Die weinende Susannah: Roman Roman
Sprache: Deutsch
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2002
- Hardcover
- Gebraucht

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448 S. Mit altersbedingten Lager- und Gebrauchsspuren. U-w-Ga-57 Sprache: Deutsch Gewicht in Gramm: 637 Gebundene Ausgabe, Maße: 13.9 cm x 3.9 cm x 21 cm.
Bestandsnummer des Verkäufers 184188
- Titel
- Die weinende Susannah: Roman Roman
- Autor
- Kimhi, Alona und Ruth Melcer:
- Verlag
- Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
- Erscheinungsjahr
- 2002
- Zustand
- Gut
- Einband
- Hardcover
- Sprache
- Deutsch
- ISBN-10
- 3446202145
- ISBN-13
- 9783446202146
- Auflage
- 2.
- Artikelgewicht
- 637 Gramm
- Verkäuferkataloge
- Roman & Erzählung
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Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.
"Weißt du, wo wir hätten leben sollen, du und ich?"
Der Besuch interessierte sich nicht im mindesten für meine Nacktheit und fuhr fort zu reden, als würde er einen Gedanken weiterspinnen, den er bisher für sich behalten hatte.
"Wo denn?"
"In Alexandria. Um die Jahrhundertwende. Ich hab mal so ein Buch gelesen, faszinierend. Wir hätten Bruder und Schwester sein sollen, die zusammen auf Reisen gehen. Wahrscheinlich Engländer. Gut betucht, aber nicht übermäßig reich. Zu reich wäre vulgär. Wir hätten in einem luxuriösen Apartmenthotel gewohnt, mit stummen sudanesischen Dienern in weißen Kutten. Du hättest gemalt, und ich hätte Reiseberichte verfasst. Nachts wären wir durch die Stadt spaziert, hätten Haschisch geraucht und zwielichtige Clubs aufgesucht - extra für dekadente Europäer wie uns. Wir wären bei den eingesessenen Nabobs zu Partys eingeladen worden. Hätten unsere Affären gehabt. Und morgens hätten wir zusammen auf dem Dach Tee getrunken. Na, was meinst du? Kennst du eine Epoche, die besser zu deiner destruktiven Persönlichkeit passt?"
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Da fiel mir die Dokumentation über die Entstehung des Universums ein, die kürzlich im Discovery Channel wiederholt worden war.
"Ich würde gern im prähistorischen Sumpf leben, als das menschliche Leben im Entstehen begriffen war."
Der Besuch drehte sich wieder zu mir um und legte sich, den Blick starr in den Himmel gerichtet, neben mir auf den Rücken.
"Klingt interessant, auch wenn's da wahrscheinlich gestunken hat wie die Pest."
Dass meine körperliche Präsenz ihn kalt ließ, empfand ich als stechende Beleidigung, um das mindeste zu sagen. Was hatte ich denn anderes erwartet? Dass er wie ein Latin lover über mich herfallen würde? Süße, perverse Sachen mit mir machte wie ein raffinierter Franzose? Dass er angesichts meiner Nähe erbeben würde wie ein Pennäler? Ich musste wohl sehr abstoßend sein. Dabei sollen Männer, nach allem, was ich gehört und gelesen habe, einer nackten Frau angeblich absolut nicht widerstehen können, und wenn sie noch so hässlich ist. Lügen über Lügen.
Ich drehte mich auf die Seite, stützte mich auf den Ellbogen und heftete den Blick auf das ruhige Gesicht des Besuchs, der auf dem Rücken neben mir lag. Meine Nacktheit war mir nicht mehr peinlich, sie war unerheblich, inhaltlos wie ein leerer Pappkarton. Die Nacktheit einer überdimensionalen, missgestalteten Plastikpuppe.
"Naor."
"Was, Süße?", murmelte er, ohne mich anzusehen. Schlaff und entspannt wie er war, kam seine Stimme nur als Flüs-
tern.
"Ich möchte dich was fragen."
Er nickte und schloss die Augen.
"Meinst du, dass sich mal irgendwer zu mir hingezogen fühlen könnte, ich meine, jemand, der normal ist?"
"Was ist das denn für eine Frage?"
Die Gereiztheit, die in seiner Stimme mitschwang, verhieß nichts Gutes. Er wälzte sich auf die Seite und nahm die gleiche Haltung ein wie ich, nur spiegelverkehrt. So lagen wir einander Auge in Auge gegenüber, wie zwei griechische Philosophen, die sich friedlich in der Abenddämmerung unterhielten. Nur dass der eine Philosoph dumme Fragen stellte und der andere sauer war.
"Ich..."
Ich hätte nur zu gern auf das Herumgestotter verzichtet und frei von der Leber weg gesagt, was ich zu sagen hatte, auch wenn es noch so schwer für mich war, es auszusprechen.
"Ich weiß nun mal... das heißt, ich finde... dass ich abstoßend bin. Ziemlich... Sehr... abstoßend. Und... du hast doch Erfahrung und... kennst dich aus... Und da hab ich... da hab ich gedacht, vielleicht... könntest du's mir sagen."
So. Jetzt war's raus. Ich atmete erleichtert auf.
"Was willst du jetzt von mir hören? Soll ich dir Komplimente machen? Dich bemitleiden? Dir widersprechen, dir deine Empfindung ausreden? Hm?"
Ich spürte, dass ich rot wurde. Genau das hatte ich befürchtet. Jetzt war er sauer auf mich, und zu Recht. Meine Frage musste sich wie pure Heuchelei angehört haben. Wie sollte ich ihn von der Aufrichtigkeit meines Anliegens überzeugen?
"Ich will kein Mitleid von dir. Ich will nur, dass du mir offen und ehrlich sagst, was du denkst."
Der bescheidene Kleinmut half mir nichts. Die Segel des Besuchs blähten sich kampflustig.
"Was denkst du dir denn? Dass nur attraktive Leute vögeln, sich verlieben, Kinder kriegen? Bist du total bescheuert? Du weißt doch, dass das purer Unfug ist. Das ist so selbstverständlich, dass es mir schade ist um die Energie, hier noch länger rumzutexten."
Ich nickte beschämt.
Natürlich war dies die längst bekannte Antwort auf meine Frage. Aber so hatte ich sie nicht gemeint. Wie zum Teufel sollte ich ihm begreiflich machen, was ich meinte? Ich konnte nur hoffen, dass auf einer irgendwie höheren Ebene eine differenziertere Verständigung möglich wäre. Das Bedürfnis, verstanden zu werden, ist ja so schwer zu befriedigen. Und so trügerisch! Verlockender noch als die Liebe, als das Glück, als
der geschmeidige Luxuskörper des Besuchs. Und doch wird man am Ende falsch verstanden und bleibt auf seinem innigen Wunsch sitzen - trotz aller Kommunikationsakrobatik, die man vollführt hat. Ich wusste das.
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