"...dass sie meine Bücher doch haben lesen müssen": Zensur von der Antike bis zur Frühen Neuzeit

Präventive Zensur und Nachzensur

Jan Hus

"Zensur, die: Überprüfung und Kontrolle von Druckwerken, Rundfunk- und Filmproduktionen u. Ä. auf ihre polit., gesetzl., sittl. und/oder religiöse Konformität durch eine i. d. R. staatliche Stelle, die auch unerwünschte Veröffentlichung unterdrücken bzw. verbieten kann. Z. widerspricht der Presse- und Meinungsfreiheit." (Der Brockhaus, 11. aktualisierte Aufl., 2005) Zensur ist so alt wie Literatur. Seit Menschen ihre Gedanken niederschreiben und veröffentlichen, werden sie, wenn ihre Schriften den Mächtigen missfallen, mit Verfolgung und Verbot bedroht. Zensur erfolgt entweder präventiv - das heißt: Bücher müssen noch vor der Veröffentlichung offiziellen Instanzen zur Genehmigung vorgelegt werden - oder in Form der Nachzensur, bei der bereits veröffentlichte Schriften eingezogen und vernichtet oder nur unter bestimmten Auflagen vertrieben werden dürfen. Doch genau so alt wie Zensur und Bücherverbote sind Tricks, Finten und Umwege, die es Autoren ermöglichen, trotz Zensur zu veröffentlichen.

Zensur in der Antike: Protagoras und Ovid

Keine Gnade hatten schon die Machthaber in der Antike mit missliebigen Schriftstellern. Die erste durch Quellen belegte Bücherverbrennung fand im fünften Jahrhundert v. Chr. auf dem Marktplatz von Athen statt, als die Schriften des Sophisten Protagoras in Flammen aufgingen. Auch die Römer und insbesondere ihre Kaiser machten kurzen Prozess mit Autoren, die nicht in ihrem Sinne schrieben. So wurde Ovid, der Schöpfer der Ars amatoria, acht n. Chr. vom sittenstrengen Kaiser Augustus nach Tomis am Schwarzen Meer verbannt - wohl nicht nur wegen seiner erotischen Gedichte, sondern auch, weil Ovid um die Ehebruchsaffäre von Augustus' Enkelin Julia wusste. Ovids Werke wurden aus allen öffentlichen Bibliotheken in Rom entfernt, und der Dichter starb im Exil, ohne noch einmal in seine Heimat zurückkehren zu dürfen.

Zensur im Mittelalter: Pierre Abaelard und Jan Hus

Im Mittelalter wurde die katholische Kirche zur mächtigsten Instanz der Zensur und setzte auf Verbote und Bücherverbrennungen, um so genannte Ketzer mundtot zu machen. Vor allem der französische Philosoph Pierre Abaelard brachte die Geistlichen mit seinen fortschrittlichen Gedanken - er verfocht das Primat der Vernunft auch in Glaubensfragen - gegen sich auf. Seine Schriften wurden in Rom öffentlich verbrannt. Noch rigoroser ging die katholische Kirche gegen den Reformator Jan Hus vor: Hus, der die Ablass- und Kreuzzugsbullen des Papstes verurteilt hatte, wurde 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Eine letzte Genugtuung blieb ihm: "Das aber", so schrieb Hus in einem Abschiedsbrief an seine Freunde, "erfüllt mich mit Freude, dass sie meine Bücher doch haben lesen müssen (...), weil sie in ihnen Irrlehren zu finden wünschten."

Der Index librorum prohibitorum

Die Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts war eine neue Herausforderung für die katholische Kirche, denn nun ging es nicht mehr darum, einzelne mühsam kopierte Handschriften zu verbieten und zu vernichten, sondern hunderte, ja tausende jederzeit reproduzierbare Bücher. Bereits 1487 betonte Papst Innozenz VIII. daher in einer Bulle, die Erfindung des Buchdrucks ermögliche auch Missbrauch, und ordnete an, dass Bücher, die "dem katholischen Glauben zuwider, gottlos, feindlich, Ärgernis erregend oder sonst anstößig seien", verbrannt werden sollten. Allerdings verlor offenbar bald schon die Kirche selbst den Überblick über unerwünschte Schriften und Autoren, und so wurde 1559 auf dem Konzil in Trient der Index librorum prohibitorum, der Index der verbotenen Bücher, erlassen. Er war für die gesamte Kirche verbindlich; wer die auf dem Index erfassten Bücher trotzdem las, riskierte exkommuniziert zu werden. Bei seiner Abschaffung 1966 glich der Index einem "Who is Who" der abendländischen Geistesgeschichte: Martin Luther, Giovanni Boccaccio, Niccolò Machiavelli, Honoré de Balzac, Jean-Jacques Rousseau, Michel de Montaigne, Johannes Calvin, Galileo Galilei, Gustave Flaubert, Heinrich Heine, Immanuel Kant, Voltaire, James Joyce, Jean-Paul Sartre - sie alle standen auf dem Index der katholischen Kirche.