Mamagei und Mondschaf – Wortgeschöpfe in der Literatur — Juliane Schmidt-Wellenburg

Schon die Mythen der Antike bevölkern neben Stieren, Hirschen und Ziegen erdachte Tiere, wilde Mischwesen wie Greif, Hydra oder Chimäre. In Märchen, Gedichten und Kamingeschichten erzählen wir von den Fabelwesen Einhorn oder Phönix, und die Fantasy-Romane, die in den letzten Jahren einen – man möchte sagen: ungeheuren – Boom erlebt haben, lassen Drachen und allerlei anderes Getier lebendig werden. Neben diesen eindrucksvollen Kreaturen aber gibt es in der Literatur eine eher leise Gesellschaft der "Merkwürdigeschöpfe" (F. W. Bernstein), die meist der komischen Lyrik entstammen. Diese Tiere, deren Andersartigkeit sich oft nur an ihrem Namen ablesen lässt – dem Resultat eines Sprachspiels: einer Lautmalerei, einer Verdrehung, einer Verformung oder einer undenkbaren Kreuzung – sind weit weniger kräftig "ausgemalt", und doch fehlt es ihnen nicht an Durchschlagkraft. Denn die komische Lyrik bricht durch die Verfremdung der Sprache mit den Mustern, die die Wahrnehmung strukturieren, sie öffnet Denkschubladen und ermöglicht neue Perspektiven. Wenn, wie es Morgenstern beschreibt, die "Moleküle rasen" und ekstatische Wortgeschöpfe "zusammenknobeln", werden nicht nur die Gattungsbestimmungen aufgehoben und die Geschlechterverhältnisse neu ausgehandelt, sondern die Weltordnungen in Frage gestellt.

Wir erinnern an eine Auswahl merkwürdiger Wortgeschöpfe und freuen uns, wenn Sie diese Liste vervollständigen.

Wortgeschöpfe aus der Erwachsenenliteratur

Christian Morgenstern: Galgenlieder

Christian Morgenstern: Galgenlieder

"Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als andre." Christian Morgenstern, vielleicht der wichtigste Vertreter der komischen Lyrik, sieht in seinen Galgenliedern viele seltsame Wesen, darunter Mondschaf, Schluchtenhund und Quallenwanze. Auch das Nasobēm ist eine seiner Kreaturen: "Es steht noch nicht im Brockhaus, und auch im Meyer nicht, es trat aus meiner Leyer, zum ersten Mal ans Licht."

Joachim Ringelnatz: Die Schnupftabaksdose

Joachim Ringelnatz: Die Schnupftabaksdose

Natter oder Ratz? Schon mit seinem Pseudonym hat der Dichter Hans Bötticher eines jener "Etwasse" geschaffen, die vielleicht "gar nichts mit sich anfangen lassen". Leider verirrt sich die Imaginationskraft des zeitkritischen Autors nur in den frühen Jahren hin und wieder ins Tierreich, so zum Beispiel in der Schnupftabaksdose, einem "Stumpfsinn in Versen", der uns unter anderem mit Stachelfisch und Tintenschwein bekannt macht.

Lewis Caroll: Die Jagd nach dem Schnark

Lewis Carroll: Die Jagd nach dem Schnark

Wer ein Buch von Lewis Carroll aufschlägt, stößt des Öfteren auf "Kofferworte" – Worte, in die zwei Bedeutungen "wie in eine Schachtel gepackt sind". In seiner Nonsensballade Die Jagd nach dem Schnark (in anderen Übersetzungen auch Schnatz oder Schlarg) schickt Carroll neun Abenteurer auf die verzweifelte Suche nach einem "Kofferwesen", das sich vermutlich aus Schnecke und Hai (engl. shark) zusammensetzt und "nicht mit normalem Verstande sich fängt".

Mascha Kaléko: Papagei und Mamagei

Mascha Kaléko: Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere

Unter der Oberfläche der kessen Reime von Mascha Kaléko ist oft die Schwermut einer Heimatlosen zu spüren. Die schönen Verse "für verspielte Kinder sämtlicher Jahrgänge", die die jüdische Dichterin im amerikanischen Exil veröffentlichte, aber sind größtenteils hoffnungsfroh und warten mit reizenden Weibchen auf: Hier findet nicht nur der Papa- seine Mamagei, sondern auch der Kakadu die passende Kaka-Duse zum Kakadu-Duett!

Die Drei: Die Wahrheit über Arnold Hau

Die Drei: Die Wahrheit über Arnold Hau

Tierwelt – Wunderwelt heißt das Gedicht, in dem Robert Gernhardt, F. K. Waechter und F. W. Bernstein ihre Leser mit Schindelhund und Schmuddelente bekannt machen. Nachzulesen ist es in Die Wahrheit über Arnold Hau, einer fiktiven Künstlerbiografie, in der die damaligen pardon-Autoren 1966 eine Reihe unveröffentlichter Texte verwerteten. Den biografischen Rahmen nutzten "Die Drei", um auf satirische Art mit der Literaturkritik und ihren Gemeinplätzen abzurechnen.

