"Das ist keine Kunst!" — Juliane Schmidt-Wellenburg

Der Tiger
Der Tiger von Franz Marc

Am 25. Mai 1912 eröffnete in Köln eine Kunstausstellung, die die Gemüter der konservativen Kunstfreunde erregte. Tradierte Kunstvorstellungen prallten auf neue Ideen und Konzepte, und wie so oft war heftige Ablehnung die erste Reaktion. Als "Exzentrizitäten" oder "Tapetenmuster" bezeichnete die Presse die Werke, die in der Kunsthalle am Aachener Tor gezeigt wurden, als "schädliche Erscheinung" die ganze Veranstaltung. Von der Idee, "nicht das Gültige, Bekannte, Abgestempelte, sondern das Suchende, Ringende und Kommende der Malerei" zu zeigen, hielt das Publikum nichts: "Keime, Werdendes, selbst Fachleuten noch nicht ganz Klares gehört nicht in eine Ausstellung, in der das Publikum Ehrfurcht vor dem Können gewinnen soll."

Heute fällt das Urteil anders aus. Die Internationale Kunstaustellung des Sonderbunds Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler – kurz Sonderbund-Ausstellung – von 1912 gilt als eines der bedeutendsten Ereignisse der jüngeren Kunstgeschichte, denn sie brachte erstmals all die neuen künstlerischen Strömungen zusammen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa zu beobachten waren. Van Gogh, Cézanne und Gauguin wurden in einer Retrospektive als "Väter" der modernen Malerei gewürdigt. Im Zentrum des zeitgenössischen Ausstellungsteils stand der Expressionismus mit Werken u.a. aus dem Umfeld von Brücke, Blauem Reiter und Fauves, aber auch der Kubismus fand seinen Platz. Unter den Schöpfern der über 600 Exponate waren nicht wenige, die heute als Klassiker der Moderne gelten, so zum Beispiel Kandinsky, Kirchner, Klee, Kokoschka, Macke, Marc, Matisse, Munch, Nolde, Picasso und Schiele. Weiße Wände, schwarze Umrandungen und eine einreihige Hängung schufen einen Präsentationsrahmen, in dem die einzelnen Werke auf vollkommen neue Art und Weise zur Geltung kamen, gleichzeitig aber in einen Dialog mit den anderen Werken traten, der ihren geschichtlichen Zusammenhang spürbar machte. So entstand zum ersten Mal ein Gesamtbild der nachimpressionistischen Moderne als künstlerische Epoche von internationalem Rang. Die Konzeption der Ausstellung kam einer Revolution des Ausstellungswesens gleich und machte sie zum Meilenstein in der Entwicklung des modernen Kunstmarkts.

Katalog
Katalog zur Sonderbund-
Ausstellung

Die Kölner Sonderbund-Ausstellung stand aber nicht nur am Beginn einer Entwicklung, sondern markierte auch ein Ende, und zwar das Ende ihres Trägervereins. Der Sonderbund Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler war eine 1909 in Düsseldorf gegründete Vereinigung von Kunstschaffenden, Sammlern und Experten, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, das rückwärtsgewandte Kunstverständnis der interessierten Öffentlichkeit in eine neue Richtung zu lenken. Zu seinen Mitgliedern gehörten neben einer Gruppe junger Düsseldorfer Maler um Max Clarenbach und August Deusser, die 1908 die namensgebende Sonder-Ausstellung in der örtlichen Kunsthalle hatten realisieren können, u.a. der Kunsthistoriker Wilhelm Niemeyer, Karl Ernst Osthaus, Gründer des Folkwang-Museums, und Alfred Hegelstange, Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums.

Nach seiner Gründung organisierte der Sonderbund jährliche Ausstellungen mit Bildern aus Deutschland und dem benachbarten Frankreich. Doch im Jahr 1911 geriet die Initiative der Düsseldorfer Kunstfreunde ins Kreuzfeuer des Bremer Künstlerstreits. Dieser Streit, der ursprünglich eine Auseinandersetzung um die Einkaufspolitik des Bremer Kunstvereins war, gipfelte im deutschlandweit beachteten Protest deutscher Künstler, einer Streitschrift, in der der Worpsweder Landschaftsmaler Carl Vinnen mit weit über 100 Gleichgesinnten die Gefahr einer "französischen Überschwemmung" des deutschen Kunstmarkts heraufbeschwor. An der von Franz Marc initiierten Antwortschrift Im Kampf um die Kunst waren neben den wichtigsten avantgardistischen Künstlern der Zeit auch Karl Ernst Osthaus und Max Clarenbach als Vertreter des Sonderbunds beteiligt.

Madonna
Madonna von Edvard Munch

Der Bremer Künstlerstreit sollte für den Sonderbund nicht ohne Folgen bleiben. Die Stadt Düsseldorf verweigerte im Herbst 1911 dem Sonderbund wohl aufgrund des internationalen Zuschnitts die Zustimmung zu einer weiteren Ausstellung, so dass die berühmte vierte Auflage in Köln stattfinden musste. Der Vorstand des Vereins spaltete sich noch vor der Eröffnung in eine Gruppe der "Friedfertigen", die die Versöhnung mit der national orientierten Düsseldorfer Künstlerschaft anstrebten, und jene, die den eingeschlagenen konzeptionellen Weg unbeirrt weitergehen wollten. Geplante Ausstellungen für die Jahre 1913 und 1914 wurden angesichts anhaltender Streitereien abgesagt, 1915 löste sich der der Sonderbund offiziell auf.

Sein Vermächtnis – die Kölner Sonderbund-Ausstellung – aber schlug Wellen, die nicht nur über die Grenzen der Domstadt hinaus, sondern durch ganz Europa und auch über den großen Teich schwappten. Die Armory-Ausstellung, die 1913 in New York eröffnete, präsentierte etwa 500 Werke, die auch bei der Kölner Ausstellung gezeigt worden waren. Sie brachte viele amerikanische Besucher erstmalig mit der Avantgarde in Berührung. Langfristig hat dieser erste Kontakt die Vormachtstellung der Traditionalisten in den USA gebrochen und zur Etablierung eines gesunden Kunstmarkts beigetragen. Zunächst aber waren wie schon 1912 in Köln durchaus nicht alle Zuschauer begeistert. "Das ist keine Kunst!", soll der ehemalige US-Präsident Theodore Roosevelt beim Besuch der Eröffnungsveranstaltung gerufen haben. Heute wäre er sicher anderer Meinung.