Werner Toelcke

Also, ich bin ziemlich alt. Das sieht man ja. Tatsächlich habe ich noch als Kind den letzten Krieg erlebt. Den Luftschutzkeller kannte ich für ein paar Jahre besser als unser Wohnzimmer. Eines Tages kam ein Engländer auf dem Rückflug von Berlin auf die Idee, über Hamburg den Bombenschacht auszufegen. So flogen seine letzten Brandbomben direkt auf unser Haus und fackelten es ab. Es war das einzige Haus in der Straße, das damals abgebrannt ist.

So kam ich nach Sachsen. War natürlich eine Umstellung für einen Jungen. Die Menschen und ihre Sprache, so ganz anders. Ich verstand zuerst nicht viel und musste eine Menge neuer Vokabeln lernen. Zu einem Feudel sagen die dort Hader, und ein knuspriges Rundstück heißt bei denen Breedschn. Irre! Aber als Junge lernt man schnell, und es dauerte nicht lange, da begann ich die Sachsen zu lieben. Ich bin bis zu meinem Abitur dort geblieben.

In Weimar, meiner nächsten Station, besuchte ich das 'Deutsche Theaterinstitut'. Auf dem Briefkopf stand zu lesen: Institut zur Erneuerung des Deutschen Theaters. Nun ja, es war 1949, und die DDR war gerade gegründet worden. Man fing mit dem Sozialismus an. Schauspieler wollte ich schon lange werden, bereits während der Schulzeit. Ich hatte sogar eine Laienspielgruppe gegründet, die viel Erfolg hatte. Eines Tages ließ mich der Intendant des Stadttheaters zu sich kommen und bot mir eine Rolle an. Ich sollte einen Förster in dem Volksstück vom Volkshelden Stülpner Karl spielen. Und so fand mein Debüt tatsächlich am Stadttheater Glauchau statt, einige Zeit bevor ich mit dem Studieren in Weimar begann.

Nach zweieinhalb Jahren meinte der Intendant Maxim Valentin, ich hätte nun genug studiert, ich sei doch inzwischen ein fertiger Schauspieler und solle mit ihm und seinem 'Jungen Ensemble' nach Berlin gehen. Dort eröffnete er gerade das 'Maxim Gorki Theater'. Ich war im Siebten Himmel, erwartete ich doch, dass sich Berlin mir nun zu Füßen legte. Wie man sich irren kann. Aber auch Herr Valentin hatte sich geirrt, denn ich war noch gar kein fertiger Schauspieler. Fluchtartig verließ ich Berlin nach nur wenigen Monaten in Richtung Dresden. Aber auch das Staatstheater dort war eine Nummer zu groß für mich, um bedeutende Rollen zu spielen. Nächste Stationen waren Magdeburg und Erfurt. Wenn man aber den Blödsinn mit dem Maxim Gorki Theater in Berlin mal vergisst, habe ich dennoch alles richtig gemacht. Ein junger Schauspieler sollte sich an verschiedenen Bühnen den Wind um die Nase wehen lassen. In Erfurt hatte ich Glück. Ein junger Regisseur besetzte mich mit einer Hauptrolle, und seine Eltern, berühmte Leute aus Berlin, empfahlen mich an die Volksbühne. So war ich nach sieben Jahren Wanderschaft wieder in Berlin.

Mit dem Schreiben hatte ich in Magdeburg begonnen. "Peter Petz" hieß das Bühnenmärchen, das die Abenteuer eines Jungen mit seinem sprechenden Teddybären beschreibt. Der Henschelverlag, einziger Bühnenvertrieb in der DDR, lehnte das Stück vehement ab, es sei einfach nicht gut genug, um es den Theatern zu präsentieren. Da machte ich es eben selbst. Wenige Monate später stritten sich die Städtischen Theater Leipzig und das Stadttheater Meiningen um das Recht der Uraufführung. Schließlich einigten sie sich auf denselben Tag, und so kam es zu einer Doppeluraufführung. In den folgenden Jahren haben sehr viele Theater das Stück nachgespielt. Es wurde auch vom Fernsehen adaptiert und kam im 'Deutschen Fernsehfunk' als Fernsehspiel heraus. Man kann sagen, dass sich in diesem Fall der Henschelverlag geirrt hat.

Mein erster Fernsehfilm 'Tote reden nicht', wurde ein noch größerer Erfolg. Muss man wohl so sagen, denn er hat mein Leben verändert. Ich erfand den 'Privatdetektiv Weber', und den spielte ich selbst, das ließ ich mir nicht nehmen. Und wo klärte der Bursche die Verbrechen auf? Natürlich im Kapitalismus, in seiner Heimatstadt Hamburg. Es blieb ihm auch gar nichts weiter übrig, denn in der sozialistischen Gesellschaft gab es ja keine Morde mehr, zumindest in den frühen Sechzigern nicht.

Weber wurde sehr beliebt bei den Zuschauern in der DDR, sie identifizierten sich mit ihm. Und da hatten wir dann den Salat. Weil Weber nämlich ein 'Westdeutscher Bürger' war, durften sich die 'Bürger der DDR' eigentlich nicht mit ihm identifizieren. In den Siebzigern sollte ich Weber dann auch wirklich umbenennen. Das gab Ärger. Am Anfang aber war alles herrlich und schön, denn der Film 'Tote reden nicht' wurde zu ebenso einem Straßenfeger wie es das 'Halstuch' von Durbridge ein Jahr früher in der Bundesrepublik gewesen war. Nun aber mal los, sagten die Fernsehgewaltigen am Anfang, als wir noch ganz verliebt ineinander waren, nun schreiben Sie mal richtig los, immer mehr davon. Was ich auch tat. Das ging bis 1977 so.

In den Siebzigern hatte sich das Leben in der DDR verändert, auch wenn es die Kommunisten nicht wahrhaben wollten. Irgendwie war der Traum vom Sozialismus schon damals ausgeträumt. Da kam nämlich Helsinki, und in seinem Schlepptau begann die große Ausreisewelle. Und dann war da auch noch die Biermann-Affaire. Spätestens jetzt mussten sich die Künstler entscheiden. Ich verließ mit meiner Familie 1984 die DDR.

Auf meine alten Tage muss mich der Teufel geritten haben, denn plötzlich begann ich noch einmal, einen Roman zu schreiben. Ich nannte ihn 'Claire im Oktober'. Natürlich meine ich den Oktober 1989, als in der DDR alles zusammenbrach. Und Claire ist ein junges Mädchen, das in diesen Wirren auf der Suche nach ihrer eigentlichen Identität ist. Dabei lernt sie die Menschen erst richtig kennen, mit denen sie so viele Jahre zusammengelebt hatte. Der Roman ist aufwendig gearbeitet, denn er schildert die Lebenswege einiger Menschen und greift dabei weit in deren Vergangenheit zurück. Ach ja, und noch etwas: der Privatdetektiv Weber ist auch dabei. Das war ich ihm schließlich schuldig. Natürlich ist er inzwischen alt geworden, weise auch? Wenn man das wissen will, muss man sich 'Claire im Oktober' als Ebook herunterladen. Gibt's demnächst bei Kindle und Amazon.

www.wernertoelcke.de

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