Ein Becher mit frischem Kaffee und dazu ein aufgeklappter Laptop: Mehr brauche ich nicht am Vormittag. Mit dem Rücken zum offenen Schlafzimmer sitze ich am Schreibtisch und sehe durch die großen Fenster auf meine Terrasse. Opernmusik, ein Joghurt, zwei Stunden Arbeit im Schlafanzug. Ich lese was ich am Abend geschrieben habe und denke: Ist das von mir? Manchmal bin ich verblüfft, manchmal entzückt und ab und zu denke ich: Ach ne, das streich mal wieder. Meine Geschichten entwickeln sich, sie sind ungeplant und wenn einer meiner Protagonisten einen Weg einschlägt, der mir nicht gefällt, dann ruf ich ihn zurück. Manchmal gehorcht er, öfter nicht. Dann muss ich mich an das halten, was mein Charakter will. Ich bin gehorsamer als er. Wenn ich eine Geschichte beginne, fange ich mit dem ersten Satz an und bin zuversichtlich, dass er mich bis zum letzten trägt.Vom Farbtopf zum Laptop
Sie macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt: Ursula Kötz Tintelnot liebt die Figuren in ihren Romanen, ihren romantisch-verwilderten Terrassengarten und ihren bunten Hahnenbecher.
Auf den Spuren von Harry-Potter-Autorin Rowling
„Machen wir mal einen Fantasy-Roman! Was die Rowling kann, können wir doch schon lange,“ sagte Ursula Kötz vor zehn Jahren zu einer Mitarbeiterin in ihrem Rissener Buchladen. Sie schrieb die ersten 16 Seiten und gab sie der Kollegin zur Fortsetzung. Als die sich nicht rührte, machte sie im Alleingang weiter. 2013 erschien „Faith – Tochter der Lichten Welt“ unter ihrem Mädchennamen Ursula Tintelnot. Ein Jahr später folgte der zweite Teil. Wenn sie heute über die beiden Fantasies spricht, zuckt sie mit den Schultern und bezeichnet die Bücher lapidar als „die Jugendsünde“ ihrer Schriftstellerei.
Ihre Bücher etablierten Verlagen anzubieten kommt für sie nicht in Frage. Denn als Buchhändlerin weiß sie, dass man dazu nicht nur extra viel Glück, sondern auch einen langen Atem braucht. Und den hat sie nicht. „Ich bin zu alt, um noch warten zu können. In fünf Jahren bin ich vielleicht schon tot. Ich will ja gar nicht viel, aber wenn ich mal was will, dann will ich es sofort“, sagt sie und dreht dabei ihren angeschlagenen Hahnenbecher zwischen den Händen.
Hausregeln: Wer den Parkplatz blockiert, fliegt raus
Neben den Fantasy-Romanen hat Ursula zwei Büchlein mit Omageschichten veröffentlicht. Anekdoten über ihre Enkel JJ und Lissy und die vielen weiteren Kinder, die mit Begeisterung ihr Haus stürmen und ihre Süßigkeiten-Silberdose plündern. Das Dachgeschoss ihres Einfamilienhauses vermietet sie gerne an junge Familien, damit „Leben ins Haus kommt“. Dass die Mieter durch ihren Flur laufen müssen, um in ihre Wohnung zu gelangen, stört sie nicht im Geringsten. Wenn sie Ruhe haben will, schließt sie einfach die Tür zu Küche und Wohnzimmer und für den Rest gibt es zwei einfache Regeln: Niemand darf ihre Räume einfach so betreten, sondern muss erst an der Haustür klingeln. „Damit ich noch Zeit habe, den Finger aus der Nase zu ziehen“, sagt sie und klingt dabei ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Regel zwei: Wer auf ihrem Parkplatz parkt, fliegt raus.
Das Schreiben: Eintauchen in andere Welten
Weitere Regeln braucht Ursula nicht. Sie hat Schöneres zu tun, arbeitet gerade an ihrem dritten Frauenroman. Auch hier geht es – genau wie in den ersten beiden Bänden „Violetta“ und „Tatjana“ – um junge Frauen, die in Norddeutschland und Italien ihren Weg machen mit viel Musik, Oper und Gesang. „Wenn ich morgens gegen 10.00 Uhr aufstehe, habe ich schon oft den ersten Satz im Kopf. Ich gehe dann zum Computer und arbeite bis 12.00 Uhr. Danach starte ich in den Tag“, erzählt sie. Das Schreiben ist für sie wie ein fantastisches „Heraustreten aus der Wirklichkeit. Mit Opernmusik im Hintergrund klappt das Eintauchen in andere Welten besonders gut“. Manchmal tauscht sie ihren Arbeitsplatz gegen eine Bank an der Elbe ein und lauscht dort ihren Heldinnen: „Die sind manchmal sehr selbstständig. Vor zwei Tagen beispielsweise ist meine Protagonistin mit einem anderen Mann durchgebrannt, als ich eigentlich geplant hatte “,verrät Ursula und freut sich über das Eigenleben ihrer Figuren. Ihr weißer, lässig gesteckter Dutt baumelt locker über dem Kragen ihrer mintfarbenen Leinenbluse.
Aus dem Internat geflogen
Mit Kunst hat sich Ursula ihr Leben lang beschäftigt, erst mit Fotografie, dann mit Grafik und Malerei, nun mit dem Schreiben. Mit 16 ging sie an das Berliner Lette-Institut, um Fotografin zu werden. Doch nach eineinhalb Jahren war dort Schluss: „Ich war renitent, habe die Hausmutter ignoriert, kam nachts nicht nach Hause und habe mir das Rauchen angewöhnt. Da bin rausgeflogen“, erinnert sie sich. Weitere Kunst- und Grafikschulen und etliche Umzüge folgten. Mit 21 heiratete sie den Blankeneser Buchhändler Jan Kötz und fing in seinem Laden an. Als die Kinder kamen, blieb sie zunächst zu Hause, doch schon bald trieb die Langeweile sie zurück ins Geschäft und zusätzlich auf die Schulbank eines Abendgymnasiums. Dort holte sie mit 37 ihr Abitur nach und übernahm dann mit ihrer Schwester die Zweigstelle der Buchhandlung ihres Mannes.
Vom Malen und tanzenden Gänsen
Als ihr Mann sich nach 33 Jahren von ihr trennte, griff sie zu Pinsel und Farbtopf und malte Pflanzen, Stillleben und Menschen in Öl. Sie genoss dabei das „Wegdriften, das Aufgehen in den Farben und Motiven“. Einige Bilder nutzte sie als Fensterdekoration in ihrem Laden und verkaufte dabei auch das eine oder andere Exemplar. Neben der Ölmalerei beschäftigte sie sich mit dem Zeichnen. Auf einfaches, braunes Packpapier malte sie fröhliche Kinder und tanzende Gänse und verpackte damit die Bücher, die sie verkaufte. Als sie mit siebzig den Laden aufgab, versandete auch ihr Interesse am Malen. Gleichzeitig nahm die Lust am Schreiben zu und sie beendete ihr erstes Buch.
Sechs veröffentlichte Bücher und ein weiteres in Arbeit sind für Ursula Kötz nicht genug. Sie schreibt gerade zusammen mit Kollegen ihrer Autorengruppe an einer Anthologie mit Herbstgeschichten. Ob sie auf den großen Durchbruch als Autorin hofft? Da lacht sie nur, verweist erst auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung und dann auf den „Spaß an der Freude“.
Alle meine Bücher über Amazon http://t1p.de/b0i3