Wenn du sie triffst, macht sie den Tod zur Poesie — Jaromir Konecny

Schon meiner Mutter war die Todessehnsucht der Wiener unheimlich. "Gut, dass du in München lebst", sagte sie mir am Telefon, nachdem ich aus der sozialistischen Tschechoslowakei geflüchtet war. "Mein Onkel ist in Wien gestorben."

"Weil er ein Wiener war", sagte ich. "Wo sollte ein Wiener sonst sterben als in Wien?" Doch nachdem ich zum ersten Mal Wien und Wiens Kapuzinergruft besucht hatte, verstand ich meine Mutter etwas mehr: Diese endlosen Sargreihen mit den toten Habsburgern darin. Morbider ging's nicht! Wenn Wiener Schulklassen pflichtgemäß solche Orte besuchen, muss es die Schüler irgendwie prägen, oder?

Bei meinem zweiten Wien-Besuch jagte ich von Wurststand zu Wurststand, um neue und neue Wurstsorten auszuprobieren. Nicht die Fresssucht ritt mich, sondern die Nostalgie: Die gute Wiener Wurst erinnerte mich an meine Geburtsstadt Prag, und durch den Eisernen Vorhang durfte ich damals nicht mehr zurück. Mein Bild von Wien bekam scharfe Konturen: "Die Wurst und der Tod!" Zumal ich nach der sechsten Wurst auch Todeszustände erlebte. Bevor ich vor lauter Wurst platzen würde, musste ich der Wurst den Weg durch meine Verwertungsanlagen ebnen. Mit dem guten Wiener Kaffee. "Und etwas zum Beißen?", fragte der Herr Ober in einem echten Obersmoking und schickte meinen Blick zu einer Glasvitrine, in der die dritte Ikone von Wien thronte: seine Heiligkeit – der Apfelstrudel.

"Morgen!", sagte ich. Der Ober eilte davon, ich führte meinen Blick zurück und streifte damit eine Dame am Nebentisch. Ganz in Schwarz. Wie sonst? Wunderschön!

"Was glotzt du so?", fragte sie. Wohl doch keine Dame. Schön blieb sie trotzdem.

"Ich…" Ich fing an zu stottern. "Ich… ich… finde es schön, dass man in Wiener Cafés noch zum Lesen kommt." Ich zeigte auf drei kleine Bücher, die auf dem Tisch vor ihr lagen. "In anderen Städten wird in den Cafés nur noch schnelle Information ausgetauscht oder Belangloses: Wie geht's dir? Wie geht's den Kindern? War schön dich wieder zu sehen. Auf Wiedersehen!"

Titelblatt
Titelblatt Grabschriften und
Marterlen

"Es ist nicht belanglos, wie's einem geht", sagte sie. "Oder den Kindern. Ich lese aber nicht, ich arbeite. Muss aus dieser Grabinschriftensammlung ein paar lustige für die Postkarten meines Verlags finden."

"Lustige Grabschriften?.. eeh… he, he, he… die Todessehnsucht der Wiener ist weltberühmt."

"Ich komme aus der Steiermark", sagte die Dame. "Wir haben eine um ein Drittel höhere Selbstmordrate als die Wiener." Da hockte ich bereits an ihrem Tisch. Der Herr Ober brachte mir meinen Kaffee und bekleckerte meine Hose damit. Wohl etwas eifersüchtig. Ich nahm ihre drei Büchlein in die Hand. Damit sie auch nicht zu Schaden kamen. Die Dame hatte nicht gelogen: "Grabschriften und Marterlen. Gesammelt und herausgegeben von Ludwig v. Hörmann."

Ich legte zwei der drei Büchlein wieder auf den Tisch und machte das dritte auf. "Wahnsinn!", sagte ich. "Das da ist 1891 erschienen. Ahaaa! In Leipzig. Also nicht in Österreich. Da bin ich aber erleichtert."

"Deine Ironie kannst du dir sparen", sagte sie. "Ludwig v. Hörmann stammte aus Innsbruck. So wie er nahezu alle Grabschriften für sein Werk in Österreich fand. Hörmann sah sie als Volkspoesie an. Als Volkshumor!"

"Grabschriften tragen wohl nicht allzu viel Humor…"

"Da irrst du dich! Der Geschlechterkrieg überdauert den Tod. Und was ist der Geschlechterkrieg sonst als absurder Humor? Ist doch der Humor Wahrheit und Schmerz, wie John Vorhaus sagt. Du musst bedenken: Eine Grabschrift wird meist von dem überlebenden Partner verfasst. Oder von der Partnerin. Na, ja diese Grabschrift in Oberperfuss wohl nicht." Sie las aus ihren Notizen vor:

Inschrift
Inschrift aus Grabschriften und Marterlen

"In diesem Grab liegt Anichs Peter,
die Frau begrub man hier erst später,
Man hat sie neben ihm begraben,
Wird er die ewige Ruh nun haben?

