Ulf Manhenke

Kreuzer: Gibt es einen typischen Menschen, der die Schauspielschule besucht?

Ulf Manhenke: Wir konnten alle mal spielen. Als Kind reichte ein Bauklotz und man hatte ein Auto. Weder für unsere Fantasie, noch für unsere Spiellust haben wir uns dabei geschämt. Doch dann wird man durch die Mühlen gedreht, wo hinten der Homo oeconomicus herauskommen soll. Da geht einiges verloren. Das wollen die Studierenden wieder neu entdecken. Angstfreiheit zum Beispiel. Es gibt auch junge Menschen, die den Zugang zu einer spielerischen Entdeckung der Welt nicht verloren haben, aber viele kommen mit der Erfahrung von Mangel zu uns. Studien belegen diesen Zusammenhang von Hinwendung zu einem Kunststudium und biografischer Zurücksetzung. Verlust von Elternteilen, Krankheiten, soziale Erschütterungen oder das Nichtbeantwortetwerden von Fragen.

Kreuzer: Was für Fragen?

Manhenke: Bei meiner Generation beispielsweise die Frage nach dem Krieg. Du beobachtest deine Großeltern und merkst, da ist etwas, das sie schwer bedrückt. Und keiner spricht darüber. Auf diese Verunsicherung reagierst du als Kind mit erhöhter Wachsamkeit. Du fängst an zu beobachten. Deine Fantasie springt an. Du bist bereit, viel zu investieren, um dieses Loch zu füllen. Der Schauspielberuf kann da tatsächlich einer werden, in welchem man der Welt das Erlittene vergeben und das dafür Erhaltene feiern kann.

Kreuzer: Es geht den Studierenden auch um Beschäftigung mit sich selbst?

Manhenke: Im Theater geht es immer um unsere Identitätsverhältnisse. Aber nachdem sie eine Betriebsanleitung für sich selbst entwickelt haben, können sie auch Fremdes besser verstehen lernen und Widersprüche auf der Bühne verhandeln, die nicht ihre eigenen sind. Das ist Bestandteil der Salutogenese, der Entstehung von Gesundheit. Wir können durch das Spiel reifen und uns selber helfen lernen. Das gilt für die Zuschauer wie für die Spieler.

Kreuzer: Sie bezeichnen Schauspieler als Überzeugungstäter?

Manhenke: Die Bühne bemüht sich in ihrer Narrenfreiheit neben dem Unterhaltungsaspekt auch immer sehr ernsthaft um eine bessere Welt. Sie fordert alle auf: Entfesselt euch mit uns.

Kreuzer: Sind Sie als Lehrer eine Art Verhelfer zur Freiheit?

Manhenke: In unserer Gesellschaft gilt als Freiheit, unabhängig zu sein. Jugendliche nennen das cool, also möglichst nicht berührbar sein. Die indogermanische Wortwurzel „fri“ von der auch unsere „Freiheit“ abstammt, bedeutet jedoch eigentlich Bindung, Einbettung. Daran arbeiten wir: Eingebettet, unter Freunden, bin ich frei, kann ich spielen. Im Theater wird geliebt. Dieses Buch wird hoffentlich auch als Liebeserklärung an unsere Sehnsucht nach Selbsterkenntnis und als Ermutigung gelesen werden.

Kreuzer: Wie sieht es mit dem Konkurrenzdenken aus?

Manhenke: Laut einer Studie der Universität Leipzig ist das Konkurrenzverhalten und die Tendenz zur Abwertung anderer Menschen bei Schauspielern geringer ausgeprägt als bei nichtkünstlerischen Berufen. Wenn man sich ständig mit Schicksalen anderer Menschen beschäftigt, nichts anderes sind ja die Theaterrollen, entwickelt sich ein Mehr an Empathie. Ich muss meine Rolle verstehen, sonst kann ich sie nicht spielen.

Kreuzer: Wie verrückt muss ein Schauspieler sein?

Manhenke: Zu verrückt geht nicht, aber ganz ohne Irrsinn ist langweilig. Die, die mit beiden Beinen in der Realität stehen, aber mit ihren Herzen und Hirnen schon im Universum hangeln sind unsere Leute. So entsteht die Spannkraft, die der Beruf braucht. Widersprüche sind unser konstitutionelles Lebensmittel. Was man mit sich im Studium erlebt kann man für seine Figuren verwenden während man selbst als Persönlichkeit in seinem Zentrum bleibt.

Kreuzer: Hat das Theater an Relevanz verloren?

Manhenke: Wenn kein Theater mehr gemacht würde, keine neuen Filme, Lieder und Gedichte, wie lange würde die Gesellschaft das aushalten? Irgendwann würde es Demonstrationen geben: Erzählt uns neue Geschichten! Wir haben die Nase voll von den Wiederholungen! Uns ist langweilig! Wir wollen wieder lachen! Wir wollen wieder weinen! Jeder Mensch konsumiert täglich Kunst und Kultur. Egal auf welchem Niveau. Egal ob ihm das dabei bewusst ist. Kultur erfüllt für die Zivilisation eine ganz wesentlich stabilisierende Aufgabe.

Kreuzer: Würden Sie jungen Menschen raten, Schauspiel zu studieren?

Manhenke: Auf jeden Fall. Jeder sollte sich einen Zugang zu Kunst und Kultur suchen dürfen. Theaterspielen befördert die inneren Gesundheit, die Erweiterung der Weltsicht und die Entwicklung der Kontaktfähigkeit zu anderen Menschen. Es gibt das Darstellende Spiel als Schulfach. Es gibt Theaterformate, in denen Nichtschauspielprofis gemeinsam mit Berufsschauspielern das Leben spielerisch erforschen. Wir alle müssen ständig trainieren auch in unseren Widersprüchen lebendig zu bleiben. Spielen macht glücklich.

Dieses Interview mit Ulf Manhenke führte Tobias Prüwer für die Novemberausgabe des Leipziger Stadtmagazins KREUZER.

Beliebte Artikel von Ulf Manhenke

Alle Angebote anzeigen