Der schreibende Chemiker
Von unserem Redaktionsmitglied Lara Feder
Wachenheim. Mit einem kleinen Häufchen eines orangefarbigen Stoffs hat alles begonnen. So entdeckte Dieter Neubauer seine Leidenschaft. In seiner ersten Chemiestunde, als er gerade 15 Jahre alt war. Der Lehrer des Carl Bosch Gymnasiums in Ludwigshafen zündete das Berglein auf dem Pult an. Knisternd brannte es ab, sprühte Funken und verwandelte sich schlussendlich in ein grünes Häufchen. Bei dem Schüler Neubauer war der Funke übergesprungen.
"Warum ist das so?", fragte sich er sich, wollte unbedingt mehr erfahren. Heute weiß es der 80-Jährige ganz genau. Denn seither brennt er für die Chemie, hat sie zu seinem Beruf und Hobby gemacht. Und die wiederum hat ihn zu zwei weiteren Leidenschaften gebracht: dem Reisen und dem Schreiben und zur Synthese der beiden Komponente. Drei Reiseführer, zwei Chemiewerke und zwei Kinderbücher hat er verfasst.
Heute ist für Neubauer der erste chemische Versuch längst kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Wie Ammoniakdichromat beim Verbrennen reagiert, kann er im Schlaf runterbeten. Denn direkt nach dem Abitur studierte der gebürtige Ludwigshafener in Heidelberg Chemie, promovierte dort und arbeitete dann bis zur Pensionierung bei der BASF - in verschiedenen Positionen, in verschiedenen Werken weltweit.
"Und dennoch ist und bleibt die Chemie für mich unter den Wissenschaften immer die faszinierend schöne Unbekannte", sagt er, "weil sie sich immer weiter entwickelt, immer neue Rätsel aufgibt.
Wenn er auf dem Sofa sitzend über Chemie fachsimpelt, wählt er Worte, die jeder versteht, erklärt geduldig, hat stets anschauliche Beispiele parat. Und doch ist man sich gewiss, dass er, sobald er Kittel und Schutzbrille trägt, eine andere Sprache beherrscht. Dann ist von "Hydroformylierung" und "isomeren Butanalen" die Rede.
Mehr von der Welt verstehen
In seinen Chemiebüchern finden sich beide Neubauers wieder. Denn die Scheu vor der Chemie kann der Vollblut-Chemiker gut nachvollziehen: "Auf den ersten Blick wirkt sie doch abschreckend kompliziert, die Namensgebung der Stoffe ist zu oft unsinnig. Aber wer einmal Grundlegendes verinnerlicht hat, versteht mehr von der Welt. Das finde ich überaus befriedigend."
Seine beiden Töchter selbst haben Chemie so früh es ging abgewählt. Doch der Bumerang kam schneller zurück als erhofft: Die eine studierte Medizin, die andere Biologie. "Beide mussten sie dann mühsam nachholen, wogegen sie sich in der Schule so fleißig gewehrt hatten", erklärt Neubauer.
Wie den Töchtern geht es bestimmt vielen Menschen, denkt sich der Forscher. "Da ist es doch besonders schade, dass es so wenig Literatur über Chemie gibt." Das ändert er. Mit "Demokrit lässt grüßen" knöpft er sich die anorganische Chemie vor, bricht sie für interessierte Laien verständlich herunter.
Beim Schreiben stellt er sich einen Schüler vor, der mit Chemie eigentlich auf Kriegsfuß steht. Indem er sich in den virtuellen jungen Mann hineinversetzt, findet der Wissenschaftler in eine Sprache, die sich fast romanartig liest - unterbrochen von abstrakten Skizzen.
Keine Langeweile auch für Profis
"Ich hätte mich schlecht gefühlt, wenn ich mich nur der einen Seite widme. Die organische Chemie hat mir ja auch auf der Seele gebrannt", erklärt er. Gesagt, getan: In diesem Jahr erschien "Kekulés Träume", eine Einführung in die organische Chemie. Kein klassisches Lehrbuch, eher leicht populärwissenschaftlich angehaucht, langweilt es auch Chemiker keineswegs: Nimmt der Autor den Leser beispielsweise auch auf Streifzüge durch die Philosophie und Geschichte mit.
Erklären will er aber vor allem ganz Alltägliches: Aspirin, Seife, Alkohol oder wie eine Batterie funktioniert. Letztere habe er "erst durch das Schreiben in allen Facetten verstanden", gibt er zu.
Doch nicht nur in der Chemie ist Neubauer in seinem Element, sondern auch beim Reisen. Sein Auslandsaufenthalt im spanischen Tarragona, wo er acht Jahre lang als Mitglied des Vorstandes BASF Española tätig war, ist für Neubauer der Beginn zum Schreiben: Die Familie hatte in der spanischen Stadt viel Besuch, immer wieder fungierte Neubauer als Stadtführer. "Mit meinem saloppen Erzählstil habe ich den Urlaubern die Stadt nahegebracht und jede Ecke gründlich kennengelernt."
Kurz bevor er mit seiner Familie wieder nach Deutschland zurückkehrt, schreibt er alles auf, was er sonst immer erzählt - aus Angst die Details zu vergessen. Daraus entstand sein erstes Buch: "Costa Brava kennen und lieben". Sein Geheimnis, seinen Beruf und das Schreiben unter einen Hut zu bringen: "Ich schau kein Fernsehen."
Quelle (Text und Bild): Mannheimer Morgen
http://www.morgenweb.de/region/mannheimer-morgen/metropolregion/der-schreibende-chemiker-1.1851210
Aufgerufen am 05.02.15