Das Kapital – Jaromir Konecny

Das Kapital 1867
Ausgabe von Karl Marx'
Das Kapital aus dem Jahr 1867

Sollte Karl Marx mit einer Zeitmaschine in unserer Zeit auftauchen, würde er sich nicht grämen müssen, dass die Autorenrechte an seinen sich immer noch gut verkaufenden Werken schon längst freigegeben wurden. Kein Warten, bis irgendein Urenkel von ihm sterben würde, wie Marx auf den Tod seiner diversen Tanten gewartet hatte, um etwas zu erben. Auch seinen Freund und Gönner Engels müsste Marx nicht mehr ständig anpumpen. Mit einem Koffer voll der Erstausgaben seiner Bücher würde Marx hier ganz gut über die Runden kommen.

Wer die Originalausgabe von Das Kapital erwerben will, braucht viel Kapital. Für die relativ häufige 1. Auflage des 1. Teils dieses Buches von 1867 zahlt der Sammler locker um die 10 000 Euro. Keine Originalausgabe eines anderen Philosophen ist in Zeiten chronischer Finanzkrisen so begehrt wie Das Kapital. Das biblisch unbiblische Jahrtausendwerk! Biblisch wegen seiner geschichtlichen Wirkung, unbiblisch, weil es im Gegensatz zur Bibel möglichst wenige Deutungen zulässt. Außerdem hoch aktuell! Marx hatte so viel Recht, dass wir alle ihm Unrecht antun mussten: Sowohl Kommunisten als auch Antikommunisten. Auch mit der 2. Auflage von Das Kapital von 1872 kannst du gut deine Brieftasche füllen. Ich hatte beide. Beide Auflagen, meine ich. Die erste und die zweite. Leider nur kurz. Sozusagen virtuell:

Eine Erstausgabe von Karl Marx' Das Kapital?

Eines hübschen Morgens erschien bei einer Internetauktion in Tschechien der Eintrag: "K. Marx: Das Kapital... 1867". Das Buch kostete weniger als ein Döner. Wohl Quatsch! Da Marx aber im postsozialistischen Tschechien kein großes Ansehen genoss, war hier ein Schnäppchen nicht auszuschließen. Klick! Die Buchtitelseite breitete sich auf dem Bildschirm aus. Nur flüchtig nahm ich den Titel wahr: Jawohl! Das Kapital! Sofort jagte mein Blick nach unten: Der Verlag stimmte auch: Hamburg, Verlag von Otto Meissner. Und direkt darunter das Erscheinungsjahr: 1867! Die Erstauflage! Doch ein Volltreffer? "Nur cremig bleiben, Jaromir!", sagte ich mir. "Noch solltest du kein Flugticket nach Hawaii kaufen. Schon öfter haben dich deine großartigen Netzfunde in den Wahnsinn getrieben - als du die Pakete ausgepackt hast. Sicher ist es ein Faksimile, ein Nachdruck." Meine Augen fuhren die Titelseite wieder hoch, und da entdeckte ich das Unglaubliche: Zweite verbesserte Auflage. Waas? Das durfte nicht wahr sein! Auf der Titelseite der bekannten 2. Auflage von Das Kapital steht doch das Jahr 1872 und nicht 1867! Ich kaufte das Buch zum Festpreis. Für dieses Geld wäre auch ein Faksimile ein Schnäppchen. Ich verglich die Titelseite der Auktion mit der Titelseite der 1. und der 2. Auflage. Die Titelseite meines gerade erworbenen Exemplars war mit dem der 2. Auflage identisch, auch von der Typographie her. Nur stand auf meinem Titel das Erscheinungsjahr 1867 statt 1872. Eine Karl-Marx-Kuriosität! Wohl hatte der Verlag bei der 2. Auflage aus Versehen zuerst ein paar Fehldrucke mit dem alten Erscheinungsjahr der 1. Auflage gedruckt. Dann wurde der Fehler korrigiert und die Fehldrucke wurden makuliert. Bis auf meinen! Wahnsinn! Habe ich gerade die Blaue Mauritius gekauft, nach der sich jeder Karl-Marx-Sammler die Finger ablecken würde?

Das Kapital
Ausgabe aus dem Jahr 1894

Vier Tage später brachte der Briefträger das ersehnte Paket. Ich packte es mit Hilfe eines großen Jagdmessers aus. Zu Ehren des alten Revolutionärs Marx. Hmm. Der Einband war wohl später gemacht. Die Titelseite aber wie auf dem Bild: Zweite verbesserte Auflage von 1867. Leider sah auch das Papier nicht nach 1867 aus. Eher 50 Jahre jünger. Doch nur ein Nachdruck! Schade! Na ja, was soll's: trotzdem eine echte Rarität! Der Nachdruck einer Ausgabe, die es gar nicht geben durfte und somit ein Beleg dafür, dass es eine solche Ausgabe tatsächlich gegeben hatte. So tröstete ich mich, bis ich den Text unter die Lupe nahm: Etwa 800 Seiten ohne Seitenzahlen. Das war schon komisch, aber auch nicht so schlimm. Doch die antiquarische Tragödie nahm schon ihren Lauf: Die Seiten wiederholten sich! Jawohl! Im Buch waren nur acht verschiedene Seiten von Das Kapital eingebunden, acht Seiten, und immer wieder, jedoch nach keinem erkennbaren System gedruckt, hie und da sogar der gleiche Text zweimal auf demselben Blatt: vorne und auf der Rückseite! Hundertmal acht verschiedene Seiten aus der 2. Auflage von Das Kapital. Wohl hatte ein Lehrling einer Buchbinderschule seine Abschlussarbeit machen müssen und dafür die Ausschussbogen eines Nachdrucks von Das Kapital genommen. Verdammt! Das war zu viel Fehldruck! Keine seltene Briefmarke mehr, sondern antiquarischer Müll. Unverkäuflich! Ach, was soll's! Da die Titelseite wohl trotzdem ein Faksimile war, hatte ich hiermit einen Beweis, dass es mal eine solche Ausgabe gegeben hatte: 2. verbesserte Auflage mit dem Erscheinungsjahr 1867! Nach dieser Originalausgabe konnte ich jetzt suchen, oder? Also blieb mir eine kuriose Titelseite! Und diese Geschichte! Und somit ein bisschen Hoffnung, dass es im Antiquariatshandel nicht - wie heutzutage überall - nur um das Kapital geht! Der Kauf hat sich gelohnt.