Andreas Hoffmann

Mein Weg zum Weng Chun Kung Fu

Wenn ich heute zurückblicke, so wird mir immer wieder bewusst, dass das Weng Chun Kung Fu mich rief, um es vor dem Aussterben zu bewahren und dieser wundervollen Kunst zu einer neuen Blüte im 21. Jahrhundert zu verhelfen.

Doch fangen wir zunächst damit an, wie ich zum Kung Fu kam. Bereits als kleiner Mensch mit etwa vier Jahren verspürte ich den sehnlichen Wunsch nach China zu gehen. Von dieser Zeit an zog mich etwas Unerklärliches gen Osten. Immer wieder war ich von einem Bild Bodhidharmas fasziniert. Im Laufe der nächsten Jahre praktizierte ich so ziemlich alles, was aus Asien nach Europa überschwappte, zuerst Tae Kwon Do, dann Karate, Wing Tsun, etc. Doch meine Sehnsucht konnte dabei nicht gestillt werden. Aufgrund einer Erbschaft hatte ich als Teenager die Möglichkeit, endlich in das für mich gelobte Land zu reisen. Während der nächsten zwanzig Jahre pendelte ich dann zwischen Hong Kong und Deutschland hin und her, um nun meinen großen Traum zu leben. Während dieser Zeit hatte ich das unglaubliche Privileg einige der größten Kung Fu Experten nicht nur kennen zu lernen, sondern sogar von ihnen zu lernen. Darunter waren der Drachenstil Großmeister Lam Wun Gong, Wing Chun Großmeister Pang Nam, Wudang Großmeister Fu Wing Fay, Wing Chun Sifu Cheng Kwong, Hung Gar Großmeister Shiu Ying und ihr Sohn Großmeister Chiu Chi Ling und Weng Chun Großmeister Pak Cheung. Meine Heimat jedoch sollte ich bei dem letzten Weng Chun Großmeister Wai Yan in seinem Weng Chun Mekka Dai Duk Lan finden. Schon meine erste Begegnung mit diesem Großmeister war faszinierend. Als ich in Dai Duk Lan ankam, welches in Hong Kong in einem umgebauten Geschäftshaus lag, sah ich zwei ältere Männer, die, gekleidet in Anzug, Hemd und Krawatte, Kung Fu übten. Die von ihnen ausgeführten Bewegungen wirkten auf mich zunächst durchaus befremdlich, doch während eines Freikampfes mit, wie sich für mich anschließend herausstellte, Großmeister Wai Yan, bekam ich die unglaubliche Effektivität dieser Kampfkunst hautnah zu spüren. Von diesem Zeitpunkt an wusste ich endlich, wohin mich meine jahrelange unstillbare Sehnsucht getrieben hatte. Großmeister Wai Yan nahm mich als seinen Schüler an und besiegelte dies durch die traditionelle Teezeremonie. So widmete ich mich dieser Kampfkunst in den nächsten dreißig Jahrenmit Leib und Seele. Auch fühlte ich mich sofort für das Weng Chun Kung Fu verantwortlich und war immer der Erste, der in Hong Kong für das Weng Chun Kung Fu die sogenannten „rooftop fights“ ausführen wollte. Über zehn Jahre lang hatte ich die wundervolle Möglichkeit, persönlich von Wai Yan unterrichtet zu werden. Ich lernte auch von seinem Meisterschüler Lau Chi Long und wurde für mehrere Wochen nach Fatshan, China, geschickt, um dort vom letzten bekannten Weng Chun Meister im kommunistischen China, Weng Chun Großmeister Pak Cheung, welcher schon in seiner Kindheit ein Privatschüler von Großmeister Tang Suen war, zu lernen. Als Sohn einer reichen Familie war es ihm möglich, all seine Energie darauf zu verwenden, Weng Chun Kung Fu zu lernen. Während der Kulturrevolution jedoch verlor seine Familie all ihren Besitz und er wurde in ein kleines Dorf geschickt, um dort als Bauer zu leben. Heimlich unterrichtete er jedoch einige Schüler im Weng Chun. So konnte auch ich von diesem großen Meister lernen und wurde sein letzter Schüler.

