Fotografischer Volksdadaismus – Jaromir Konecny

„Es gibt Augenmenschen, und es gibt Ohrenmenschen“, sagte mal Kurt Tucholsky. Ich war ein Ohrenmensch. Bis ich sie getroffen habe...

„Das macht dich an, oder?“, fragte die Frau. Ich guckte mich verwirrt um. Antiquariatsmesse in Leipzig. Im Regal hinter mir Fotos tschechischer Avantgarde-Fotografen: Sudek, Funke… dazwischen rekelte sich an geometrischen Figuren die „Frau im Licht“ des Prager Präavantgardisten Frantisek Drtikol: Eine nackte Frau zwischen Geraden, Winkeln und Kreisen - mit Hilfe von Licht in Silber gegossen:


„Wir haben nicht nur Aktfotografie!“, sagte ich.

Sie lachte laut, und es klang zwischen der alten Kunst & Kunst wie ein Sakrileg. Einige Kollegen Antiquare guckten sich tadelnd um. Die Frau wurde mir immer sympathischer, auch wenn sie weibliche Akte nicht mochte. „Die nackten Frauen meinte ich nicht“, sagte sie. „Die sind schön. Leider nur in toten Linien eingeschlossen. Statt von sich etwas herzugeben, erzählen sie von den Komplexen der Männer, die sie in geometrische Muster gekettet haben.“

„Der Konstruktivismus, der Surrealismus, der… der Futurismus… der…“

„Der Bla-bla-bla-ismus!“, blaffte sie in meine Entrüstung hinein. „Und wo bleibt der Menschismus? Der Mensch und seine Essenz – sein Humor? Was interessiert dich an diesem verkrampften Zeug? Schon seit ihren Anfängen hat die Fotografie Abertausende freiwillige und unfreiwillige Volksdadaisten hervorgebracht, Menschen, die mit der Kamera in der Hand das Leben festhalten oder es sogar zur Kunst machen wollten. Sie tauchen in keinen Kunstgeschichten auf, sie haben keinen Eingang gefunden in die Annalen der Avantgarden.“ Ich starrte sie an. Sie klopfte mir auf die Nase – gibt’s so was? - und fügte hinzu: „Trotzdem zaubern sie uns ein Lächeln ins Gesicht…“

„Ich lache gern“, sagte ich.

„Diese alten anonymen Bilder schärfen deinen Blick für unsere eigene Wirklichkeit und lehren, dich nicht allzu wichtig zu nehmen.“ Sie holte ein Fotoalbum aus ihrer Handtasche. „Guck!“ Und ich guckte und staunte: Die Frau hatte tatsächlich antiquarische Ware auf eine Antiquariatsmesse geschmuggelt. Ein Fotoalbum mit alten Fotos!

„Wie willst du das aus der Messe wieder hinaustragen?“, fragte ich. „Du bist eine Besucherin. An der Kontrolle wird man denken, du hast das Album geklaut. Ohne Quittung geht da gar nichts.“

„Ich trage das Album nicht mehr hinaus.“ Was hat sie damit gemeint?

„Die Kontrolle am Eingang ist echt streng“, sagte ich. „Normalerweise muss man alles, auch Handtaschen, in der Garderobe abgeben. Wie hast du das Album überhaupt hereingeschmuggelt?“

„Mit Anmut!“, sagte sie, machte das Album auf und zeigte dort auf ein Foto: Fünf Damen in Sommerkleidern hintereinander auf einem Geländer. „Wie eine Frau! Wir Frauen tragen Grazie in uns!“


„So anmutig können doch auch Männer sein!“, sagte ich.

„Männer haben zu wenig Phantasie!“, sagte sie, blätterte die Seite um und zeigte mir ein Foto mit drei Männern in Hüten, die nicht hintereinander wie die Frauen sondern übereinander angeordnet waren:


„Das ist doch auch anmutig!“, rief ich.

„Aber nicht originell“, sagte sie. „Eine Frau würde nie eine andere Frau kopieren. Das Leben eines Mannes setzt sich dagegen aus dem Kopieren seiner Vorbilder zusammen.“ Sie zeigte auf das Foto auf der gegenüberliegenden Seite. Tatsächlich: Dort waren drei andere Männer zu sehen, auf einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, doch in derselben Pose wie die auf dem vorherigen Foto!“


„Diese zwei Fotos wurden um 1900 geschossen“, sagte sie. „Ich bin mir sicher, ich finde noch Tausende davon! Wenn um 1900 drei Männer zusammen kamen und ein Fotograf in der Nähe war, haben sie sich sicher in dieser Stellung fotografieren lassen. Das machen Männer so! Sie brauchen Vorbilder, sie brauchen Regeln, sie brauchen Strukturen…“

„Quatsch!“, sagte ich.

