Faszinierende Werke der Baukunst: Brücken als Sammelgebiet — Meinhard Knigge

Eine bekannte Einführung in die Geschichte des Brückenbaues heißt nicht umsonst Faszination Brücken. Denn im Gegensatz zu anderen wichtigen Aufgabenstellungen des Ingenieurbaus wie z. B. Wasser-, Tunnel- oder auch Hochbau, üben Brücken eine besonders große Faszination auf den Betrachter aus. Vergleichbar sind mit dem Brückenbau nur noch die Werke der „beweglichen“ Ingenieurbaukunst wie Schiffe, Eisenbahnen, Autos oder Flugzeuge. Die Ursache für diese Faszination liegt darin, dass Brücken in ihrer gesamten Ausdehung und Bauweise vollständig sichtbar sind und mit ihrer häufig beeindruckenden Eleganz und Leichtigkeit, ihrer filigranen Bauweise und ihren atemberaubenden Höhen und/oder Spannweiten den Betrachter in ihren Bann ziehen.

Die Literatur zum Brückenbau bis zum Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich grob in vier Bereiche gliedern: Monografien, die die Brückenbauingenieure selbst herausgegeben haben, sei es als Projektvorschläge, sei es als Bericht über entstandene Bauwerke. Des Weiteren umfassende Monografien, mit denen Ingenieure ihr Lebenswerk, das sich natürlich auch auf andere Bereiche erstreckt hat, vorgestellt haben. Außerdem erschienen natürlich (historische) Übersichtswerke sowie Lehrbücher und Sammlungen von technischen Hochschulen, die zu Lehrzwecken eingesetzt wurden. Einen guten Überblick geben auch Berichte von Studienreisen, die häufig in offiziellem Auftrag sozusagen als „Industriespionage“ durchgeführt wurden. Wohl die meisten dieser Bücher sind nur in der jeweiligen Landessprache publiziert worden, denn schon im 19. Jahrhundert waren Ingenieure international orientiert, viele von ihnen waren auch in unterschiedlichen Ländern tätig.

Die Anfänge des Brückenbaus – Bogenbrücken

Die Faszination „Brücke“ tritt erst mit dem Ausklang des 18. Jahrhunderts in ganzem Umfang zutage. Die Aquädukte der Römerzeit wie auch die bekannten späteren Bogenbrücken aus Stein wie z. B. in Regensburg wirken durch ihre gedrängte und enge Bogenbauweise noch relativ kompakt, die hölzernen Brücken, die seit dem Mittelalter den Brückenbau des Alltags beherrschen, sind aufgrund ihrer komplizierten Hänge- und Sprengwerkekonstruktionen meist nicht sonderlich elegant und in ihrer Konstruktion nicht leicht zu verstehen. Das sollte sich erst mit dem Bau der ersten Eisenbrücke der Welt, der „Iron Bridge at Coalbrookdale“ im Jahr 1779 ändern. Diese Brücke von etwa 30 m Spannweite, die in ihrer Konstruktion den römischen Bogenbrücken nachempfunden ist, aber auch Merkmale des Holzbrückenbaues aufweist, steht für den Beginn der modernen, ingenieurtechnischen Brückenkonstruktion. Innerhalb weniger Jahre folgten ihr zahlreiche weitere Eisenbrücken in Europa und Amerika, zu deren Konstrukteuren auch der Erbauer des ersten Dampfschiffes Robert Fulton gehört. Waren diese frühen eisernen Bogenbrücken noch aus gusseisernen Einzelteilen zusammengeschraubt, so folgten bald genietete Brücken aus Schmiedeeisen und aus Stahl. Höhepunkte dieser Entwicklung sind die Brücken, die Gustave Eiffel über den Douro in Portugal (1877) und den Garabit in Frankreich (1884) errichtet hat. In Deutschland steht die Kaiser-Wilhelm-Brücke über die Wupper bei Müngsten in dieser Tradition. Sie wurde 1897 von der MAN fertiggestellt und ist mit 107 m Höhe die höchste deutsche Brücke.

Hängebrücken und Kettenbrücken

Noch faszinierender und eleganter als Bogenbrücken sind jedoch Hängebrücken, deren Entwicklung vor etwa 2000 Jahren in China begonnen hat. Kettenbrücken aus dem 15. Jahrhundert existieren noch heute im Himalaya. Der moderne (westliche) Bau von Hängebrücken begann 1801 am Jacob’s Creek in den USA und wurde in Europa schnell aufgenommen und weiterentwickelt. Neben dem Engländer Thomas Telford, der 1826 eine große Kettenbrücke über die Menai Street zwischen England und der Insel Anglesey errichtete, waren es vor allem die französischen Ingenieure Marc Seguin und Claude Louis Marie Henry Navier sowie der spätere Mitbegründer des Roten Kreuzes, der Schweizer General Guillaume-Henri Dufour, die die Hängebrücken entscheidend weiterentwickelten. Statt der einfachen Aufhängung an Ketten verwendeten sie gesponnene Tragseile, die ihre Konstruktion noch graziler erscheinen lassen und immer größere Spannweiten erlaubten: „Grand Pont de Suspendu“ über die Saane in der Schweiz bei Fribourg, erbaut von Joseph Chaley 1834, 273 m; Brooklyn-Bridge, New York, erbaut von der Brückenbauerfamilie Roebling 1883, 487 m sowie in neuester Zeit die Akashi-Kaikyo-Brücke in Japan, vollendet 1998, deren Spannweite zwischen den beiden Hauptpylonen 1991 m beträgt.

Balkenbrücken

Ein weiteres Kapitel des modernen Brückenbaues sind die Balkenbrücken, die auf die Holzbrücken des Mittelalters und der Renaissance zurückgehen. Sie entstanden vor allem aus der Notwendigkeit heraus, Eisenbahnbrücken, die immer größere Lasten und Überfahrgeschwindigkeiten zu bewältigen hatten, mit so wenig Material, Aufwand und Kosten wie möglich zu errichten. Aus der eisernen Vollwandträgerbrücke, deren bekanntestes Beispiel die Britannia-Bridge von Robert Stephenson ist, und über die man - wenig elegant - wie in einem Tunnel fuhr, entwickelten sich unterschiedliche Arten von Fachwerkbrücken wie z. B. die Eisenbahnbrücke über die Norderelbe bei Hamburg (1872) oder die Lekbrücke bei Kuilenburg in den Niederlanden.

 

Brücken in Bildern

Hängebrücke Tibet
Drahtseilbrücke Detail
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