6/12/42
Hitler hat gesiegt, zunächst auf legalem Wege, etwa durch Wahlen. Auf eine unklare und auch
nicht zu erklärende Art haben meine Freunde mich zur Beobachtung seiner Siegesfeier
delegieren können; und der Zwang der Legalität ist noch so stark für ihn, dass seine Leute
mich, den Beobachter, auf die Tribüne einladen müssen. Ich bin also, als einziger
Nichtnationalsozialist, offiziell anwesend. Als Hitler schlenkrig zu seiner Rede vortritt,
beginnt er, mit einem kurz flackernden schrägen Rückblick auf den Tisch, hinter dem auch
ich sitze: »Rudolf, Parteigenossen, deutsches Volk !«; es erfüllt mich mit wilder höhnischer
Freude, dass er sich mit dieser Anrede vor der Geschichte seine Siegesrede hat verderben
müssen. Die Rede vergeht ohne Eindruck, ja eigentlich ohne dass ich sie wahrnehme. Die
Feier verwildert dann gleich zu einer ziemlich plumpen und sehr wirren Orgie; Leute laufen
auf und ab, eine Gruppe tut sich in meiner Nähe besonders hervor, in der neben einem Riesen
ein kleiner zierlicher Mensch agiert, der Graf Goerz [er ähnelt einem reichen Berliner
Bohémien, dessen Namen ich vergessen habe, aber auch meinem Vetter Erich Matthes]. Als
ich gehn will, sagt mir der, ich müsse mir doch noch meinen steifen Hut [oder Zylinderhut?]
einschlagen lassen, das gehöre zur Feier. Einmal will ich es machen lassen, aber nur einmal.
Dann beraten wir bei Münzenberg, was wir tun wollen, in einem gut eingerichteten Verlage
[der aber eher den Charakter des Rowohltschen Verlages hat, jedenfalls Elemente des
Rowohlt-Verlages beigemischt enthält]. Ich habe in einem dicken kleinen Lederband, der mit
vielen andern Hausexemplaren auf Münzenbergs grossem Tisch aufgestellt ist, geblättert und
einen vor wenigen Tagen aufgesetzten Text gefunden, der mir für die neue Lage vorzüglich
verwendbar erscheint. Münzenberg wirft mir vor, diesen Band genommen zu haben, der doch
ein unberührbares Schau-Exemplar sei. Ich antworte nicht, aber ich finde in dem Bande feine
Bleistiftnotizen, die von Ludwig [Emil Ludwig?] stammen. Mir fällt ein, dass ja nun diese
Bücher alle überhaupt verschwinden müssen; ich möchte mir gleich nachher einige
Verlagswerke, die mir fehlen, mitnehmen. Die Beratung wird erregt; wir stehn alle in der
Mitte des grossen Zimmers beisammen. Marcuse, der zusammengedrückt und belastet
aussieht, und ein zwergenhafter Mensch melden sich ebenso heftig wie ich zum Wort. Ich bin
sehr ungeduldig, den Text, der mir alle Schwierigkeiten zu lösen scheint, vorzulegen. Der
Diskussionsleiter sieht herum, deutet auf mich und sagt, ich hätte mich zuerst gemeldet. Am
nächsten Morgen gehe ich durch die Stadt. Auf einem Platze trete ich an ein grosses
ungedecktes Pissoir. Ein Bekannter schräg hinter mir bemerkt grinsend, diese Anstalten seien
in der neuen Situation für viele höchst gefährlich er meint: für solche, die man dort als
Beschnittne erkennen könnte. Die Bemerkung missfällt mir, darum antworte ich, ziemlich
töricht, dass die niedrig umzäunten Anstalten wie die hier nebenan ja auch jedem, der sehn
will, die Einsicht gestatten. Aus einem Gespräch in der Nähe höre ich die Worte »Herr
Leonhard«, einen Hinweis auf mich, heraustönen; dass mich bei der Siegesfeier so viele
Leute, Feinde, gesehn haben, ist sehr gefährlich. Ich gehe durch eine verlassne, düstre, etwas
verkommne Geschäftsstrasse, ich orientiere mich: ich will Zigarren kaufen und mich rasieren
lassen, dass ich unrasiert bin, hat mich schon vorher gestört. Ich steige in einen ersten Stock
und frage die verwaschne dickliche Verkäuferin, ob die Reparatur meiner Tasche fertig ist.