F. W. Bernstein: Elche, Molche ich und du

F. W. Bernstein: Elche, Molche, ich und du

Als Meisterwerk schubladenfreier Tierdichtung erweist sich F. W. Bernsteins 2000 erschienenes Büchlein Elche, Molche, ich und du. Auf knapp 120 Seiten treffen Mensch und Tier auf Wasserhahn, Zirbelente und Klabautermaus. Bernsteins Verse sind "bekatert, verbibert, karnickelt, zerkratzt" – und kommen in Begleitung zauberhafter Zeichnungen von Keinhorn, Borstenfisch oder dem Wort gewordenen Schrondlpfarz.

Wortgeschöpfe aus der Kinderliteratur

Josef Guggenmos: Oh, Verzeihung, sagte die Ameise

Josef Guggenmos: Oh, Verzeihung, sagte die Ameise

Auf die kreativen Kräfte, die ein Wortgeschöpf freisetzen kann, zielt der Lyriker Josef Guggenmos ab: Er fordert seine jungen Leser auf, sich selbst ein Bild vom Wigelwagel zu machen: "Was mag er – was glaubst du – für ein Wesen wohl sein? Hat er Haare? Hat er Federn? Es fällt mir nicht ein."

Paul Maar: Jaguar und Neinguar

Paul Maar: Jaguar und Neinguar

Jaguar und Neinguar heißen die Namensgeber eines liebevoll illustrierten Gedichtbands, in dem der Kinderbuchautor Paul Maar aufs Unterhaltsamste mit Worten und Denkbildern jongliert. Zwischen dem lebensfrohen Jaguar und seinem lustfeindlichen Gegenpart spannt sich das für Maars Kinderbuchoeuvre charakteristische Konfliktfeld zwischen individueller Freiheit und der von Autoritäten geprägten gesellschaftlichen Wirklichkeit auf.

Paul Maar: Eine Woche voller Samstage

Paul Maar: Eine Woche voller Samstage

Bis ins letzte Eckchen ausgelotet wird das Spannungsfeld zwischen Autorität und Freiheit in Paul Maars berühmten Sams-Geschichten, in denen ein anarchischer Gast die Welt der herrischen Frau Rotkohl aufmischt. Die komische Lyrik kommt hier auf zweiter Ebene daher, denn nicht der Autor, sondern sein Protagonist erweist sich als reimender Unterhalter. Tierischer Höhepunkt ist das Gedicht über zwei wilde Tiere, von denen nur eines den Weg der sprachlichen Zähmung beschreitet: Udakak und Lidokork.

Heinz Erhardt: Ein Nasshorn und ein Trockenhorn

Heinz Erhardt: Ein Nasshorn und ein Trockenhorn

"In nur vier Zeilen was zu sagen", ist laut dem Schauspieler und Kabarettisten Heinz Erhardt schwer – und doch ist es ihm gelungen, in einem seiner berühmten Vierzeiler gleich zwei Wortgeschöpfe auf Wüstenreise zu schicken: Nasshorn und Trockenhorn. Das kleine Gedicht mit dem lakonischen Ende – "Siehste!" – ist einer von vielen tierischen Erhardt-Klassikern, die der Hausverlag des wortgewandten Kalauer-Spezialisten zuletzt in Kinderbuchausgaben veröffentlicht hat.

Buchtipps zur Tierdichtung und zu anderen komischen Tieren

Welches Tier gehört zu dir?

Peter Hamm: Welches Tier gehört zu dir?

Wer nach all den "Wortgeschöpfen" Lust bekommt, sich einen sprach- und zeitenübergreifenden Überblick über die Tierdichtung zu verschaffen, dem sei Peter Hamms "poetische Arche Noah" ans Herz gelegt. Die nach Tierarten geordnete Anthologie verschafft zahlreiche interessante Einsichten – darunter die, dass nicht nur die komische Lyrik besonders gerne Möpse besingt.

Neubestelltes abenteuerliches Tierhaus

Walter Mehring: Neubestelltes abenteuerliches Tierhaus

Wer sich hingegen für Fabeltiere interessiert, sollte unbedingt einen Blick in die "mystische Ergänzung zu Brehms Tierleben" riskieren. Weil sich "ein amüsanter Schwindel besser liest als eine wissenschaftliche Tatsache", hat Walter Mehring in umfangreichem Quellenstudium Wissenswertes und Kurioses aus der Welt der Fabeltiere zusammengetragen, frech kommentiert und mit wunderbaren Illustrationen versehen.