Jäger-Dabek, Brigitte Jahrgang 1952, aufgewachsen in Stade bei Hamburg, zahlreiche Reisen durch Europa und nach Amerika, Afrika und Japan, danach Studium der Politik- und Islamwissenschaften in Hamburg, Tätigkeit als selbständige Optiker-Meisterin; 1984 Heirat mit einem Polen; seit 1997 freie Journalistin mit dem Spezialgebiet Osteuropa.
Einleitung
»>La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort,
nicht wahr?-
fragte sie mich und atmete erleichtert auf. Es gibt jetzt so
viele
von diesen Ländern, dass es am sichersten ist, über das Klima
zu
sprechen.
>Oh ja<, möchte ich entgegnen, >die Dichter meines
Landes
schreiben in Handschuhen. Ich behaupte nicht, sie zögen sie
niemals
aus; wenn der Mondschein wärmt, dann schon. In ihren
Strophen, vom
lauten Getöse skandiert, denn nur Getöse dringt
durch das Heulen der
Stürme, besingen sie das einfache Leben
der Seehundhirten. Die Klassiker
wühlen mit Tintenzapfen in
den festgetretenen Dünen. Der Rest, die
Dekadenten, beweint
das Schicksal der kleinen Sterne aus Schnee. Wer sich
ertränken
will, muss zum Beil greifen, um eine Wake zu schlagen. So
ist
das, meine Liebe.<«
Ja, so ist das. Und seit den 60er Jahren, als
die polnische Schriftstellerin
und Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska
diese
Zeilen schrieb, hat sich an der Ahnungslosigkeit der
Europäer
gegenüber Polen nicht viel verändert.
Mit schöner Regelmäßigkeit
ging ein Aufschrei durch meinen
Freundes- und Bekanntenkreis, wenn ich auf
die Frage, wohin
ich im Sommer fahre, »nach Polen« antwortete. Die
Heimat
meiner Familie hätte ich doch nun gesehen, die 22 Jahre
nach
Kriegsende eher zufällig wiedergefundenen Verwandten
besucht, und das müsse
es nun sein.
Als ich einige Zeit später auch noch verkündete, einen
Polen
heiraten zu wollen, hielten mich alle für ein wenig verrückt. Und
man
war erstaunt, dass mein Zukünftiger nicht keuleschwingend
und in Felle
gewandet auftrat und er auch noch abstritt,
dass in seiner Heimatstadt
Warschau die weißen Bären auf den
Straßen herumliefen.
Mit Enthusiasmus
hatte ich von Polen erzählt, von der tollen
Landschaft geschwärmt und den
offenen, überwältigend gastfreundlichen
Menschen in ihrer so schwierigen
Lebenssituation
in den 70er und 80er Jahren. Hören wollte das kaum
jemand,
alles was östlich der Elbe lag, interessierte meine
westdeutschen
Altersgenossen nicht. Polen wurde irgendwo kurz vor
Sibirien
verortet, war aber dennoch nicht weit genug entfernt, um
exotische
Reize zu verströmen, außerdem galt Polen als rückständig,
arm und
langweilig, manchen auch als deutschfeindlich.
So gab es, als mein Mann und
ich uns Jahre später trennten,
immer noch Zeitgenossen, die meinten, unsere
Scheidung sei darin
begründet, dass Polen und Deutsche eben doch nicht so
richtig
miteinander könnten.
Im Westen zeigten allenfalls die politisch
Interessierten eine
gewisse Anteilnahme an den Geschehnissen im August
1980
und der Solidarnosc-Gründung. Manche erinnerten sich auch
meiner
Polenkontakte, als die großen Paketaktionen und Hilfssendungen
Anfang der
80er Jahre liefen. Spenden beruhigt, man
hat ja geholfen, aber sich genauer
informieren? Das passierte genauso
wenig, wie sich auch Spender für die
Sahelzone nicht
interessieren, wenn sie für Dürreopfer Geld geben.
Da die
Polen bis auf die Kriegsrechtszeit 1981 ins westliche
Ausland reisen
konnten, hatte ich natürlich regelmäßig Besuch
von dort, nicht nur die
Schwiegereltern, auch Verwandte und
Freunde in meinem Alter kamen. Dadurch
erhielten die aus dem
Fernsehen bekannten Probleme des Landes plötzlich ein
Gesicht.
