Georg Erwin Thaller

Georg Erwin Thaller: Ein Leben, erzählt in Anekdoten

Geboren an einem 5. November: Das war, wenn ich mich recht erinnere, ein Mittwoch. An einem 5. November erblickten auch diese bedeutenden Männer das Licht der Welt: Hans Sachs und Rudolf Augstein. Der Nürnberger Bürger Hans Sachs war ein Handwerker. Über seine Tätigkeit als Schuhmacher hinaus wurde er als Verfasser zeitgenössischer Schwänke bekannt. Bei Rudolf Augstein handelt es sich natürlich um den Gründer und langjährigen Herausgeber des SPIEGELS.

Guy Fawkes ist jener Engländer, der am 5. November 1605 versuchte, das britische Unterhaus in die Luft zu sprengen. Zur Feier dieses Tages feuern die Engländer noch heute am Guy Fawkes Day Raketen ab. Dazu der folgende Reim:

Remember, remember

the Fifth of November

Gunpowder, Treason and Plot

Why Gunpowder Treason

Should ever be forgot …

Wer unter solchen Sternen geboren ist, dem ist die Laufbahn eigentlich schon vorgezeichnet.

Die Kindheit

Die ersten sieben Jahre meines Lebens verbrachte ich in einem Dorf unweit von Nürnberg. Da waren Wiesen und Wälder ein einziger Spielplatz. Die Einschulung kam als ein Schock. Der Lehrer war mir ein Dorn im Auge. Doch es bieten sich immer wieder Gelegenheiten …

In so einem kleinen Dorf gibt es traditionell drei Autoritäten: Den Bürgermeister, den Pfarrer und den Lehrer. Der Grundschullehrer hatte eine Schwäche: Er rauchte gern Zigarren, und seine liebe Ehefrau kontrollierte das Geld. Mein Großvater betrieb den Lebensmittelladen im Dorf. Der Lehrer ließ gerne anschreiben.

Wenn nun der Lehrer im Laden stand, und noch dazu ein Bauer, habe ich ganz beiläufig gefragt: „Ist da nicht noch was offen, Großvater?“ Die Reaktion: Der Bauer horchte auf, der Lehrer war verlegen, und mein Opa holte das Buch mit den Außenständen unter der Ladentheke hervor. Der Lehrer beglich seine Schulden.

Ein noch größerer Schock war der Umzug nach Nürnberg im zarten Alter von acht Jahren. Die Idylle des Dorflebens im Tausch gegen die Häuserschluchten der Großstadt.

Das Gymnasium hieß damals noch Oberrealschule an der Löbleinstraße, wurde aber bald in Hans-Sachs-Gymnasium umbenannt. Nun fing der Englischunterricht an. Ich hatte von Anfang an Zweifel daran, ob diese Angelsachsen jenseits des Kanals ihre Tage damit verbringen würden, den Fuchs zu jagen. Deswegen habe ich im Unterricht einfach geschwiegen. Bis die Lehrerin – unter uns Schülern Ilse gerufen – fünfzig Pfennig für die Beantwortung der nächsten Frage bot. Sofort war meine Hand oben. Schallendes Gelächter der gesamten Klasse!

Das Studium

Während meiner Studentenzeit – im damals noch durch eine Mauer geteilten Berlin – habe ich im dritten Semester im Keller der TFH einen Computer entdeckt. Eine ZUSE Z25. Programmiert wurde in ALGOL 60.

Herr Heinrich Rötscher, einer der Dozenten, hatte auch gleich eine Aufgabe für diesen Computer-Freund: Die Colebrook-Gleichung, eine Formel aus der Strömungslehre. Das Tückische an dieser Gleichung ist, dass sie sich nur durch Ausprobieren, also Trial and Error, lösen lässt. Eine Überschlagsrechnung ergab, dass dieser Computer, zärtlich Susie genannt, zwei Wochen zur Lösung brauchen würde.

Bei aller Liebe: Selbst einem Tutor wie mir wollten sie den Rechner nicht zwei Wochen allein überlassen. Was blieb mir übrig. Ich musste den Freiburger Code lernen, eine Art Assembler. Damit ging es dann etwas schneller.

Beruf und Karriere

Nach einem kurzen Gastspiel im Handwerk fand ich in der ERIAG in Ingolstadt, einer Raffinerie, wieder einen Computer. Eine IBM /370. Die Raffinerie gehörte zu gleichen Teilen der italienischen AGIP und der deutschen VEBA. Während in den 1950er Jahren das Barrel Rohöl für unter einem Dollar zu haben war, sollten Ende der 1970er Jahre selbst Raffinerien Gewinne einfahren. Kurz gesagt: Der Vorstand ernannte mich zum Energie-Spar-Kommissar.

Das Problem: Anstatt über 3,5 bis 4,5 Prozent Eigenverbrauch und Verlust lagen wir eher bei fünf bis sechs Prozent. Das wussten wir allerdings immer erst Mitte des nächsten Monats, wenn alles abgerechnet war. Da war das Geld längst durch den Schornstein entschwunden. Die Öfen fuhren mit einem Wirkungsgrad von 70 bis 80 Prozent.

