Über das Sammeln von Kinderbüchern — Winfried Geisenheyner


Illustration von Egbert
Herfurt

Einige Anregungen am Beispiel von Kinderbüchern aus der ehemaligen DDR

Die Frage: "Was soll ich sammeln?" oder "Welche Kinderbücher sind sammelnswert?" beantworte ich meist mit der Gegenfrage: "Was interessiert Sie?", oder "Woran haben Sie selbst so viel Freude, dass Sie sammeln möchten?". Grundsätzlich also sollte man nur die Bücher sammeln, an denen man selbst Freude und Interesse hat. Und so entstehen auch im Bereich des Kinderbuches eine Menge sogenannter Spezialsammlungen, wie z.B. Kinderbücher, die man als Kind gehabt und geliebt hat: Schulfibeln, Struwwelpeter, Max und Moritz, Bilderbücher bestimmter IllustratorInnen oder bestimmter Verlage, Kinderbücher mit historischem oder religiösem Inhalt, Kinderbuch-Autoren einer bestimmten Region, Bücher, die positive oder negative Ideologien vertreten, wie z.B. Brave Kinder – Rassismus – pädagogische Vorbereitung zum Krieg. Die Liste ist fortführbar und zeigt, dass auch das Sammeln von Kinder- und Bilderbüchern eine ganz persönliche Angelegenheit ist.


Von Christine Klemke
illustriertes Kinderbuch

Worauf sollte man nun beim Sammeln achten, um nicht nur anzuhäufen, sondern sich eine schöne Sammlung in das meist platzmäßig begrenzte Wohnzimmer zu stellen. Grundsätzlich muss das oberste Gebot "Qualität" sein: Qualität, was den Zustand der Bücher betrifft, und Qualität im Hinblick auf Inhalt und buchkünstlerische Gestaltung. Enttäuschungen über Fehlkäufe kann man sich durch einen von vornherein geplant strukturierten Aufbau der Sammlung ersparen. So ist es ratsam, die Sammlung in konzentrischen Kreisen von Innen nach Außen anzulegen, d.h.: wichtige Bücher zuerst erwerben, und dann den Hauptsammlungsgedanken nach außen erweitern, dabei aber möglichst nicht der Versuchung erliegen, ein schlecht erhaltenes Buch zu erwerben in der Hoffnung, es später einmal austauschen zu können. Die Erfahrung zeigt, dass man zu dem "Austausch" selten kommt, sich aber ständig über den Zustand des Exemplars ärgert.

Der Sammler wird feststellen, dass eine nach diesen Grundsätzen aufgebaute und strukturierte Kinderbuchsammlung nicht nur Freude bereitet, sondern auch bald in seiner Gesamtheit einen beträchtlichen Wert darstellt. Oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass Kunden in den "sauren Apfel" gebissen und ein ihrer Meinung nach teures Buch erworben haben, um später festzustellen, dass dieser Kauf ein Glücksgriff war, das Buch ein Glanzstück ihrer Sammlung darstellt und der damals "teure" Preis sich inzwischen vervielfacht hat. Auch das Gegenteil davon, nämlich die Enttäuschung des Kunden, ein solches Buch nicht erworben zu haben, gehört zu den Erfahrungen meiner langjährigen Antiquariatstätigkeit.


Das neugierige Entlein
Ludmilla Herzenstein

Um nun zu dem Ergebnis einer schönen, geschlossenen und werterhaltenden Sammlung zu gelangen, ist vor allem in den Anfängen ein sachkundiger Partner sehr hilfreich. Ein vertraunenswürdiger Antiquar und eine gute Auswahl von Sekundärliteratur sind unumgänglich. Auch sollte man sich nicht scheuen, gut kommentierte Antiquariatskataloge intensiv zu lesen. Sie vor allem vermitteln das nötige Wissen um die Zusammenhänge und historische Entwicklungen, die man für den Aufbau einer Sammlung benötigt, und geben Anregungen, welcher Autor oder welches Buch eine zusätzliche Ergänzung bieten kann. Wer dann genau weiß, welchen Autor oder welchen bestimmten Titel er sucht, dem kann das Internet beim Aufspüren der Sammlerstücke behilflich sein.