Sie holt sie [es ist die sehr kleine Aktentasche, die mir Brauns einmal zum Geburtstag
geschenkt haben und die, im Koffer, in Dakar verloren gegangen ist und mir nun sehr fehlt;
sie ist aber nicht, wie in Wirklichkeit, aus gestanztem marokkanischen Leder, sondern aus eng
geflochtnem Stroh]; seit ich das letzte mal nach ihr gefragt habe, und damals schon sollte sie
fertig sein, ist nichts daran gemacht worden. Die Verkäuferin, selbst entsetzt, entschuldigt
sich wortreich und unklar. Ich bleibe in dem Raume. Ganze Gestelle sind mit Kartoffelbrei
belegt; die begiesse ich, wie man ein Gartenbeet begiesst, mit Säure, sorgsam so, dass jedes
Fleckchen getränkt wird; dabei erkläre ich, was das mit dem Friedenswillen der Völker
Europas, mit der Führung der Völker Europas zum Frieden zu tun hat. [Dies können
verschiedne Traumstücke sein.]
13/12/42
Der Radioapparat, der hoch in einer Zimmerecke steht, gibt einen anhaltenden hohen Pfeifton
von sich, während wir sprechen; jemand, vielleicht Mutter, hat ihn ohne Rücksicht auf unsre
Situation und unser Vorhaben angestellt. Während der Besprechungen soll ich warmes
Wasser holen; ich müsse, weil mehrere Töpfe voll kochenden Wassers auf den beiden Herden
stehn; es ist freilich wahr, dass sie für bestimmte Zwecke aufgestellt sind. Als ich hinausgehe,
höre ich hinter mir einen heftigen Zank zwischen Siegmund Nielsen und einem andern;
Siegmund schreit, dass dieser Zank auch für später gelte, dass man auf ihn zurückkommen
werde. Draussen, im Umgange einer rennbahn- oder sportplatzähnlichen Anlage, werde ich
von einem Älteren [wohl einem älteren Mitschüler; Erich Kretschmer?] angegangen, ob ich
nun einen Säbel kaufen und tragen wolle. Bisher habe ich durchaus keinen gewollt [sicherlich
eine Erinnerung an die Situation im Weltkriege, als ich sogar einmal aus dem Fenster der
Kaserne sprang, um nicht Offiziersschüler zu werden]; aber die Situation hat sich völlig
geändert, es könnte jetzt von Wert sein, dass in diesem Lande einige von uns das Portépée
tragen. Ich sehe mir die Degen an, die andre schon tragen, einer vor allem, ein Kamerad, ein
rotbackiger vollblütiger fetter Bursche [Ähnlichkeit mit Boucher, aber auch mit andern nicht
mehr feststellbaren Freunden]; es sind ziemlich lange, fast ganz grade, schmale Klingen mit
kleinen vergoldeten Körben. Wieviel kostet so ein Säbel? Zweihundert Mark? [oder
Franken?] »Zwei Tote«, antwortet kurz und scharf der Ältere. »Du hast doch nicht damit
getötet«, erwidre ich ärgerlich; »und ich will wissen, was er jetzt kostet, nicht nachher!« [Der
Saloppheit der Konstruktion bin ich mir im Traum, und in der Ärgerlichkeit des Moments,
nicht bewusst.] Jemand sagt: »Ihr müsst darauf achten, dass diese Säbel nicht dem deutschen
Volke gefährlich werden«, dabei, natürlich, das Wort »Volk« sehr betonend. Ich beruhige ihn:
Diese Säbel werden nur da ausgegeben, wo wir sicher sind, dass sie gegen niemand aus dem
deutschen Volke mit demselben Tone gebraucht werden. Es ist von einem die Rede, der
krank ist; das ist ganz falsch gemacht worden, wird gesagt, er hat die Cholera, und dies und
das, und nun noch den Blitzschlag; man hätte das anders umlegen müssen, »auf einen süssen
Jungen und einen schiffigen Mann«. Einige bringen Holz, ich muss und will helfen, es
weiterschaffen; ich fasse ein Fahrrad an, an das ganz weisse Planken, in erstaunlicher Menge,
wunderbar glatt zusammengefügt, angebunden sind. Ich werde Mühe haben, die Pedale zu
erreichen, und noch mehr, sie anzutreten. Das Rad müsste auch gewendet werden, sein
Gelenk ist aber nicht ganz spielbar, ich kann es nicht einmal bis zum rechten Winkel von
Vorder- und Hinterrad drehn; ich muss also mit dem Rade die Operation machen, die ein
Chauffeur mit einem grossen Auto macht, das kurz wenden soll. Und da sehe ich noch vor
dem Rade, das ich hin und her bewege, einen unordentlichen Haufen Stacheldraht, der die
Reifen verletzen könnte! Der Ältere ruft mir zu, er borge mir das Rad, zu beliebiger
Benutzung und setzt dann hinzu: »Du musst es aber heute zurückgeben!« Über diese...