Du und ich, ewig eins
Sprache: Deutsch
Verlag: Eichborn, 2001
- Hardcover
- Gebraucht

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- Titel
- Du und ich, ewig eins
- Autor
- Meichtry, Wilfried
- Verlag
- Eichborn
- Veröffentlichungsjahr
- 2001
- Zustand
- good
- Einband
- Hardcover
- Sprache
- Deutsch
- ISBN-10
- 3821808667
- ISBN-13
- 9783821808666
„Inhaltsangabe“ gehört möglicherweise zu einer anderen Auflage dieses Titels.
Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.
Mit zwölf Jahren kam ich ins Altersheim.
"Der Bub kriegt zweihundert Franken und freies Essen", sagte der Heimleiter zu
meinem Vater und als die beiden Männer ihre Abmachung mit einem Handschlag
bekräftigten, wußte ich, daß man mir in der Schule schon bald "Stallbub"
nachrufen würde. Das Schlimmste war die Mittagszeit, die ich mit über fünfzig
alten und gebrechlichen Menschen in diesem großen und immer leicht muffelnden
Speisesaal verbringen mußte. Ich weiß nicht, wie ich den Sommer auf dem
Gutsbetrieb des Altersheims überstanden hätte, wenn nicht eines Tages Gentinetta
mein Tischnachbar geworden wäre. Der alte Mann erinnerte sich an meinen
Großvater, den ich kaum und er sehr gut gekannt hatte, und erzählte von früher.
Für die Leute im Dorf war Gentinetta ein komischer Kauz. Immer trug er
irgendwelche Bücher mit sich herum und sprach davon, Leuk, das Wallis und die
Schweiz eines Tages für immer zu verlassen. Für mich stellte der alte Mann die
Rettung dar. Mit seinen Geschichten eröffnete er mir jeden Mittag neue Welten,
die zu meiner Zuflucht wurden, wenn meine Tolpatschigkeit den Stallmeister zur
Weißglut trieb oder ich ganze Nachmittage auf den endlos weiten Kartoffel- oder
Maisfeldern von der Sonne geröstet wurde.
Bei einem dieser Mittagessen fragte Gentinetta, ob ich wisse, daß das Altersheim
früher das Schloß eines Barons war. Ich hatte keine Ahnung und glaubte ihm erst,
als er mir das auf dem Eingangsportal eingeschnitzte Familienwappen mit den
schwerttragenden Adlern zeigte und erzählte, daß die Kapelle einst der Ballsaal
des Schlosses war und der Baron hier rauschende Feste gab. Als er mich auch noch
zu einem großen steinernen Löwen führte, der früher im Schloßhof gestanden hatte
und nun unter einer dicken Staubschicht verborgen in einer dunklen Ecke des
Kellers lag, war ich sehr beeindruckt. Wie mochte es wohl gewesen sein, damals,
als in diesem Haus noch vornehme Herrschaften ein- und ausgingen? Gentinetta
begann zu erzählen: Der letzte Schloßherr, der mit seiner Familie hier
residierte, war Baron Leo von Werra, der im Jahre 1912 auf einen Schlag seinen
gesamten Besitz verlor. Um wieder zu Geld zu kommen, tat dieser Baron dann etwas
sehr Schlimmes: Er verkaufte seine beiden jüngsten Kinder, Emma und Franz, für
dreißigtausend Franken nach Deutschland!
Ich war entsetzt. Ein Vater, der seine eigenen Kinder verkauft! Das war
schrecklich. Ich hatte nicht gewußt, daß es Väter gab, die ihren Kindern so
etwas antun konnten. Emma und Franz taten mir leid. Ich wollte mehr über sie
wissen. Gentinetta erinnerte sich nur, daß Franz von Werra im Zweiten Weltkrieg
ein berühmter Flieger wurde. Als ich ihn nach dem verkauften Mädchen fragte,
erzählte er, Emma von Werra habe Deutschland nach ihrer Pensionierung verlassen
und wohne seither in Leuk. Offenbar war sie vor einigen Jahren - kurz nach ihrer
Rückkehr in die Schweiz - oft ins Altersheim gekommen und hatte ganze
Nachmittage in Gedanken versunken im Garten gesessen. Als Gentinetta die Frau
eines Tages ansprach und nach ihrem Bruder fragte, holte er sich eine
unmißverständliche Abfuhr. Damit hatte er gerechnet. Er wußte ja, daß Emma von
Werra mit niemandem über ihren Bruder sprach, auch nicht nach dem Film, der ihn
berühmt gemacht hatte.
Film? Welcher Film? Ich konnte kaum glauben, was Gentinetta erzählte: Ende der
fünfziger Jahre war ein Spielfilm über die Kriegserlebnisse von Franz von Werra
ins Kino gekommen, der dazu führte, daß man sich in Leuk wieder an die
verkauften Kinder erinnerte. Die Familie von Werra verweigerte damals jede
Auskunft und meldete sich selbst dann nicht zu Wort, als immer nur vom deutschen
Fliegeraß Franz von Werra die Rede war und man mit keinem Wort auf seine
Schweizer Herkunft einging. Gentinetta hoffte, daß der Film eines Tages auch
nach Leuk komme. Er könne es schon verstehen, räumte der alte Mann ein, daß die
Behörden, die sich bislang gegen eine öffentliche Vorführung gestellt hatten,
diesem Franz von Werra sehr kritisch gegenüberstanden. Schliesslich war es kein
Ruhmesblatt für Leuk, daß sein berühmtester Sohn für Hitler in den Krieg gezogen
war.
Als der lange Sommer 1977 endlich zu Ende ging, hatte ich nicht nur mein erstes
selbstverdientes Geld in der Tasche, sondern auch eine Geschichte im Kopf. Ich
wollte wissen, an wen Franz von Werra verkauft worden war, was er erlebt und ob
er seinen Vater gehaßt hatte. Ins Altersheim allerdings wollte ich kein zweites
Mal; erst recht nicht, als ich erfuhr, daß Gentinetta krank geworden war und
sein Zimmer nicht mehr verlassen konnte.
In den folgenden Jahren wurde die Kirche von Leuk renoviert. Das ganze Dorf war
auf den Beinen, als die Wiedereinsegnung mit einem dreitägigen Fest begangen
wurde. Als besondere Attraktion sollte dabei der Film über Franz von Werra
gezeigt werden. Eine halbe Stunde vor Beginn saß ich bereits im alten Speisesaal
des Restaurants "Krone", der notdürftig in einen Kinosaal verwandelt worden war.
Plötzlich - der Saal war inzwischen zum Bersten voll - richteten sich die Augen
aller auf eine vornehme ältere Frau mit hochgestecktem weißem Haar, die allein
den schummrigen Saal betrat und auf einem reservierten Stuhl in der ersten Reihe
Platz nahm.
"Das ist die Schwester! Emma von Werra!", flüsterte neben mir eine Frau.
"Sie ist mit ihrem Bruder nach Deutschland verkauft worden." Kurz darauf wurde
das Licht ausgemacht und ein alter Projektor begann zu surren. "Einer kam durch"
war mein erstes Kinoerlebnis. Von diesem Tag an gab es für mich nicht mehr nur
zwei, sondern drei Helden: Odysseus, Old Shatterhand und Franz von Werra.
„Über diesen Titel“ gehört möglicherweise zu einer anderen Auflage dieses Titels.
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