Lilith Danielle Cousino-da Silva

Ich bin Lilith. Ein zurückgebliebener Zwilling. Nicht geistig. Sondern physisch. Weil meine Schwester durch einen Unfall zu Tode gekommen ist, weshalb ich viel zu oft zutiefst traurig bin.

Deshalb habe ich viele Bücher über Menschen gelesen, die wie ich einen geliebten Menschen verloren haben. Ich hoffte zu erfahren, wie andere mit ihrer Trauer umgehen und wie ich mit dem leeren Platz neben mir leben kann. Letztendlich war die Lektüre nicht sehr hilfreich, weil am Ende die Protagonisten Hoffnung und Mut schöpften und die nötige Kraft aufbrachten, einen neuen Weg einzuschlagen. Mehr oder weniger erfolgreich, doch wenigstens.

Ich tue das nicht. Ich kotze lieber. Im wahrsten Sinne des Wortes. So verschafft sich meine Seele Erleichterung. Ich verstehe nicht, warum es allen irgendwann gut geht, nur mir nicht.

Verärgert, verzweifelt und unbefriedigt überließ ich die Bücher schließlich dem Bestand der Stadtbibliothek und entschied, dass die Geschichten nur deshalb zuversichtlich enden, weil sie sonst beim Leser ein bedrückendes Gefühl hinterlassen. Niemand möchte das. Aber es wäre authentisch.

„Schreib‘ doch selbst ein Buch“, schlug Dee mir vor. „Dann kannst du deine Geschichte von Tod und Trauer erzählen.“

Dee bewohnt seit einiger Zeit das Gästezimmer in meinem Haus und kennt mich daher sehr gut und weiß, was gut für mich ist. Meistens sind ihre Ratschläge nicht schlecht. Man muss nur damit rechnen, dass man sich zunächst einmal in einem ziemlichen Schlamassel und erschöpften Zustand wiederfindet, wenn man ihren Ermutigungen folgt. Hinterher fügt sich

allerdings alles. Irgendwie.

Aus diesem Grund habe ich meine und Noras Geschichte aufgeschrieben und festgestellt: Der Weg besteht aus vielen Etappen, hält viele Rückschläge bereit und endet nie. Schon gar nicht harmonisch und am Beginn eines Regenbogens.

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