FAQ:
Wann hast Du das Stricken für Dich entdeckt/Was hat Dich zum Stricken inspiriert?
Das ich mit dem Stricken begonnen habe, verdanke ich meiner 2 Jahre älteren Schwester. Als ich so ungefähr 12 Jahre alt war, hatte sie für mich einige sehr schöne Pullis gestrickt. Doch dann hatte sie ihren ersten Freund, und so wurde natürlich lieber für den Freund als für den Bruder gestrickt. Dann dauerte es immer etwas länger, bis meine Pullis fertig wurden.
Da dachte ich mir eines Tages, dass ich es vielleicht selber einmal mit Wolle und Nadeln probieren sollte. Daher suchte ich mir ein Strickbuch, sammelte etwas Wolle und fing an Maschen anzuschlagen. Das hat mich einen Abend gekostet, aber dann hatte ich es heraus. Mein erstes Stück war ein Pullunder in Jeansblau mit gelben Streifen. Den habe ich auch viele Jahre gerne getragen. Ich weiss noch, dass ich mir schon damals wünschte Stricken zu meinem Beruf (oder Berufung) zu machen.
Wie bist Du nach Japan gekommen?
Das ging über einige Umwege. Während eines Studiums im Gartenbau began ich mich für Japan zu interessieren. Nach meinem Abschluss belegte ich noch ein Zusatzstudium zum Thema Japan an der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf. Nach einigem Suchen, fand ich dann meine erste Anstellung in Tokyo. Das hatte bis dahin aber noch nichts mit Stricken zu tun.
Was ist für Dich das Besondere am Stricken?
Stricken ist magisch – reine Zauberei. Ich finde es faszinierend, dass ich mit nur 2 Stricknadeln und etwas Garn die unterschiedlichsten Stücke herstellen kann. Alles mit den gleichen Materialien, analog und ohne PC. Nur mit meinen Händen und etwas Kreativität.
Stricken liegt irgendwie in meiner DNA. Für mich ist stricken sehr mathematisch und logisch. Ich verstehe es einfach. Ich sehe im Strickstück die Verbindungen der Maschen und wie der Faden im Gewebe verläuft. Ich kann mir vorstellen, wie die einzelnen Teile eines Musters zusammen gesetzt sind. Manche Muster sind für mich wie Finger-Tanzen. Manche Muster haben einen sehr angenehmen Rhythmus, da kann man nicht mehr aufhören.
Meine Händen übernehmen dann die Führung. Es fließt von alleine und jede Masche wird zu einem Freund. Ich kann jede Masche förmlich spüren. Da entsteht eine Magie zwischen mir, dem Garn und dem Muster. Alles passt irgendwie zusammen. Jede Masche fällt von ganz alleine an den richtigen Platz.
Was war bisher Deine größte Strickveranstaltung?
Nach dem schweren Erdbeben 2011 begann ich eine Aktion für die Opfer in Tohoku. Erst sammelte ich Strickmützen und Schals, aber auch Wolle und Nadeln. Diese gab ich dann an Notunterkünfte ab. In einer weiteren Aktion sammelte ich gehäkelte Quadrate, die dann zu Decken verarbeiteten wurden. Im September 2014 wurden diese dann mit vielen Helften zur weltgrößten Decke zusammen gehäkelt. Mit 464.64 qm schafften wir einen Guinness World Record.
Woher nimmst Du die Ideen für Deine Projekte?
Von überall. Das kann eine Kaffeeteller sein, der mich zu einem Poncho inspirierte oder das Muster von einem Bodenbelag, das ich in ein Tuch verstrickt habe.
Mich interessiert vor allem die Stricktechnik. Mein Ziel ist es, Sachen zu stricken, ohne das Garn zu zertrennen. Alles entsteht sehr organisch, fließend, ohne Druck und sehr sanft. Ich überlasse gerne dem Garn die Führung.
Meist überlege ich mir ein paar einfache Regeln und fange an. Ich möchte das Garn nicht in eine Form zwängen. Die Farben sollen sich frei entfalten können, wie die Blüten einer Blume, ganz natürlich einfach.
Ich möchte durchgängig stricken. Für mich stellt sich immer die Frage, „wie kann ich etwas in einem Stück stricken ohne den Faden zu zerschneiden?“ Einen schönes Garn zu zerschneiden tut fast schon weh. Es ist als würde ich die Energie der Farben zerreissen. Gleichzeitig zerstöre ich auch die Arbeit des Garndesigners. Zudem vernähe ungern hinterher die vielen Fäden.
Wenn ich mir schon im Kopf vorstellen kann, wie etwas aussieht, interessiert es mich im Grunde nicht mehr, das Stück zu stricken. Ich weiss ja wie es aussieht. Wozu also soll ich es noch stricken? Ich bin ständig am Suchen nach Neuem und eigentlich nie zufrieden. In der Regel stricke ich jedes Stück daher nur einmal, denn ich weiss ja bereits wie es geht. Dabei muss nicht immer etwas „Brauchbares“ rauskommen. Meist finde ich aber auf dem Weg dorthin neue Techniken oder Anregungen für Muster.
Stricken ist daher mehr eine Denksportaufgabe. Eine Art Puzzel. Wenn ich dann herausgefunden habe, wie es funktioniert, bin ich zufrieden. Ob ich das fertige Stück dann benutzte, ist nicht mehr so wichtig für mich. Wie bei so vielen ist der Weg das Ziel.
Ich wünsche Euch allen viel Spaß mit meine Büchern.
Happy Knitting
Bernd Kestler