Prof. Dr. med habil. Peter P. Pramstaller, Jahrgang 1960, ist Arzt, Wissenschaftler und Manager. Er ist Neurologe am Zentralkrankenhaus Bozen und Gründungsdirektor des Zentrums für Biomedizin der Europäischen Akademie Bozen. Weitere Stationen: Medizinstudium in Innsbruck, Facharztausbildung in Verona, Heidelberg und London, Habilitation an der Medizinischen Universität zu Lübeck. Als Naturwissenschaftler forscht er an den molekulargenetischen Ursachen von Bewegungsstörungen, Populationsgenetik und Rückführung dieser Forschungsergebnisse in die Klinik (Translationale Medizin). Zudem beschäftigt sich Prof. Pramstaller mit der Entwicklung und Anwendung von neuen Leadership- und Managementmodellen in Wissenschaft und Gesundheitswesen.
Peter P. Pramstaller ist Autor von über 270 Artikeln in internationalen Zeitschriften, hat diverse Beiträge in mehreren Büchern verfasst und ist Koautor des englischsprachigen Buches Rescue the Doctor. Neben seiner medizinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit liegt sein Hauptinteresse in der Entwicklung und Anwendung von neuen Denk- und Managementmodellen in Medizin und Wissenschaft.
Drei Fragen an Peter P. Pramstaller
WARUM HABEN SIE DIESES BUCH GESCHRIEBEN?
Durch meine persönlichen Erfahrungen als Arzt und Forscher sowie durch meinen internationalen Austausch mit Kollegen und anderen Akteuren des Gesundheitssystems habe ich täglich erfahren, wie die Medizin immer tiefer in eine Sinnkrise gerutscht ist. Die grundsätzlich richtige Einsicht, dass den steigenden Kosten der modernen Medizin eine strikte Kostenkontrolle gegenüberstehen muss, sowie die Schaffung falscher Anreize und Weichenstellungen haben aus der Humanmedizin eine mechanisierte, fabrikartige Standardmedizin werden lassen. Patienten werden zu Kostenfaktoren oder zu Gewinnbringern degradiert und Ärzte zu weisungsgebundenen Fließbandarbeitern marginalisiert.
Das ist kontraproduktiv! Wenn Ärzten immer weniger Zeit für die einzelnen Fälle und die dahinter stehenden Menschen und ihre Besonderheiten bleibt, hat das eine suboptimale Behandlung und Versorgung der Mehrheit der Patienten zur Folge. Zugleich steigen innerhalb dieses Systems durch Missverständnisse, Reibungen und Ressourcenverschwendung ungewollt die Kosten.
Weil den Fehlentwicklungen in der Medizin mit den im derzeit bestehenden System eingesetzten Mitteln – Optimierung durch ständige Effizienzsteigerungen und an der Industrie orientierte Managementmethoden – nicht beizukommen ist, habe ich Alternativen erarbeitet und dieses Buch geschrieben. Wir müssen andere, neue Wege gehen, und ich zeige, welche das grundsätzlich sein könnten.
WORIN SEHEN SIE DIE HAUPTURSACHEN FÜR DIE VON IHNEN BEKLAGTEN MISSSTÄNDE?
Eine der Hauptursachen liegt in der ausbildungsbedingten Verweigerungshaltung der meisten Ärzte, sich aktiv und engagiert in die Entscheidungen über zentrale finanzielle und strukturelle Weichenstellungen mit einzubringen. Der Rückzug der Mehrheit der Ärzte auf rein medizinische Fragestellungen hat in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass zunehmend fachfremde, von der Industrie geprägte Manager und Controller das Heft in der Medizin in die Hand genommen haben und nun wesentlich darüber bestimmen, wofür welche Gelder und Mittel bereitgestellt und wie die einzelnen Abläufe strukturiert und gestaltet werden. Doch dazu fehlt ihnen die fachliche Kompetenz und die praktische Erfahrung.
Betriebswirtschaftlich geprägte Manager verfügen über wichtige Qualifikationen, denn sie wissen, wie man ein vielfältig vernetztes System wie eine große Klinik oder Gemeinschaftspraxis führt. Aber sie können nicht beurteilen, welche diagnostischen und therapeutischen Verfahren wann und in welcher Kombination im Einzelfall sinnvoll sind und wie man welche Schritte und Maßnahmen am besten miteinander verbindet. Sie können und sollen die Ärzte bei der Organisation beratend unterstützen, sich aber nicht, wie es heute allerorten geschieht, in die medizinischen Abläufe einmischen, was dann zwangsläufig zu den zu beobachtenden Fehlentwicklungen führt.
Dadurch, dass sich die meisten Ärzte in die Resignation oder in den passiven Widerstand zurückziehen, statt für eine Behebung der Missstände zu sorgen, tragen sie maßgeblich zu diesen Fehlentwicklungen mit bei. Und darum müssen die Ärzte auch bei der Suche nach den Verantwortlichen erst einmal bei sich selbst beginnen.
WORIN SEHEN SIE MÖGLICHE LÖSUNGSANSÄTZE?
Die Lösung liegt vor allem darin, dass die Ärzte endlich wieder vom Rand ins Zentrum treten und ihrer Führungsaufgabe in der Medizin gerecht werden. Sinn der Medizin ist es, kranke Menschen zu heilen oder zumindest ihr Leid zu lindern, sowie die Entstehung von Krankheiten möglichst schon im Vorfeld zu verhindern. Und diejenigen, die über die dafür erforderliche fachliche Kompetenz verfügen, sind die Ärzte, nicht die Manager und Verwalter. Also müssen auch die Ärzte darüber bestimmen, wie sich diese Ziele mit den vorhandenen Mitteln am sinnvollsten und besten erreichen lassen.
Das bedeutet nicht, dass nun alle Ärzte ein Wirtschaftsstudium absolvieren und zu Medizinmanagern werden müssen. Aber sie können nur dann wieder glaubwürdig Führungsverantwortung übernehmen, wenn sie sich den Anforderungen der heutigen Realität in der Medizin stellen, und dazu gehört eben auch die Auseinandersetzung mit Grundfragen der Finanzierung und des Managements, die eigentlich schon während des Medizinstudiums beginnen sollte. Es ist realitätsfremd und unsinnig, ökonomische und organisatorische Fragen weiter aus der Ausbildung angehender Ärzte völlig auszuklammern.
Nur wenn Ärzte ein Grundverständnis für finanzielle und organisatorische Fragen besitzen, können sie als ernst zu nehmende, gleichberechtigte Partner des Managements realitätstaugliche und nachhaltige Veränderungen des Gesundheitssystems auf den Weg bringen und wieder federführend über alle zentralen medizinischen Weichenstellungen mitbestimmen. Das dafür erforderliche Grundwissen vermittle ich in meinem Buch. Die konkreten Einzellösungen müssen dann je nach Fall in gemischten Teams aus Ärzten, Management und Pflege vor Ort gemeinsam entwickelt und umgesetzt werden und sollten in einem weiteren Schritt dann auch die Patienten, die Politik und die Kassen mit einbinden.