Jan Erhard

Jan Erhard wurde 1969 in Bochum geboren, wuchs in Rüsselsheim auf und studierte Philosophie und Geschichte in Berlin. Das Interesse für südostasiatische Kulturen bot den Anlass für umfangreiche Recherchen, die zu dem vorliegenden Roman führten. Heute unterrichtet er an einem Berliner Gymnasium und lebt in Teltow bei Berlin. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die Angkor-Romane erscheinen seit März 2017 in einer überarbeiteten Neuauflage.

Jan Erhard zu »Milchozean«:

In einer Gesamtdarstellung der Geschichte Südostasiens stieß ich 2002 auf die Sitte der Gallengabe. Damals sagte mir Angkor wenig und ich fand, seine Zeit der Wunder sei es wert, erzählt zu werden. Leider hinterließen die Khmer nichts Schriftliches und daher ist der Forschungsstand trotz aller Mühen überschaubar geblieben. So hangelte ich mich an belegbaren Ereignissen entlang und füllte die Lücken mit Menschen, von denen ich selbst lesen wollte. »Milchozean« ist also ein Roman, der erste von sechs, und wer mag, kann den Anhang Zuhilfe nehmen und herausfinden, was wirklich geschehen ist. Aber Geschichte, sagte Napoleon, ist ohnehin nur eine Fabel, auf die man sich geeinigt hat. Die Tempel in Angkor trotzen der Ewigkeit und für mich verband sich ihr Schicksal mit der Legende eines Sklaven, der zu den Göttern aufstieg. Und solch eine Geschichte, fand ich, muss einfach wahr sein.

Jan Erhard zu »Weltenschlange«:

Vor einigen Jahren malte ich mir Kambodschas Zeit der Wunder aus, die Geschichte eines ehrgeizigen jungen Königs, der die Welt verändert und dennoch Bescheidenheit lernt. Der Stoff erschien mir rund und in sich abgeschlossen, bis ich in einer historischen Darstellung auf eine ausgesprochen irritierende Fußnote stieß: Die Herkunft des Thronräubers Suryavarman II. liege im Dunklen, seine Familie stamme wahrscheinlich aus dem Norden Kambujas. Eine Lücke! Ich brauchte also einen Vater für meinen Protagonisten und fand ihn in einem Namenlosen, der sein Leben tauschte. Aus dieser Idee entstanden »Milchozean« und »Weltenschlange«. Der dritte Band, »Sonnenscherbe«, erzählt die Geschichte, mit der alles begann und die ein wenig gewachsen ist.

Jan Erhard zu »Sonnenscherbe«:

Und so endet Vishnulokas Geschichte. War es wirklich ein Mausoleum? Es gibt widerstreitende Deutungen und ich musste mich für eine naheliegende These entscheiden: Welche Grabstätte mochte ein Gottkönig für sich wählen, der sich für den Herrn der Welt halten konnte? Ein Mensch, dessen Gesicht dem Besucher noch heute begegnet und der sich bestimmt auch in dem achtarmigen Vishnu verewigen ließ, der einst das Turminnere ausfüllte. Ja, der König schaute in seinem Tempel der Ewigkeit entgegen, das glaube ich. Und tatsächlich entdeckten Archäologen vor gar nicht so langer Zeit zumindest den Grundstein des Heiligtums - in fünfundzwanzig Metern Tiefe. Aber letztlich bleibt es ungewiss, genauso wie die Frage, wie irgendjemand jemals die kolossale Statue von der dritten Ebene herunterschaffen konnte. Und wo ist sie überhaupt geblieben?

Jedenfalls bedeutete die unfassbar rasche und deshalb umso aufwendigere Errichtung der Tempelstadt keineswegs schon den Untergang für die Khmer, denn Suryavarman hinterließ ein mächtiges Erbe. Auch wenn man später tatsächlich nur kleine Goldblätter fand, in welchen weiße Saphire ruhten, alle anderen Schätze, und sie müssen unvorstellbar gewesen sein, gingen verloren. So ist das. In den folgenden Jahrhunderten wechselte die Religion und viel häufiger die Macht und so stellt Suryavarmans einzigartiges Vermächtnis eine Metapher für das Leben schlechthin dar: Eine Eruption an schöpferischer Kraft, Machthunger und Grausamkeit schuf ein gewaltiges Reich und ein unsterbliches Wunder. Doch trotz und - wir werden sehen - vielleicht gerade wegen ihrer Größe fielen diese Hinterlassenschaften der erbarmungslosen Zeit zum Opfer. Und siebenhundert Jahre später konnte ein französischer Schmetterlingsforscher angesichts der tristen Gegenwart bereits nicht mehr glauben, dass wirklich die Khmer den Göttern einst ein Zuhause errichtet hatten. Aber Vishnuloka ziert die Welt für immer und damals ging das Leben weiter. Schon wollen und müssen die nächsten Helden das Spiel wagen. Und ein junger, etwas untersetzter Mann mit hoher Stirn wird ein anderes Wunder errichten, das man heute nur ›die große Stadt‹ nennt. So soll es geschehen und so geschieht es.

Anmerkung: Einige Leser waren von den diversen Grausamkeiten befremdet, die ich in Milchozean schilderte. Die Unerschrockenen unter Ihnen könnten feststellen, dass die Schicksale in den folgenden Büchern nicht weniger drastisch beschrieben werden. Woran liegt das? Ich glaube, wir machen uns ein weitgehend verklärtes Bild von der Vergangenheit - eine romantischere Gegenwart im altertümlichen Kostüm. Dagegen müssen die Zeiten, in denen es noch keine Elektrizität, Antibiotika und Menschenrechte gab, ungleich härter gewesen sein, insbesondere für die Schwachen und Machtlosen. Und in einem Land, das schon viele Millionen ernährte, als in London gerade einmal fünfzehntausend Seelen lebten, zählte der Einzelne wohl tatsächlich nichts.

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