Helmut H. Schulz

Laudatio zur Überreichung der Ehrengaben am 6. November 1992 im Weißen Saal des Weimarer Stadtschlosses

Deutsche Schillerstiftung, Weimar 1992

Helmut H. Schulz, 1931 in Berlin geboren, von dieser Stadt und den märkischen weiten Feldern wie von seinem weißen Jahrgang geprägt und schreibmotiviert, hat ein erzählerisches Werk von mehreren tausend Buchseiten Umfang vorzuweisen, darunter zahlreiche längere Erzählungen und mehrere voluminöse Romane. Der Schriftsteller als Person vermeintlichen öffentlichen Interesses stand immer und steht auch heute im Schatten seines Werks. All dem, was in unseren gewendeten Zeiten und Breiten für einen Schriftsteller unabdingbar geworden scheint: Selbsterklärungen, Kommentare zum Werk und zu Tagesereignissen abzugeben, durch Skandale oder sonstige außerliterarische Selbstinszenierungen auf sich aufmerksam zu machen, entzog er sich beharrlich. So haben als Bekenntnis ausschließlich seine Bücher zu gelten.

Entdeckt wurde er zu Beginn der sechziger Jahre von Johannes Bobrowski, der die Erzählung "Der Fremde und das Dorf' lektorierte und zur Veröffentlichung brachte. In der quergeschriebenen Alltagsgeschichte "Villa Tagore", 1977 veröffentlicht, erzählt er von einer Frau, deren Hunger nach Exotik als Gleichnis für den Anspruch auf ein individuell gestaltetes Leben (ohne Reisebeschränkungen) steht. Diese im Berliner Vorstadtmilieu angesiedelte Geschichte, die sich im Atmosphärischen Truman Capote verpflichtet weiß, lässt die zu ihrer Zeit gewünschten Muster und Konstellationen sehr weit außer Acht. Die Stärke des Erzählers liegt in der novellistisch zugespitzten Lebensgeschichte, die er mit tradierten Spannungselementen subtil-vital entfaltet, enthüllt. In den meisten seiner Bücher geht es um die trauma-tischen Früherlebnisse aus der Zeit des Hitlerfaschismus und seines Zusammenbruchs. Ob in den Romanen "Das Erbe" (1981), "Dame in Weiß" (1982), ob in den Erzählungsbänden "Stunde nach zwölf' (1985) "Zeit ohne Ende" (1988); "Götter-dämmerung" (1990) - immer schildert er Menschen bürgerlicher Herkunft, mit Geschichte belastet, durch die aufgezwungenen Umstände schuldverstrickt, vor Gewissenskonflikte gestellt, in denen es um Sein oder Nichtsein geht. Entwicklung wird dargestellt in -ihrer Abhängigkeit vom sozialen Umfeld und der Geschichte, in die der einzelne hineingestellt, hineingeworfen wird. So interessiert ihn vor allem das Verhalten der Mitläufer, deren Anpassung und Widersatz, nicht so sehr das der Protagonisten des Systems und das ihrer Gegner, wobei er den einzelnen viel stärker in das natürliche Koordinatensystem von Leben und Tod eingebunden sieht als in das abwaschbarer Ideologien.

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