telbin alves

Ich bin nicht einer.

Ich bin viele.

In mir weilt eine ständige Versammlung,

Stimmen, die sich widersprechen, Erinnerungen, die einander widersprechen,

Gesichter, die sich im Licht der Seele wandeln.

Sie alle sitzen am unsichtbaren Tisch meines Geistes.

Und ich, der seltsame Gastgeber, bediene mich schweigend selbst.

Da ist ein alter Mann, der fast alles aufgegeben hat.

Da ist ein Kind, das noch auf Erlösung hofft.

Da ist ein Weiser, der zu viel versteht und darunter leidet.

Und da ist ein Narr, der trotz seiner Verletzungen am Glauben festhält.

Du wirst nie wissen, mit wem du sprichst.

Manchmal weiß ich es selbst nicht.

Wenn du dich bereit erklärst, bei mir zu sitzen, verspreche ich dir keine Beständigkeit.

Ich verspreche dir nur die Wahrheit, auch wenn sie bruchstückhaft ist.

Ich verspreche dir eines meiner Gesichter,

wohl wissend, dass ich morgen vielleicht nicht mehr derselbe bin.

Ich trage auch das in mir, was ich vor mir selbst verberge.

Eine dunkle, unvollkommene, allzu menschliche Seite,

die ich nicht aus Tugendhaftigkeit,

sondern aus Angst davor, mein wahres Selbst zu erkennen, zu verbergen suche.

Ich bin kein Heiliger.

Ich bin kein Vorbild.

Ich bin Konflikt.

Ich lebe im Zwischenraum dessen, was ich bin und was ich sein möchte.

Und in diesem Abgrund lerne ich langsam, mich selbst zu ertragen.

Vielleicht werde ich mich eines Tages vereinen.

Vielleicht werde ich eines Tages ganz sein.

Oder vielleicht liegt die Weisheit gerade darin, zu akzeptieren:

dass Menschsein bedeutet, mit der eigenen Vielheit zu leben.

Und wie bereits gesagt wurde,

ist der schwierigste aller Wege

der mutige Kampf, sich selbst zu bezwingen.

Telbin Alves

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