1967, im Jahr des Tourismus, besuchte er erstmals den blauen Planeten und blieb – wie so viele andere auch – dort hängen. Der Tag seiner Einreise — Einreiseformalitäten und medizinische Untersuchung fanden in Würzburg statt — war, so zumindest Wikipedia, ein ruhiger Tag. Im Juni veröffentlichten die Beatles das Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und ebenfalls 1967 wurde Genesis gegründet.
Seit seiner Einreise verbringt Ungerer mehrere Leben nebeneinander und gleichzeitig und durcheinander. Manchmal fragt ihn seine Angetraute, mit wem sie gerade spricht und hin und wieder kommt sogar die Antwort: „Mit dem Original“ – wobei offenbleibt, was denn das Original ist.
Für die Familie ist er, glaubt man den Erzählungen, ein leidlich akzeptabler Ehemann und Vater, der sich allerdings in der schwierigen Phase der Pubertät befindet, also dem Zustand, in dem er einsehen muss, nicht mehr der unumstrittene Alleinherrscher, anerkannter Guru, schlichtweg die Nummer 1 bei seinen Töchtern zu sein. Dieser Zustand herrscht schon seit einigen Jahren vor, ein Ende ist jedoch nicht abzusehen. Er ist ein ausgewiesener Sturkopf, der Hindernisse nur als temporäre Widerstandslinien ansieht, die früher oder später alle aufgeben. Man muss nur lange genug mit dem Kopf dagegen anrennen.
Die Familienbrötchen verdiente er unter anderem als Fire Fighter, dann als Fire Inspector. Das hatte den enormen Vorteil – der nicht zu unterschätzen ist – sich morgens nicht überlegen zu müssen, was er anziehen soll: die Uniform. Einer Meniskusoperation verdankte er eine sechswöchige Zwangspause. Unvergessen eine Physiotherapiestunde: Auf den Therapeuten wartend am Fenster stehend die Kollegen mit Sondersignal auf der Fahrt zum Einsatzort sehend, legte ihm derselbige Therapeut die Hand auf die Schulter und sagte: „Du darfst auch bald wieder.“ Nun – er hatte natürlich recht. Widerstandslinien geben immer irgendwann nach. Während dieser Zwangspause langweilte Ungerer sich allerdings tierisch. Herumzuliegen nervte ihn dermaßen, dass er sein erstes Buch schrieb: „Joe Hot und Lussy 8, das kleine Löschfahrzeug.“ Eine Geschichte von einem Jungen und einem abgewrackten kleinen Löschgruppenfahrzeug.
Wie es so ist im echten Leben, im Verlag lief er einem Professor für Didaktik über den Weg, der Jahre später feststellte: „Ich kenne zwei Inspectors: Columbo und Dich.“ Ein Vergleich, den Ungerer nicht einmal so übel fand und findet. Im selbigen Verlag traf er zudem auf den Herausgeber verschiedener Werke zur Feuerwehrausbildung. Man beschnupperte sich, fand sich sympathisch und kam zum Entschluss, man könnte ein paar Sachen gemeinsam machen. Dies alles geschah im vergangenen Jahrhundert und die Zusammenarbeit hielt über viele Jahre an. Nein, sie zerbrach nicht, sondern Ungerer übernahm Stück für Stück diverse Werke, die er noch heute betreut und hatte auch die eine odere andere Idee. Es kamen Anfragen zu verschiedenen Einzeltexten und von weiteren Fachverlagen, sodass unter anderem Bücher zur Polizeiausbildung und Fachwerke für Brandschutzbeauftragte erschienen.
