"Da stürmt es heran durch die finstere Nacht..." – Walpurgisnachtdarstellungen in der Literatur — Juliane Schmidt-Wellenburg

Blocksberg
Faust und Mephisto auf dem Blocksberg
von Eugène Delacroix (1826/27)

Die Walpurgisnacht ist ein Fest mit langer Tradition. Schon bei den Kelten wurden in der ersten Vollmondnacht nach der Tagundnachtgleiche die Feuer entfacht, um das Ende der dunklen Jahreshälfte zu feiern. Ihr Beltane war ein Fest der künftigen Fruchtbarkeit und entsprechend freizügig waren manche seiner Riten. Im Zentrum der Feierlichkeiten stand die Vereinigung des Sonnengottes mit einer Naturgöttin, die bei einigen germanischen Stämmen später Walburg – der große Mutterbauch – genannt wurde. Weissagungen, Tänze und der Sprung durch das reinigende Feuer, der sich bei Maifeiern noch heute großer Beliebtheit erfreut, gehörten zum rituellen Rüstzeug.

Dass die christliche Kirche ein solch rauschhaftes Fest nicht billigte, versteht sich von selbst. Sie versuchte, den kultischen Hintergrund zu entmachten, indem sie den Festtag der englischen Ordensfrau Walburga weihte, die angeblich am 1. Mai 870 heiliggesprochen wurde. Die alten Bräuche tat sie als Teufelszeug ab. Dieser Umdeutung ist die Vorstellung entwachsen, in der Walpurgisnacht würden Hexen ums Feuer tanzen, um sich den dunklen Mächten zu weihen. Die Walpurgisnacht steht also im Zentrum kultureller Grabenkämpfe, und gerade deshalb hat sie über die Jahrhunderte hinweg nicht nur die Phantasie der Feiernden, sondern auch die Künste beflügelt. Berühmte Maler wie Dürer, Delacroix und Klee und Komponisten wie Gounod und Brahms haben den Stoff bearbeitet. Besonders erwähnenswert ist die Kantate Die erste Walpurgisnacht von Felix Mendelssohn-Bartholdy, eine Vertonung von Goethes gleichnamiger Ballade aus dem Jahr 1799. Goethe mokiert sich darin über die Haltung der Kirche und lässt die Bauern sich als Teufel verkleiden, um die "Pfaffenchristen" zu erschrecken.

Walpurgisnacht
Walpurgisnacht von J. W. von Goethe
Mit 20 Holzschnitten von E. Barlach

Eines der frühesten Zeugnisse einer literarischen Beschäftigung mit dem Thema aber stammt von einem Schriftsteller, dessen Geburtsort unweit des Brockens liegt, dem bekanntesten aller vermeintlichen Hexentreffpunkte. Johann Friedrich Löwen ersann 1756 in seinem Versepos Die Walpurgis Nacht eine Blocksberg-Reise des Doktor Faust: "Es saß dem Belzebub der Doctor Faust zur Linken/ Er schenkte fleißig ein, und half ihm tapfer trinken/ Bis daß des Nectars Kraft in jede Seele drang/ Die Geister Vivat schrien, und Faust ein Trinklied sang." In dieser satirischen Darstellung erkennen wir heute die neben Johannes Praetorius Blockes-Berges Verrichtung (1668) vermutlich wichtigste Inspirationsquelle für die berühmte Walpurgisnacht-Szene in Goethes Faust (1806). Goethe beschreibt darin den gemeinsamen Aufstieg von Faust und Mephisto. Während Faust auf dem "zaubertoll(en)" Berg noch immer nach höherer Erkenntnis strebt ("Dort strömt die Menge zu dem Bösen,/ Dort muss sich manches Rätsel lösen"), bemüht sich Mephisto, ihn mit einer Hexenfeier zu zerstreuen:
Lass Du die große Welt nur sausen,/ Wir wollen hier im stillen hausen./ Es ist doch lange hergebracht,/ Daß in der großen Welt man kleine Welten macht./ Da seh ich junge Hexchen nackt und bloß,/ Und alte, die sich klug verhüllen./ Seid freundlich; nur um meinetwillen;/ Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Doch Fausts Tanz mit einer jungen Hexe, nach Mephistos Willen das Vorspiel zum Moment höchsten Glücks, in dem sich der Pakt erfüllen und Fausts Seele ihm gehören soll, endet abrupt, als Faust den Geist seines unglücklichen Gretchens zwischen den Feiernden zu erblicken meint.

Unverkennbare Parallelen zu Goethes Darstellung weist das Walpurgisnacht-Kapitel in Thomas Manns Zauberberg (1924) auf. Hier wird nicht nur fleißig Goethe zitiert, sondern auch ein vergleichbarer Scheideweg aufgezeigt. Bei einem Faschingsfest im Sanatorium werden Zauber- und zaubertoller Berg eins und Hans Castorp schlüpft in die Rolle des Faust, der sich zwischen der Vernunft und seiner Liebe zu Madame Chauchat, "une chose insensée, défendue et une aventure dans le mal", entscheiden muss.

Walpurgis
Walpurgis von August Becker – Holzschnitt um 1920

Eine wichtige Rolle spielt Goethe auch im Beitrag des österreichischen Satirikers und Sprachkritikers Karl Kraus. Sein erschütterndes Buch Dritte Walpurgisnacht entstand im Jahr 1933 und folgerichtig ist das Böse, das sich hier zusammenbraut, eines von anderer Art. Kraus kommentiert den Aufstieg des Dritten Reiches und prophezeit mit außergewöhnlicher Weitsicht seine schrecklichen Folgen. Die Klassische Walpurgisnacht aus Faust II (1832), in der Natur und Kultur, Mythos und Geschichte einander gegenüberstehen, dient ihm dabei als allegorischer Bezugspunkt. Kraus hatte seine "Abrechnung" eigentlich im Herbst 1933 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel verbreiten wollen, sah dann aber aus Sorge um Leib und Leben von einer Veröffentlichung ab. Das Buch erschien schließlich 1952.

Während die Walpurgisnacht in den zuletzt genannten Werken ein vom ursprünglichen Blocksberggeschehen losgelöstes Sinnbild für den Moment der Konfrontation mit einem der Vernunft zuwider waltenden Weltsystem ist, widmen sich andere Autoren ganz direkt dem Treiben der "Hexen". Gustav Meyrinks fantastischer Roman Walpurgisnacht (1917) erzählt vom weltfremden Prager Adel, der durch die Ankunft eines geheimnisvollen Gastes unverhofft mit dem okkulten Glauben des Volkes konfrontiert wird. Theodor Storms Gedicht von 1837 beobachtet eine "verlassene Maid", die am Kreuzweg von der "tolle(n) Schar" aufgegriffen und dem Teufel zugeführt wird. Seine Walpurgisnacht begeistert vor allem durch die eindrucksvollen Sprachbilder, die um das Thema Wind kreisen.
Stürmen, Stürzen, Peitschen und Sausen illustrieren hier wie schon im Faust ("Wie rast die Windsbraut durch die Luft!") das Aufbäumen jener ausgegrenzten Welt, die in der Walpurgisnacht Jahr für Jahr zu ihrem Recht kommen will.