Zu meinen bisher veröffentlichten vier Büchern:
Als junger Arzt verfasste ich unter dem Eindruck meiner Erlebnisse in der Psychiatrie mein erstes Buch: die "Arztnovelle", die 1972 erstmals im Paul-List-Verlag in Leipzig erschien und in den folgenden Jahren immer wieder in hohen Auflagen, so dass man im heutigen Sinne wohl von einem echten "Bestseller" sprechen kann (bisherige Gesamtauflage 100000 Exemplare). So naiv, spontan und unbeschwert wie ich einerseits an die Niederschrift meiner "Arztnovelle" gegangen war, so stolz war ich doch andererseits, dass nicht nur die leidenschaftliche, tragisch ausgehende Liebesgeschichte meine Leser bewegte, sondern dass mein Buch für viele, ob Studenten, angehende Ärzte, Schwestern, Pfleger oder einfach literarisch und am gesellschaftlichen Leben Interessierte, ein erstes Bekanntwerden mit den Problemen des psychiatrischen Faches bedeutete. Ich hatte ja noch aggressive unruhige Patienten, unmenschlich wie Fische in Netzen gehalten, vorgefunden - und dann einen modernen wissenschaftlichen Blick auf psychisch Kranke erlebt, der sie nicht mehr als "Objekte der Besessenheit" etikettierte, sondern sie als subjektiv empfindende Menschen mit leidvollen Erfahrungen, unerfüllten Wünschen und geheimen Sehnsüchten erkannte, die uns oft in der psychischen Krankheit verschlüsselt vermittelt wurden.
Mit der frisch gedruckten "Arztnovelle" im Gepäck brach ich jedoch noch einmal aus der Psychiaterlaufbahn aus, um mir selbst einen Jugendtraum zu erfüllen: ich fuhr zur See. Fünf Jahre lang auf Schiffen der Fischerei- und Handelsflotte. Die Arbeit an Bord der Schiffe, die Motive und Konflikte der Seeleute, lustige und traurige Ereignisse, dramatische Rettungsaktionen, die ich als Arzt nach dem Übersetzen auch auf fremden Schiffen zu bewältigen hatte, bildeten den Stoff für mein zweites Buch: "Rosen im Meer", Aufzeichnungen eines Schiffsarztes. Es wurde wie das erste ein schöner Erfolg (bisherige Gesamtauflage 70000 Exemplare). Beide Bücher wurden auch einmal unter dem Titel "Stationen" in einem Band veröffentlicht (zur Zeit sind beide Bücher nur antiquarisch zu erhalten). -
Mein drittes Buch ist Ende 2013 erschienen: "Dr.Agaton", Ein Tagebuch, herausgegeben von seinem Freund und Psychiater. Wie die ersten beiden handelt es von selbst Erlebtem oder von Verwandten, Freunden Erfahrenem und von Fiktionalem. Als kleiner Junge war ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern am Ende des Krieges von Ostpreußen nach Sachsen umgesiedelt worden, wo wir eine aufgeschlossene, uns fördernde neue Heimat fanden; zu der die Gewalttaten der Sieger bald nicht mehr passten. So verdrängte auch ich lange das Unglaubliche (vorzeiten bis heutzutage in den allseitigen kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Welt ja sozusagen zur gängigen verbrecherischen psychologischen Kriegsführung geworden) - das ich mir jetzt mit "Dr.Agaton" wie eine Schuld von der Seele schrieb. Doch "Agaton" selbst, der dieser Schreckenszeit als Halbwüchsiger unmittelbar ausgesetzt war, hatte ein weiteres Problem: er erlebte die Siegermentalität der neunziger Jahre, als er sich plötzlich wieder für seine Biographie, seine Existenz rechtfertigen sollte, wie ein "Flash-back" der vierziger. Als Autor und Herausgeber fühlte ich mich auch dieser Wahrheit verpflichtet; wo alte Tabus gebrochen, sollten nicht neue errichtet werden. Ich wollte "Agaton" Gehör verschaffen, den Versuch unternehmen, den Gefühlszustand eines nicht unwesentlichen Teils dieser Generation widerzuspiegeln, ohne ein nostalgisch-verklärtes Bild zu zeichnen. Dazu schreibe ich im Vorwort: "Die Erschütterung am Ende dieses untergegangenen Landes glich für mich einem Aufatmen in bewusst gewordener Misere und sagte mir, dass auch für mich noch eine Bewährung bevorstand und keine Zeit absolute Verlässlichkeiten bot. Agaton dagegen war durch die Hölle gegangen, hatte sich am Abgrund an ein Riff geklammert - das, als es brüchig wurde und brach, in ihm neue Todesängste schürte, da der Abgrund nie überwunden ward."
Doch mit "Agaton" war das Thema Krieg, Gewalt, Neubeginn des Lebens nach gesellschaftlichen Zäsuren für mich noch nicht erschöpft, da zu tief auch in der eigenen Familiengeschichte verwurzelt. Für "Mutters Wahn", mein viertes Buch (Juli 2020 zunächst als eBook veröffentlicht), brauchte ich mehr Zeit, Raum, ein größeres Figurenensemble, um ein möglichst bewegendes Bild der Leidenschaften, Katastrophen, geografischen und sozialen Umbrüche einer deutschen Familie aufzuzeichnen; die Hauptprotagonistin Elvira aus der mittleren Generation , selbst nicht ohne Schuld durch die Zeiten gekommen, erlebt zwar noch die deutsche Einheit, doch Unglück und Traumatisierung durch das zerrissene Land haben längst auch ihre innere Welt zerrissen. Von zwei großen Lieben, ihrer hohen Beglückung und ihrem tiefsten Leid muss erzählt werden - schon als junger Arzt, als ich auf einen Fischdampfer, dann auf ein Frachtschiff aufstieg, machte ich mir erste Notizen dazu - und aller Jahre wieder, doch erst jetzt konnte ich die Geschichte vollenden.
Martin Goyk