Aymarische Handschrift aus Bolivien in Piktogrammen

Die Librería Astarloa aus Bilbao bietet beim ZVAB eine Handschrift des südamerikanischen Aymara-Stammes in einem interessanten Konvolut zum Verkauf an. Es handelt sich um einen Katechismus in Piktogrammen aus dem späten 19. Jahrhundert, der aus der Andenregion des Titicacasees in Bolivien stammt. Die Handschrift diente als Einführung in den katholischen Glauben für die indigene Bevölkerung und wurde vermutlich ohne das Wissen der ortsansässigen Mönche verbreitet. Die Echtheit des Fundes wurde von Dr. Juan José Batalla Rosada, Professor für Amerikanische Geschichte und Anthropologie an der Universidad Complutense in Madrid, schriftlich bestätigt.

Die Handschrift wurde in dem Nachlass der Familie Novia de Salcedo aus Bilbao gefunden. Im 19. Jahrhundert hatte Doña Sotera Novia de Salcedo y Ocio eine ausgedehnte Reise durch Lateinamerika unternommen und die Handschrift als Andenken zurück nach Spanien gebracht.

Neben dem Katechismus befanden sich unter den historischen Fundstücken dieser Reise außerdem ein Tagebuch, das momentan ausgewertet wird, und ein Sammelalbum. Letzteres war ein Abschiedsgeschenk mit Texten und Widmungen bedeutender Persönlichkeiten und des Freundeskreises, den die Reisende in Bolivien aufgebaut hatte, und enthält außerdem Gedichte, Zeichnungen und Karten der Region.

Besondere Funde stellen den schönsten Teil unserer Arbeit dar“, erklärt Íker Madariaga, der Eigentümer der Librería Astarloa. „Wir gehen davon aus, dass es sich um ein einzigartiges Stück handelt, andere erhaltene Handschriften dieser Art befinden sich bereits in Museen.“ Dieser besondere Fund wird als Konvolut aus der Handschrift, dem Tagebuch und dem Erinnerungsalbum sowie dem Testament und einigen Fotografien der Doña Sotera für einen Gesamtwert von 160.000 Euro beim ZVAB zum Verkauf angeboten.

Die Handschrift von Tschudi

Die Handschrift der Familie Novia zeigt einige unübersehbare Ähnlichkeiten zu einer Handschrift, die sich sich im Besitz des Ethnologischen Museums in Berlin befindet. Der Schweizer Forscher Johann Jakob von Tschudi hatte diese Handschrift während seiner Reisen durch Südamerika ebenfalls in der Andenregion des Titicacasees entdeckt. Ein Faksimile der Handschrift hat er im 5. Band seiner Reiseerzählungen mit dem Vermerk „Eigenthümliche Indianderschrift“ abgedruckt.

„Ich fand bei ihm ein ungefähr zwölf Jahre altes Indianermädchen, mit einem Fell voll Hieroglyphen, [...] Auf Befehl des Padre Areche las nun das Kind ziemlich geläufig die Hieroglyphen in Aymarasprache. Sie enthielten den kleinen Katechismus! Areche gab mir nun folgende Erklärung. Ein alter Indianer in Sampaya und eifriger Katholik hatte, ohne die geringste Kenntniss vom Lesen und Schreiben zu besitzen, sich gewisse symbolische Zeichen erfunden und mit denselben den Katechismus auf Felle oder Papier gemalt.“ Reisen durch Südamerika Bd. 5, S. 314-315

Bei der Schreibtechnik handelt es sich um eine einst verbreitete Technik, die allerdings zur Zeit von Tschudis Besuch bereits beinahe ausgestorben ist. Bei der bustrophedonen Piktografie werden die Bildzeichen zuerst von links nach rechts und in der folgenden Zeile von rechts nach links gelesen; jeder neue Hauptabschnitt beginnt wieder von links. Von den Verfassern wurden die Handschriften auf Aymara gelesen, da es sich um Piktogramme handelt, vermuten Experten, dass es durchaus möglich sei, die Handschriften in anderen Sprachen zu lesen.

Da sich Zeitpunkt und Ort der Entdeckung der beiden Handschriften stark ähneln, und darüber hinaus der Inhalt beinahe identisch ist, kommt Dr. Batalla zu dem Ergebnis, dass die Handschrift der Familie Novia und die Handschrift von Tschudi mit hoher Wahrscheinlichkeit vom gleichen Verfasser stammen.

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Das Reisetagebuch

Die Informationen über die Reisen spanischer Adelsfamilien im Lateinamerika des 19. Jahrhunderts sind begrenzt. Das Reisetagebuch von Doña Sotera beginnt im Jahr 1850 mit der Reise von Bilbao über Paris und London und der Atlantiküberfahrt mit dem Ziel Südamerika. Nach einer strapaziösen Reise lässt sie sich schließlich in Bolivien nieder. Dort angekommen nimmt sie an Expeditionen teil, die sie in Begleitung von Forschern und Kartographen zum Titicacasee und den umliegenden Dörfern der indigenen Bevölkerung führen. Ihre Eindrücke und Erfahrungen auf diesen Reisen hält sie detailliert in ihrem Tagebuch fest. Ihr Zeugnis stellt heute eine interessante Quelle zu der Kultur und dem Leben in der Region des Titicacasees im 19. Jahrhundert aus weiblicher Perspektive dar.

Das Erinnerungsalbum

Zu ihrer Rückkehr nach Spanien bekommt Doña Sotera von der bolivianischen Elite ein Album mit Widmungen, Gedichten, Zeichnungen und Karten als Erinnerung an ihre Zeit in Bolivien geschenkt. Besonders beeindruckend sind eine Widmung des bolivianischen Musikers und Lyrikers Modesta Sanginés und eine Zeichnung des Titicacasees mit der Reiseroute der Doña von dem Kartographen Juan de Ondarza.

„Der Fokus liegt natürlich auf der Handschrift, doch nur durch die Beilage von Tagebuch und Album wird die historische Bedeutung vollends bewusst.“ Íker Madariaga, Librería Astarloa

Wir freuen uns, Ihnen diesen besonderen kultur-historischen Fund beim ZVAB vorstellen zu dürfen. Das Konvolut aus der Handschrift, dem Tagebuch und dem Erinnerungsalbum ist eine antiquarische Seltenheit und für Sammler und Forscher gleichermaßen wertvoll.