Im Laufe der Jahre meiner Weng Chun Ausbildung begann ich dann immer mehr zu verstehen, dass der größte Kampf darin bestehen würde, unsere alte ehrwürdige Kampfkunst am Aussterben zu hindern. Ich war der letzte Schüler der Dai Duk Lan Forschungsakademie und der einzige westliche Schüler der Weng Chun Großmeister. Um meine ungewöhnlichen Verdienste hervorzuheben, verlieh mir Großmeister Wai Yan 1995 in einer öffentlichen Zeremonie, im Beisein zahlreicher Kung Fu Meister verschiedener Stile, ein Zertifikat, das mich als Großmeister und Nachfolger des Weng Chun ausweist.

Die Zeitung in Hong Kong schrieb 1988:

„Warum sollten sich ein älterer Kampfkünstler (Großmeister Wai Yan) und ein jüngerer Kampfkünstler/Großmeister (Andreas Hoffmann) vor einem Bild mit der Aufschrift „Dai Duk Lan“ fotografieren lassen? Tatsache ist, dass die meisten die Bedeutung der historischen Stätte „Dai Duk Lan“ nicht kennen, Tatsache ist aber auch, dass Dai Duk Lan eine wichtige Rolle für die Mo Lam (Gemeinschaft der Kampfkünstler) spielt. Wenn man den inneren Kreis der Kampfkünstler in Hong Kong danach fragt, wird man die Auskunft erhalten, dass Dai Duk Lan die geheime Übungsstätte des Weng Chun Mun Paai (Weng Chun Kampfstil) ist. Dai Duk Lan ist die Versammlungsstätte aller Weng Chun Großmeister. Dieser Fakt macht das Foto zu einem historischen Dokument, dass die Weitergabe des Weng Chun Systems/Stils von der älteren an die jüngere Generation von Großmeistern zeigt, die zusammen die Erben des Weng Chun darstellen.“

Heute leite ich das Weng Chun und bin der einzige der Dai Duk Lan Ära, der das Weng Chun hauptberuflich unterrichtet. Ich versuche den Lebensstil dieser Kampfkunst in meinem Zuhause in Bamberg, in Deutschland jeden Tag neu zu leben. Inspiriert von meinem Lehrer Wai Yan gründete ich die International Weng Chun Kung Fu Association, um Weng Chun weltweit bekannt zu machen. Das Weng Chun Kung Fu ist eine wundervolle Kunst mit langer Tradition in China, aber es begann dort und sogar in Hong Kong aus verschiedenen Gründen auszusterben. Ich fragte mich, was die Gründe dafür sein könnten, dass ein so altes und wichtiges Kulturgut Chinas nun sein Ende finden könnte, obwohl es doch auch und gerade für den modernen Menschen enorm wichtig wäre. In China bestand der Hauptgrund sicherlich in den Folgen der kulturellen Revolution. Die Weng Chun und nahezu alle anderen Kung Fu Meister waren gezwungen nach Hong Kong oder Taiwan zu fliehen. In Hong Kong jedoch blühte nunmehr der ungezähmte Kapitalismus und viel Geld zu verdienen wurde somit immer wichtiger für die Menschen. Die Kinder der alten Meister gingen an die Universitäten oder wollten mit anderen Tätigkeiten viel Geld machen. So kam es dazu, dass das Weng Chun auch in Hong Kong seinen Nachwuchs verlor. Es gab zwar noch Schüler dieser Kampfkunst, diese übten sie meist jedoch nur noch als Hobby aus. Ein Großteil von ihnen war daher gerade noch in der Lage die Übungen der alten Großmeister zu kopieren, zu einem tieferen Verständnis dieser reichte es jedoch nicht. Hinzu kam in Hong Kong dann noch die Popularität des Wing Chun mit Bruce Lee. Hörten die Menschen den Begriff Weng Chun, so dachten sie sofort an Wing Chun und verstanden nicht, dass das Weng Chun ein eigener Stil ist und eher einen Vorfahren des Wing Chun darstellt, als dass es eine Variante davon ist.