Sie hob ihren Kopf vom Album und guckte mir in die Augen. Direkt und lang. Als ob zwischen ihr und mir eine Stahlbrücke gebaut wurde. Ohne Geländer. Sie kam mit ihren Lippen ganz nah an mein Gesicht heran. Uff! Wollte sie mich küssen? „Wir kommen trotzdem zusammen“, flüsterte sie in mein Ohr und ging wieder auf Distanz. „So dicht, damit wir uns nie verlieren!“ Sie blätterte die Seite um: ein Hochzeitsfoto. Ich musste lachen. Als ob man die Hochzeitsleute auf dem Bild zu einer dichten Gruppe komprimiert hätte: Die optimale Hochzeitsverdichtung!


„Trotzdem verlieren wir uns irgendwann“, sagte sie und zeigte auf das Foto daneben, auf dem ein Mann neben seiner Frau lag:


„So ist der Mann nun mal“, seufzte sie und blätterte wieder um: „Der Mann hat andere Hobbys als die Frau, die neben ihm liegt. Zum Beispiel Musik…


…und Autos:


… So muss die Frau anderswo Trost suchen:


„Trotzdem ähneln wir Frauen und ihr Männer uns mehr, als man angesichts der ganzen Umstände sagen würde“, fügte sie beim Umblättern hinzu. Auf dem nächsten Foto kam ein Pärchen zum Vorschein:


Ich staunte. „Genau das haben auch die Evolutionspsychologen herausgefunden“, sagte ich. „Ehepartner ähneln sich. Weil Menschen nun mal Partner suchen, die ihren Eltern gleichen.“

Sie lachte: „Ach, ihr Männer, mit eurer Wissenschaft! Ständig müsst ihr nach einer Erklärung suchen, statt die Welt zu genießen so wie sie ist! Sucht nach Poesie! Lasst euch einen Blitzguss verpassen! Wacht auf!“


Sie klappte das Album mit den alten Fotos zu. „Irgendwann werden wir uns sicher besser verstehen“, sagte sie. „Dreihundert Euro!“

„Was?“

„Das Album kostet 300 Euro!“, erklärte sie mir, guckte mich dabei aber etwas zu unschuldig an.

„Aber ich…“

„Ich kann dir leider keine Quittung geben“, sagte sie.

„Aber ich…“, fing ich noch mal an, sah aber, wie meine Hand aus meiner Jeans den Geldbeutel zog und 300 Euro auf unseren Antiquariatstisch hinblätterte. Als ob die Frau nichts anderes erwartet hätte, steckte sie das Geld ein und drehte sich um.

„Warte!“, rief ich. „Könnte ich deine Telefonnummer haben?“

„Klar!“, sagte sie. „Sie steht im Telefonbuch!“

„Und der Name?“

„Gleich daneben!“

So ungefähr wäre unsere Begegnung zu Ende gegangen. Wie ein tschechischer Witz! Wäre die Dame nicht nur mit einem Lächeln weggegangen. Und ohne Worte. Wie die alten Fotos in ihrem Album, das ich jetzt in der Hand hielt. Die ohne Worte bunte Geschichten erzählten.

„Na!“ Mein Antiquariatspartner Christof tauchte auf. „Was hast du verkauft? Die Jungs vorne haben gemeint, dass du hier eine Stunde lang eine Kundin hattest.“

„Habe nur Fotos gekauft?“

„Fotos? Super!“ Doch als Christof unsere neu erworbenen Fotos sah, wurde sein Gesicht länger und länger.

„Was hat der Schmarrn gekostet?“

„300 Euro!“

„Ich muss jetzt einen Schokoriegel zu mir nehmen“, sagte er und lief davon.

Ich blätterte in ihrem Album. Und plötzlich: Mann, oh, Mann! Der Vorhang offen! „Volksdadaismus?“, hatte sie gesagt. Ich wusste, dass ich ab da noch viele Alben mit solchen Fotos füllen würde. Die Schatzsuche ging los.


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