Die letzte Dekade des 20. Jahrhunderts war geprägt von Familiengründung und Hausbau. Sesshaft und leidlich seriös werden. Mitte bis Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts war ein Punkt erreicht, an dem die Freizeit knapp wurde. Dem regulären Dienst – Tagesdienst, den 24-h-Schichtdienst vermisst er noch heute – folgten Schreibstunden, die oft bis Mitternacht dauerten. Den Samstag verbrachte er ebenfalls meistens vor dem Schreibtisch. Er näherte sich einer Grenze, die eine Entscheidung forderte. Diese wurde ihm jedoch abgenommen durch seinen Arbeitgeber, der entschied, die Niederlassung am Ort nicht weiter zu betreiben. Eine neue Stelle im selben Aufgabengebiet beim selbigen Arbeitgeber wäre zwar möglich gewesen, jedoch hätte dies einen Umzug oder eine Wochenendehe bedeutet. Beides wollten weder Ungerer noch seine Familie. Und so kam es zu der folgenschweren Entscheidung, aus dem Angestelltenverhältnis auszusteigen und das Leben als freier Autor zu wagen. Aus dem Zubrot wurde der Haupterwerb. Ein Experiment, dass noch einige viele Jahre dauern wird.
Von Brot alleine lebt der Mann, der ja generell nur sieben Lebensjahre braucht, um den Verhaltensendzustand zu erreichen, nicht. Er braucht auch eine Passion, in der er seine Spieltriebe ausleben kann. Bei Ungerer führte die Passion zum Beruf und bildet die Grundlage für seine schreibende Tätigkeit: Auf der Straße spielen im seltsamen Gewand.
Begonnen als Mitglied der Jugendfeuerwehr ist er zur Zeit der Leiter der Freiwilligen Feuerwehr und Stadtbrandinspektor seiner Heimatgemeinde. Zusätzlich darf er dreizehn weitere Feuerwehren als Kreisbrandmeister unterstützen. Was Außenstehende denken, wenn sie den Kommandowagen, vor seiner Schreibstube stehen sehen, weiß er nicht. Für ihn bedeutet es 24 Stunden Bereitschaft, die er nur dann los wird, wenn er den Wagen seinem Stellvertreter vor die Tür stellt, der den Namen „Fußfessel“ für das Fahrzeug prägte. Andere nennen es „Schrotti, den Streifenwagen“ – doch das ist eine andere Geschichte, die erst noch erzählt werden muss. Irgendwann. In zwanzig Jahren. Frühestens.
Auf dem Bild sind deutlich Ungerers großen Ohren zu sehen. Früher als Manko gesehen, ist ihm heute klar, dass sie ihm gegeben wurden, um vielen Anvertrauten zuhören zu können, obwohl behauptet wird, Ungerers Mund wäre dominanter, was dieser natürlich verneint, drückt er sich doch schreibend aus. Nun, zugegeben, nicht nur schreibend. Fachvorträge gehören natürlich auch zum Geschäft und die Arbeitsbereiche seiner Zuhörer reichen von ganz tief unten unseres Planeten bis zu ganz weit oben über der Erde. Der Großteil der Zuhörer macht jedoch das, was er selbst am liebsten tut: Draußen auf der Straße eine Lösung finden für Probleme, die andere verursacht haben.
Dieses Leben, bei dem kein Tag kalkulierbar und keine Nacht wie die andere ist, in dem das Unerwartete alle Erwartungen erfüllt, bildet Basis und Würze all seiner Texte und liefert vor allem die Zutaten zu den Fogos G’schicht’n, die so etwas wie die Kür im Arbeitsleben darstellen:
Da ist die Krimiserie mit den einäugigen Feuerwehrmann Baul Maria Fogos. Nach dem Verlust eines Auges (daran schuld ist ein junger, eifriger Staatsdiener in grüner Uniform) muss er sich neu orientieren und rutscht in „Venezianische Pizza“ in einen Nebenjob: Aufklären von Todesfällen durch alle Arten von Feuer.
Die Rakontoj sind Erzählungen und Stories über Menschen, die in seltsame Situationen geraten. Sei es, die Oma aus der Hölle zu holen, sei es den Freund der Tochter und die eigene Ehe zu retten. Die Geschichte um und in und mit Lucca ist eine Herzenssache, weshalb sie auch den Titel "Luccas Herz" trägt.