"Diese da aus Hall aber schon!

"Hier liegt begraben mein Weib,
Gott sei Dank,
Sie hat ewig mit mir zankt,
Drum, lieber Leser, geh von hier,
Sonst steht sie auf und zankt mit dir.

"Von dem Heiligen Bund der Ehe hielten die Grabschriftendichter wohl nicht viel", sagte sie. "Auf einem Grabstein auf der Herreninsel in Chiemsee stand damals:

"Hier ruht in Gott N. N. 20 Jahr lebte er als Mensch und 37 Jahre als Ehemann."

"Der wurde sicher von einem Mann geschrieben", sagte ich und blätterte im Büchlein, das ich immer noch in den Händen hielt, zu einem Merkzettel von ihr. Ich las und musste lachen. "Diese Grabschrift in Hall liest sich nahezu wie ausgedacht vor:

"Hier ruht Franz Schießl.
Er war in seinem Leben
Ein guter Schwanz
Betet für ihn einen Rosenkranz.
"

Titelblatt 2
Titelblatt Grabschriften und
Marterlen. Zweite Folge

"Die Stücke wurden ausgedacht!", sagte sie. "Besser gesagt: gedichtet: für große Friedhofspoesiealben auf Steinblättern. Warte! Wo?... Ja, da ist sie! Eine Grabschrift in Lavanthal gefällt mir besonders gut. Sie zeugt von der Macht der Interpunktion:

Hier ruht der ehrsame Johann Missegger auf der Hirschjagd durch einen unvorsichtigen Schuss erschossen aus aufrichtiger Freundschaft von seinem Schwager Anton Steger.

"Lustig!", sagte ich.

Sie lächelte. Als ob ich in eine Schatzkammer geschaut hätte. Wiener Sezession. Ihr schwarzes Kleid kam mir plötzlich nicht mehr morbide vor sondern… passend. "Siehst du?", sagte sie. "Grabschriften kann man ganz gut genießen. Und auch dazu hat man eine Grabschrift verfasst. In Schröcken in Vorarlberg:

"O möchte Groß und Klein
Die weise Lehre fassen:
Wer sich begnügen lässt,
Lebt fröhlich, stirbt gelassen.

"Jetzt muss ich aber in den Verlag. Der Grafiker wartet auf die Grabschriften. Man will die Postkarten drucken.

"Schickst du mir eine?"

Sie lachte laut: "Nur, wenn du mir deinen eigenen Grabspruch zukommen lässt."

"Ich?"

"Ja, du! Wer sonst? Dazu fordern dich etliche Grabschriften auf. Zum Beispiel diese von 1732 auf dem Sebastiansfriedhof in Salzburg:

"Steh Wandermann
Und höre an,
Was dir die Todten sagen,
Pack ein dein Sach,
Fein allgemach,
Du folgst in etlich Tagen.
"

Sie reichte mir einen Zettel mit ihrer Adresse. "Aber, bitte, nur dann schreiben, wenn Du wirklich eine schöne Inschrift für dein Grab gedichtet hast. Dann…"

Marterln und Grabschriften
Marterln und Grabschriften
gesammelt von Ludwig Hörmann

"Was dann?"

"Dann kann noch alles kommen."

"Auf jeden Fall der Tod", dachte ich mir. Da war sie aber schon weg. Mit einem Lächeln verschwunden. Und ich wunderte mich wieder mal, dass ich so oft Frauen begegnete, mit denen ich mich sicher wunderbar verstehen würde, doch... Wieso wird jede dieser Begegnungen kurz darauf nur zu einem Hauch von Poesie? Nichts Greifbares? Keine schön und fest gezimmerte Kiste, die keine Alterungsspuren zeigt! Wir hätten ja in Österreich zusammen von Friedhof zu Friedhof reisen können. Um nachzuprüfen, ob's die Grabschriften immer noch gab. Oder um neue lustige zu finden. Weg war sie! Ich steckte die drei Büchlein von Ludwig von Hörmann in meinen Rucksack und winkte den Ober zu mir: "Ich möchte doch einen schönen Wiener Apfelstrudel nehmen." Wenn ich Kuchen esse, geht das Dichten am besten. Das wird beim Reimen einer hübschen Grabschrift nicht anders sein. Wo habe ich nur den Zettel mit ihrer Adresse hingetan? Hmm… Auch der Zettel war weg. Als ob sie nie da gewesen wäre. Nur eine Erinnerung blieb. Wie der Wunschtraum eines Büchersammlers, der beschlossen hatte, sich zu verlieben. Und die drei hübschen kleinen Bücher von ihr. Oder habe ich die Büchlein am Ende selbst gekauft? In einem Wiener Antiquariat?


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