Der Löwe Leopold
Reiner Kunze

An einigen Beispielen aus einem sich heute immer mehr entwickelnden Sammelgebiet, den Kinder- und Bilderbüchern der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), möchte ich das oben Gesagte verdeutlichen. Dieses Sammelgebiet hat - und das ist beispiellos - einen großen Vorteil: Es ist ein durch zeitliche Begrenzung (1945-1990) in sich abgeschlossenes Sammelgebiet, das den kulturellen, pädagogischen und politisch/ideologischen Hintergrund eines Staates widerspiegelt. Um nun eine Sammlung anzulegen, in der sich die Entwicklung der DDR im Kinderbuch erkennen lässt, sind einige Eckpunkte abzustecken: Sozialismus – Pädagogik – Jugendgruppen – gesellschaftliche Entwicklung – Armee – literarische Themen, um nur einiges zu nennen. Diese Themenbereiche müssen nun mit der entsprechenden Kinderbuchliteratur beispielhaft dargestellt werden. Im Bereich des Sozialismus ist mit Sicherheit das erste DDR-Bilderbuch von Ludmilla Herzenstein Das neugierige Entlein das erste Kinderbuch, das 1945 nur in Kopien verbreitet wurde, ein Glanzstück. Autoren wie Ludwig Renn, Friedrich Wolf, Alex Wedding, Erwin und Eva Strittmatter und Illustratoren wie die Altmeister Hans Baltzer und Kurt Zimmermann, die beide den Vorstellungen des Sozialistischen Realismus entsprachen, gehören ebenfalls in diese Phase des Aufbruchs zu neuen Ufern.

Die Bereiche Pädagogik und Jugendgruppen können beispielhaft vertreten sein durch Schulfibeln und den zahlreichen Werken über die Jungen Pioniere und die FDJ. Der sehr weit gefasste Begriff "gesellschaftliche Entwicklung" wäre beispielhaft mit Büchern zu den Themen: Lebensumfeld Land-Stadt - Umweltproblematik - Zensur - Auseinandersetzung mit der Parteilinie - Probleme geschiedener Familien etc. darzustellen.

Für das Thema Zensur ist ein herausragendes Beispiel das Bilderbuch von Reiner Kunze (mit Illustrationen von Alfred von Bodecker) Der Löwe Leopold (Kinderbuchverlag 1976;), das sofort nach Erscheinen verboten und eingestampft wurde.


Ferdinand der Stier
Illustriert von Werner Klemke

Die Nationale Volksarme ist in zahlreichen Beiträgen in Schulfibeln, Lesebüchern, aber auch in Bilderbüchern dargestellt. Als sehr markantes Beispiel sei hier das Werk von Anne Geelhaar Der kleine Kommandeur (mit Illustrationen von G. Zucker) genannt. Der ebenfalls sehr weit gefasste Bereich "Literarische Themen" umfasst Märchen, Sagen, phantastische Erzählungen. Gerade in diesem Bereich hat die Kinder- und Jugendliteratur der DDR sowohl inhaltlich wie in der Illustration Großartiges geleistet. Die Arbeiten von Werner Klemke, z.B. seine Illustrationen der Grimmschen Märchen oder sein kalligraphisches Meisterwerk Ferdinand der Stier (nach dem Text von Munro Leaf ) und Christine Klemke (Tochter von Werner Klemke) mit ihren witzigen Spielbilderbüchern, Gerhard Lahr, Egbert Herfurt und Franz Fühmann – mit seinem großartigen Sprachspielbuch Die dampfenden Hälse der Pferde mögen hier als anregende Beispiele genügen.

In diesem Sammelgebiet ist es, wie oben schon gesagt, besonders wichtig, auf Qualität zu achten. Gut erhaltene Exemplare, wenn möglich Erstausgaben oder frühe Auflagen, vielleicht sogar mit handschriftlichen Signaturen oder Widmungen der Autoren bzw. Buchkünstler oder beigelegte Originale erhöhen den Wert der Sammlung. Mit dem „Handbuch zur Kinderliteratur. SBZ/DDR" (1945-1990), herausgegeben von Rüdiger Steinlein, Heidi Strobel und Thomas Kramer liegt außerdem eine Bibliographie vor, die als hervorragender Kompass genutzt werden kann.