Die Heilige Queste
Zur Herbstsonnenwende, im Garten Ehedem
"Im Anfang erschuf ich den Himmel und die Hö-hölle."
Der Majittri stotterte. Sein heiseres Gelalle hatte mit Sprache kaum mehr etwas gemein. Es klang eher wie das Röcheln der sechsrädrigen Schubtiere, wenn sie eine schwere Last über die Hügel hievten. Egal, Boryk und die anderen hörten sowieso nicht hin. Sie kannten die Litanei auswendig. Von der Krippe auf war sie ihnen eingebläut worden, abwechselnd mit Rute und Süßriegel.
"Himmel und Hölle aber lagen wüst und ohne Leben. Fi-Finsternis bedeckte den Abgrund, und nur mein Geist schwebte über den Wassern ..."
Boryks Lippen bewegten sich automatisch mit, ob er wollte oder nicht. Dabei war die Litanei so ziemlich das Letzte, das ihn momentan interessierte. Er schwitzte und fror erbärmlich. Die Kiesel, auf denen er kniete, bohrten sich in seine Haut. Von Atemzug zu Atemzug steigerte sich der Schmerz. Vor allem aber hatte Boryk Angst. Angst, jeden Augenblick umzukippen, Balance und Körperspannung zu verlieren, zu schwächeln, zusammenzuklappen. Mit dem Gesicht voran auf die heißen Steine zu fallen, unfähig, sich abzufangen, da man ihm die Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte. So war es Brauch, so verlangte es das Ritual. Boryk hätte liebend gern darauf verzichtet, und auf das Gestammel des Majittri erst recht.
"Denn ich hatte die Wasser über die Erde ko-kommen lassen, um alles Fleisch, in dem Lebensodem war, zu vertilgen. Alles auf der Erde sollte ausgerottet werden. Denn die Erde war vor mir verderbt und hatte sich gefüllt mit Mordtat. Ich habe die Erde gesehen: Verderbt war sie, denn alles Fleisch ha-hatte seinen Wandel auf Erden verderbt. Die Bosheit der Menschen war groß, und alle Gedankengebilde ihrer Herzen richteten sie immerfort nur auf das Böse. Die Kinder, die sie geba-baren, waren verderbt und gebärdeten sich wie Gewürm. Und da sie keine Gnade in meinen Augen fanden, vertilgte ich sie und ersäufte sie in den Wassern der F-Flut."
In Boryks Bauch rumorte es. Er hatte gefastet, wie ihm aufgetragen worden war, drei Tage und Nächte lang. Na ja, fast. Ein paar Schlucke und Süßriegel hatte er sich dann doch vergönnt, als Durst und Hunger ihn gar zu sehr gequält hatten.
Nun machte er sich deswegen Vorwürfe. Die Zeremonie würde noch lange dauern. Was, wenn er in dieser unnatürlichen, verkrampften Haltung seinen Stoffwechsel nicht zu kontrollieren vermochte? Wenn er sich beschmutzte, befleckte vor aller Augen?
Dann konnte er seine Initiation vergessen. Immer schon der Schwächste seines Jahrgangs und ständig in Gefahr, als lebensuntüchtig eingestuft zu werden, würde er statt über die Vulkanklippen gen Jenseite schnurstracks in den Vertilgerschlund wandern.
Ausgemerzt noch vor der ersten Bewährung ... Der schmählichste vorstellbare Tod. Und doch war das nicht die schlimmste von Boryks Ängsten.
"Sodann befahl ich: Es werde Licht, damit es scheide zwischen den Finsternissen. Und ein Firmament ward zwischen den Wassern, zwischen Wasser u-unterhalb des Firmamentes und Wasser oberhalb des Firmamentes, zwischen Himmel und Hölle. Und ich stellte fest, dass das zi-zi-ziemlich gut war."
Links und rechts von Boryk knieten Gujnar und Rautsh. Seinen Krippbrüdern schien die Tortur viel weniger auszumachen als ihm. Stolz hatten sie die Brust herausgereckt, die Köpfe erhoben, die glänzend blauen Augen weit geöffnet. Sie lächelten siegesgewiss. Spürten sie denn die Hitze nicht, die von den rot glühenden Steinen im Weihrauchbecken ausging und Haarspitzen und Brauen versengte? Den eisigen Wind, der an ihren dünnen weißen Hemdchen riss? Empfanden sie denn gar keine Furcht vor dem, was ihnen bevorstand?
Nein, gab sich Boryk zur Antwort. Wahrscheinlich sind sie schlicht und einfach zu blöd dazu.
Gleich darauf schämte er sich seines Gedankens. Wie kam er dazu, sich den Zwillingen überlegen zu fühlen? Ausgerechnet er, der mit Abstand Schmächtigste des Jahrgangs! Der kleine, dürre Boryk, der eher wie ein unterernährter Fünfjähriger wirkte denn wie ein Junge an der Schwelle zum Mannsein.
An der Schwelle, die er in Bälde überschreiten sollte ...
"Hernach befahl ich, dass sich die Wasser sammelten und trockenes Land erscheine. Und das Land grü-grünte und brachte Grünes hervor, Kraut, das Samen bringt nach seiner Art, und Bäume, die Früchte bringen nach ihrer Art. Und ich installierte Leuchten am Firmament, damit sie erhellen Himmel und Hölle und scheiden zwischen Abend und Morgen, zwischen dem Licht und der Finsternis, und damit sie als Zeichen dienen für die Festzeiten und Tage, Wochen, Monate und Jahre. Ich finde, die Beleuchtung ist mir wirklich recht hübsch gelungen, be-besonders die Monde. Jedenfalls, danach sprach ich: Lasset uns Menschen machen nach unserem Ebenbilde ..."
(...)