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund, die Frauen
nach ihrer Attraktivität zu beurteilen. Den weitaus höchsten Rang erzielte die
durchschnittliche Frau mit dem kleinsten WHR. Auf den zweiten kam die durchschnittliche
Frau mit dem zweitkleinsten WHR. Doch als die Frauen aus der leichteren und der
schwereren Gruppe in der Rangordnung aufzutauchen begannen, war eindeutig zu sehen, daß
sie nicht nach ihrem Gewicht, sondern nach ihrem Taille-Hüfte-Verhältnis beurteilt wurden.
Eine schwergewichtige Frau mit kleinem WHR wurde durchgängig als attraktiver bewertet als
eine mittelschwere Frau mit großem WHR. Die Probanden gaben an, daß erstere nicht nur
attraktiver aussehe, sondern auch jugendlicher wirke und, was entscheidend war, auch
fruchtbarer zu sein schien. Als Singhs Zeichnungen Amerika verließen und Männern in aller
Welt vorgelegt wurden, war der Effekt noch verblüffender. Von Hongkong bis Indien, von
Afrika bis zu den Azoren bevorzugten die Männer unterschiedlich füllige Frauen, doch
hinsichtlich des begehrtesten Taille-Hüfte-Verhältnisses wichen sie kein Jota voneinander ab.
Und wie um dieses Ergebnis noch zusätzlich zu unterstreichen, geschah folgendes: Als man
die Zeichnungen einem der abgeschiedensten Stämme der Erde, den Shiwair im
Amazonasregenwald, vorlegte, gaben die Männer Urteile über die Fruchtbarkeit der Frauen
ab, ohne überhaupt dazu aufgefordert zu sein. So deutete ein Stammesangehöriger auf eine
mittelschwere Frau mit einem idealen WHR und bemerkte: »Das ist die schönste. Sie kann
sechs oder acht Kinder bekommen.« Unter Hinweis auf eine weniger kurvige fügte er hinzu:
»Diese andere hier kann nicht so viele bekommen.«

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