Gabrielle Jesberger

Lesen, Vorlesen und Erzählen gehören wie das Zuhören seit unserer frühen Kindheit zu den Glücksmomenten in unserem Leben. Obwohl wir wissen, dass alles vergeht und nichts bleibt, möchten wir es dennoch festhalten. Die einzige Möglichkeit, wie uns das gelingen kann, sind unsere Erinnerungen.

Denn nur das, was beschrieben wird, bleibt, alles andere verschwindet im Vergessen. Unsere Chance als "ErzählerInnen" ist, dass wir Worte finden, die - selbst wenn es jahrhundertealte Geschichten sind - zum Miterleben verführen, dass wir die Leser und Leserinnen hereinholen in das, was uns Menschen seit Gedenken antreibt, was uns in unserer tiefsten Sehnsucht anspricht und uns so packt, dass wir mit unserer Fantasie ausbrechen aus dem gewohnten Kreis des Alltags und uns aufs Neue vom Leben überraschen lassen.

Historische Romane, die Spurensuche nach unseren Wurzeln begeistern mich. Historie, eingebunden in persönliche Schicksale, erwacht beim Lesen zum Leben. Schreibe ich, entstehen Dialoge mit meinen Protagonisten bis in meine Träume und es beginnt ein Verstehen, das jeden moralischen Zeigefinger vergessen lässt.

Erinnerungen sind Zeitreisen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Sie bestimmen, wie kreativ wir unsere Zukunft gestalten. Sie ermutigen, die alte Ordnung, den Lauf der Welt auf den Kopf zu stellen, eine andere Perspektive einzunehmen, um neu zu sehen. Zu verstehen, dass wir auf den Schultern der Generation vor uns stehen, ermutigt uns, tragfähige Schultern zu entwickeln für die nächste, die auf unseren Schultern weiter schauen, der Evolution dienen und vor allem ein Bewusstsein entwickeln kann, das eine Wiederholung tragischer geschichtlicher Ereignisse verhindert.

Schreiben ist letztendlich ein Ringen, die Essenz des Lebens mit meinen eigenen Worten auszudrücken: „Was wir am Ende unseres Lebens in Händen halten, sind nicht unsere Leistungen und unsere Werke. Wir werden uns zuerst und vor allem der Frage stellen, wie viel wir geliebt haben.“ ZEN-Meister Willigis Jäger