Reisen. Fotos von unterwegs — Deutsches Literaturarchiv Marbach

Am 15. Mai um 19.30 Uhr findet im Humboldt-Saal des Deutschen Literaturarchivs Marbach die Ausstellungseröffnung zu »Reisen. Fotos von unterwegs« unter Anwesenheit von Christoph Ransmayr statt.

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Claire und Yvan Goll,
New York, um 1940
© DLA Marbach

Man findet sie auch in einem Literaturarchiv: Markusplatz und Eiffelturm, Matterhorn, Sphinx und Golden Gate, Niagara, New York und Rio, Himmel und Horizont, Berg und Wasser, Nacht und Stadt, Palme und Sonnenuntergang. Sie gehören zum Reisebildgedächtnis, wie es im 20. Jahrhundert unzählige Fotografien geprägt haben.

Mit mehr als 1.000 Fotos aus einem Zeitraum von über 120 Jahren, vom Schnappschuss bis zur professionellen Reiseaufnahme, zeigt die Ausstellung »Reisen. Fotos von unterwegs« Fotografien von reisenden Schriftstellern, unter ihnen u. a. Hilde Domin, Jörg Fauser, Peter Handke, Hermann Hesse, Ernst Jünger, Harry Graf Kessler, Siegfried Kracauer, W.G. Sebald, Michael Roes und – in einem Labor des 21. Jahrhunderts – Rainald Goetz, Nora Gomringer, Thomas Hettche, Thomas Meinecke, Kathrin Röggla, Judith Schalansky und Ilija Trojanow. Nahezu alle Autoren haben Vorlieben: kleine Formen, Spiegelungen, Schatten und Rahmen, Polaroids oder Schwarz-Weiß.

Seit dem 18. Jahrhundert spielt die Reiseliteratur mit Dauer, Tempo und Radius des Reisens und greift der fotografischen Wahrnehmung der Welt vor. Laurence Sternes Yorick erzählt so viel, dass er auf seiner 1768 erstmals veröffentlichten Empfindsamen Reise durch Frankreich und Italien nicht viel weiter als bis Paris kommt. Joseph Conrad reist ins Herz der Finsternis, Bruce Chatwin auf den imaginären Pfaden der Aborigines, Bernward Vesper mit Drogen in sein Inneres und Hubert Fichte durch fremde Religionen. Die ersten Reisenden mit Fotoapparat tauchen in der Literatur bei Jules Verne und H. G. Wells auf.

Nur wenige können es sich wie der junge Harry Graf Kessler leisten, einmal um den Globus zu reisen; seine Eindrücke hält er mit einer Kodak 2 fest. Von Hermann Hesses legendärer Indien-Reise, aus dem viel später sein Buch Siddharta hervorgehen sollte, bleiben Ansichtskarten und Schnappschüsse. Siegfried Kracauer erforschte fotografisch die Stadt des 19. Jahrhunderts, es entstand sein Pariser Buch: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit (1937). Mit der Kamera im Gepäck machte sich der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler auf den Weg in den Golf von Salerno, auf den Spuren einer Szene aus Homers Odyssee.

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Arthur Schnitzler, Autofahrt Karerpass -
Bozen, 15.8.1925
© DLA Marbach

Bei manchen Schriftstellern sind Fotografien Teil der Vorarbeiten für ein literarisches Projekt, Inspirationsquelle und sogar ein möglicher lyrischer oder narrativer Kern. Unter ihnen gibt es begeisterte Knipser, die alles in ihr Album einkleben oder in eine große Kiste werfen: Postkarten, Blumen, verwackelte Bilder. Und es gibt ambitionierte Fotografen, die mit der Kamera, mit Licht und Ausschnitt spielen, um die zeitlose Wahrheit einzufangen. In der Ausstellung finden sich Bilder esoterischer Aussteiger auf Sinnsuche und entdeckungsfreudiger Absolventen der großen Bildungsreise wie von Autoren, die klassische Touristenmotive in den Sucher nehmen, von mit der Kamera bewaffneten Soldaten an der Front und von Emigranten auf der Flucht: Einzigartige Momentaufnahmen, Traumpfade, Schnappschüsse – verschwommene Erinnerungen an fremde Welten aus ferner Zeit.

Ausstellungsinformation:
Reisen. Fotos von unterwegs.
15. Mai 2014 - 5. Oktober 2014
Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar

Reiseliteratur

Herz der Finsternis
Herz der Finsternis
von Joseph Conrad
Siddhartha
Siddhartha
von Hermann Hesse
Traumpfade
Traumpfade
von Bruce Chatwin