Nun ist für einen gelernten Ingenieur der Heizungstechnik eine Raffinerie nicht unbedingt Neuland. Ob Wasser oder Rohöl erwärmt wird: Wo ist der große Unterschied?

Ich habe letztlich den Vorschlag gemacht, in die Messung des Kohlendioxids am Kamin zu investieren, um dadurch den Wirkungsgrad der Öfen mit Hilfe eines kleinen Programms auf Knopfdruck in der Leitwarte jederzeit bestimmen zu können. Dieser Plan befand sich auf einem Stück Papier von der Größe einer Postkarte. Der Erfolg: Ein Pay Back von drei bis vier Monaten! Einsparung: Ein paar hunderttausend Mark im Monat.

Ich hatte leider nichts davon und entschloss mich, weiter zu ziehen …

Im Jahr 1979 waren diese allseits bekannten Autobauer in Wolfsburg gerade dabei, bei TRIUMPH ADLER in Nürnberg einzusteigen. Nixdorf wäre die erste Wahl gewesen. Heinz Nixdorf zeigte den Männern aus Niedersachsen aber die kalte Schulter. So kam TA zum Zug.

Es wurden drei Produktfamilien entwickelt, und zum ersten Mal gab es ein richtiges Betriebssystem, aus Zeitmangel in den USA eingekauft. Es hatte noch ein paar kleine Fehler. Lesen Sie dazu mehr in meinem Buch: Software-Test, Verifikation und Validation.

Geschäftlich ging es mit TA bald bergab, so dass ich leider kündigen musste. Das wurde in der Entwicklung sehr bedauert: Ich habe viele Fehler gefunden, bevor es die Kunden tun konnten.

Wie das Leben so spielt: DIEHL hatte in den USA gerade einen Auftrag an Land gezogen, mit dem sie eigentlich gar nicht gerechnet hatten. Es waren Leute gefragt, die Englisch beherrschten und bereit waren, für ein paar Jahre nach Florida zu gehen. Nichts lieber als das!

Es ging um Smart Ammunition. Das war die Zeit, als die Russen im Kriegsfall ein paar Atombomben auf die Oberpfalz geworfen und über die Porta Westfalica in der nord¬deutschen Tiefebene mit ihren Panzerheeren einmarschiert wären. Rückzugslinie war der Rhein. Liegen eigentlich große Gebiete Deutschlands westlich des Rheins?

Smart Ammunition impliziert Software. Bei der chronischen Fehleranfälligkeit von Software ist es natürlich gerade bei Waffensystemen wichtig, dass sie keine Fehler aufweisen. Ansonsten sind solche Systeme keine schlechte Idee. Nehmen wir die französische Exocet-Rakete. Im Falkland-Krieg hat eine solche Rakete ein britisches Kriegsschiff versenkt. Kosten der Rakete, überschlägig: Eine Million Dollar. Kosten des Schlachtschiffs: 140 Millionen Dollar. Nennt man so etwas ein gutes Preis-Leistungsverhältnis?

Ende der 1980er Jahre habe ich mit der Arbeit an meinem ersten Fachbuch begonnen. Software-Qualität: Entwicklung, Test, Sicherung, erschienen im Jahr 1990 bei Sybex in Düsseldorf.

Zu der Zeit hat mich eine Freundin mal gefragt: „Warum stehen in deinem Schlafzimmer zwei Computer, George?“ – Eine durchaus berechtigte Frage. Sie war nicht allein damit. Am 3. Januar 1983 bestimmte TIME MAGAZINE den Computer zum Mann des Jahres. Woraufhin eine erzürnte Ehegattin sofort einen Leserbrief schickte. Ihr Kommentar: „Warum habt ihr ihn nicht zur Frau des Jahres gemacht? Mein Ehemann verbringt mehr Zeit mit seinem PC als mit mir.“

Die größte Krux der Software erkennt man bereits an ihrem Namen: Die leichte Änderbar¬keit. Es ist nicht selten, dass es ein Kunde jahrelang für die Entwicklung zahlt, am Ende aber kein zuverlässiges, funktionsfähiges oder gar fehlerfreies Produkt erhält. Denken Sie an die Erfahrungen der deutschen Bundesregierung mit einer Software namens Toll Collect. Weder war diese Software toll, noch ließ sich zum vereinbarten Termin damit Geld einsammeln.

Meine Antwort auf dieses Problem: Nicht Jahre warten, sondern Produkte oder Module unter Kontrolle bringen, so früh wie immer möglich. Nachzulesen sind diese Rezepte in ISO 9001, Software-Entwicklung in der Praxis.

Ich habe lange Jahre geglaubt, ich würde die deutsche Wiedervereinigung nicht mehr erleben. Ein Irrtum! Im Jahr 1995 habe ich DIEHL verlassen, fortan Bücher geschrieben, am Haus der Technik in Essen Vorträge zum Thema Software-Qualitätssicherung und Testen von Software gehalten und war auch als Auditor bei einem Zertifizierer tätig.

Man soll sich der Geschichte nicht in den Weg stellen, nicht wahr?

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