Wie die meisten meiner Landsleute zugeben mussten, ein
meist
sympathisches Gesicht. Das zumindest bewirkte in meinem
Umfeld erste
Nachdenklichkeiten, und mancher Bekannte
schaute nun hin, wenn im Fernsehen
Berichte aus Polen liefen.
Die aus eigener Kraft errungene politische Wende
in Polen
ging an Deutschland Ost und West relativ unbemerkt vorüber,
hier
war ein jeder von den Umwälzungen im eigenen Land gefangen.
Als die Mauer
am 9. November 1989 fiel, war Bundeskanzler
Kohl in Warschau zu Besuch,
beim damals ersten demokratisch
legitimierten Ministerpräsidenten des
Ostblocks, dem
katholischen Intellektuellen Tadeusz Mazowiecki.
Die
Westorientierung in der alten Bundesrepublik färbte auch
auf den Ostteil
ab; selbst die Verlegung des Machtzentrums vom
Rhein im Westen in das
östliche Berlin erweiterte die Perspektive kaum. Dass Polen tatsächlich
unser Nachbar ist, drang in
manche westdeutsche Gegend noch nicht so recht
durch, dabei
liegt die polnische Grenze keine 100 Kilometer und gerade
mal
eine Autostunde von Berlin entfernt. Inzwischen gibt es die
Europa-
Universität »Viadrina« in Frankfurt (Oder), intensiven
Jugendaustausch
und freundschaftliche Beziehungen auf höchster
Ebene.
Trotzdem bleibt Polen für die meisten Deutschen der unbekannte
Nachbar,
bedacht mit Klischees. Während die Franzosen
die raffiniertesten Liebhaber
sein sollen, die Deutschen die
Ordnung in Person sind und die Engländer
angeblich vor hintergründigem
Humor sprühen, gelten Polen gemeinhin als
faul
bei der Arbeit und fleißig beim Mitnehmen fremden Eigentums.
Erst die
Überwindung solcher tief verwurzelter Vorurteile macht
ein echtes
Kennenlernen möglich.
Zwischen der Ebene offizieller Kontakte, geförderter
Begegnungen,
institutionalisierter Treffen und dem Alltag im
Verhältnis
beider Völker zueinander besteht immer noch eine
große
Diskrepanz. Um sie zu überwinden, genügt es aber nicht, jede
normale
Handlung zwischen Deutschen und Polen als Versöhnungstat
zu bezeichnen, die
dann auch noch meist von deutscher
Seite ausgeht. »Versöhnungskitsch«
nannte der deutsche Journalist
und langjährige Polenkorrespondent Klaus
Bachmann
dieses verkrampfte Streben nach Normalität. Er gab zu
bedenken,
was der damalige deutsche Bundespräsident Richard von
Weizsäcker
1992 bei seinem Besuch in Warschau gesagt hatte:
»Versöhnen können sich nur
Polen mit Deutschen, nicht umgekehrt.
Das wäre ja sonst so, als fordere der
Täter das Opfer zur
Versöhnung auf.«²
So bleibt das deutsch-polnische
Verhältnis eine Herausforderung,
solange wir nicht gelernt haben, ganz
selbstverständlich
im Alltag miteinander umzugehen, solange die Grenze an
der
Oder nicht genauso wenig trennend ist wie die am Rhein.
Wie viele von
uns kennen einen Franzosen oder Schweizer,
einen Belgier, Holländer oder
Schweden. Aber wer kennt schon
einen Polen?
Es wird Zeit für eine kleine
Brücke über die Oder, die ich mit
diesem Buch bauen möchte. Kommen Sie
einfach mit, schauen
Sie mal herein bei unserem unbekannten Nachbarn und
lernen
Sie Polen ein bisschen besser kennen und verstehen.
„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
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Zustand: good. Befriedigend/Good: Durchschnittlich erhaltenes Buch bzw. Schutzumschlag mit Gebrauchsspuren, aber vollständigen Seiten. / Describes the average WORN book or dust jacket that has all the pages present. Artikel-Nr. M0386153407X-G
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