Als ich Ende der 80er Jahre begann, das Weng Chun in der westlichen Welt zu verbreiten, bekam ich sofort den Gegenwind einer großen Wing Chun Organisation zu spüren, die behauptete, ich hätte Weng Chun erfunden und alle Chinesen wüssten, dass dieses lächerlich sei. Doch trotz alledem hielt ich durch und fand viele spannende Schüler, die ebenfalls nun spürten, endlich bei ihrer Kampfkunst, dem Weng Chun Kung Fu angekommen zu sein. Gemeinsam etablierten wir das Weng Chun Kung Fu in vielen Ländern weltweit. Diese Kampfkunst spricht für sich, viele Menschen sehen unsere natürlichen Bewegungen in Filmen oder bei Vorführungen und spüren sofort, dass eben diese Anmut genau die Art des Kung Fu ist, das sie praktizieren möchten. Andere wiederum erleben die unglaubliche Effektivität, die die Weng Chun Kämpfer im Sanda oder in MMA Kämpfen an den Tag legen oder aber sie erkennen die enorme Selbstverteidigungseffizienz dieses Stils und schließen sich aus diesen Gründen unserem Weng Chun Training an. Einige Wenige forschen in der chinesischen Kung Fu Geschichte und erkennen dadurch das große Erbe Südshaolins, das durch eine ununterbrochene Linie bis zu uns übertragen wurde. Sie wollen helfen, diese Übertragung auch für die Zukunft zu bewahren. Heutzutage trainieren tausende engagierte Schüler Weng Chun Kung Fu. Sie werden von einer Vielzahl Lehrer und Meister angeleitet, die durch Andreas Hoffmann mit den alten Meistern verbunden sind.

Als ich Alfredo Tucci von Budo International kennen lernte, spürte ich sofort, dass er ein wichtiges Bindeglied für diese historische Aufgabe ist. Er hat bereits viele Klassiker des Karate und fernöstlicher Weisheiten publiziert und hilft jetzt auch dem Weng Chun durch ein neues Buch. Dafür sind wir dem weltweit größten und wichtigsten Kampfkunstmagazin Budo International und seinem Direktor Alfredo Tucci sehr dankbar. Insbesondere auch dafür, dass sie die historische Wichtigkeit des Weng Chun Kung Fu nicht nur erkennen, sondern auch schätzen und uns eine internationale Plattform geben Weng Chun in das 21 Jahrhundert zu übertragen. Gemeinsam haben wir beschlossen, dass ich auch in den nächsten Jahren alle Aspekte des Weng Chun Kung Fu in den monatlichen Kolumnen des Budo International beleuchten werde. Nun bringen wir außerdem das erste internationale Buch über diese Kampfkunst heraus. Es soll der Beginn und die Basis einer Serie von Büchern sein, die die einzigartige Verbindung zwischen Shaolin Chan, effizienter Kampfkunst, der Stärkung der Gesundheit und den Heilkünsten des Weng Chun Kung Fu aufzeigt. Dieses Buch beschreibt die Grundlagen des Weng Chun Kung Fu, die von den speziellen Kampfstrategien dieser Kampfkunst, wie den 6 _ Prinzipien, den 18 Kampfbrücken, etc., über die Beschreibung der Trainingsmethodik der konkreten Bewegungsformen Saam Pai Fat, Sap Yat Kuen und Luk Dim Boon Kuen, bis zur Anwendung an der Holzpuppe reichen. Auch konkrete Kampfanwendungen in der Selbstverteidigung sollen behandelt werden. Abgerundet wird das Ganze durch die Grundlage der 10 Weisheiten, die eine Basis darstellen, um das Kampfkunst Zen des Weng Chun zu praktizieren.

Andreas Hoffman

www.wengchun.de

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