"Die Illustrationen geben den Eindruck traumhaften Schwebens"
Der Buchillustrator Max Schwimmer — Carsten Tergast

Skizzen per Post von Max Schwimmer
Skizzen per Post
Max Schwimmer

"Ich bin in rasender Arbeit, das Wetter ist mir so günstig. Denken Sie, ich male an 8 Bildern, die sich von Tag zu Tag verdichten. Ich glaube, ich bin in eine neue Phase meiner Entwicklung gekommen. Die Bilder leuchten und funkeln, und die Arbeit macht mir unheimliches Vergnügen. Hoffentlich hält dieser Zustand länger an. Es gibt Stunden, da ist man wirklich im Zustand der Gnade."

Der, der hier mitten in den düstersten Zeiten deutscher Geschichte, im November 1941, so hoffnungsvoll und fröhlich an seinen Freund, den Flensburger Fotografen und Kunsthändler Peter Hattesen, schreibt, ist der Maler und Illustrator Max Schwimmer.

In der DDR ein "Star", im Westen nahezu unbekannt, ist Schwimmer für den Sammler bis heute ein dankbares Sammelgebiet. Schwimmer war ungemein produktiv, sein Gesamtwerk beläuft sich auf Hunderte von illustrierten Büchern, kaum ein bekannter Autor quer durch die Jahrhunderte kam ihm davon. Sein besonderes Augenmerk galt lange Zeit der Goethe-Illustration, so schuf er mit leichtem Strich der Zeichenfeder unvergessliche Bilder zu den Römischen Elegien, den Venezianischen Epigrammen oder auch zum Tagebuch.

Max Schwimmer ist Leipziger geblieben, Zeit seines Lebens. 1895 dort geboren, findet er 1960 hier auch seine letzte Ruhestätte. Dazwischen liegt ein Leben, dass wie so viele andere wesentlich durch die zwei großen Kriege strukturiert und verändert wird.

Dem Einsatz an der Front im Ersten Weltkrieg entgeht Schwimmer aus gesundheitlichen Gründen, doch prägt ihn die politische Situation. Er knüpft Kontakte zu linken Kreisen, nachdem auch bei ihm zu Beginn des Krieges noch durchaus die damals übliche Begeisterung für den großen Waffengang zu spüren war. Einhergehend mit dieser Orientierung im Politischen findet sich auch die erste echte künstlerische Phase: Schwimmer malt und zeichnet expressionistisch. Er arbeitet etwa für Die Aktion, das Kampfblatt der Linken um Liebknecht und Luxemburg.

Römische Elegien, illustriert von Max Schwimmer
Römische Elegien
Illustriert von Max Schwimmer

Bereits in dieser Phase ist Schwimmers künstlerisches Werk sehr vielfältig. Er malt Aquarelle, illustriert Texte, schafft Buchumschläge, zeichnet Plakate und anderes. Es ist eine tastende Zeit des Ausprobierens, auf der Suche nach künstlerischer Identität. Und doch ist in den Bildern dieser Zeit bereits der typische Schwimmer-Stil zu sehen, der es einem heute leicht macht, ein von Schwimmer illustriertes Buch zielgerichtet nach Erblicken einer Illustration aus größeren Buchmengen herauszugreifen, ohne auf Titel, Autor oder Verlag zu achten. 

Schwimmer schärft seine Sinne auch durch die Arbeit an Kunstkritiken und durch Reisen, etwa nach Italien, nach Paris und Südfrankreich. Doch kehrt er schon bald, 1926, zurück nach Leipzig und beginnt dort seine Lehrtätigkeit an der Kunstgewerbeschule.

Er bleibt der Arbeiterbewegung verhaftet, löst sich künstlerisch langsam vom Expressionismus und muss wie so viele andere nach der Machtübernahme durch die braunen Horden feststellen, dass sich sein Leben von einem auf den anderen Tag ändert. Seine Publikationsmöglichkeiten sind fast nicht mehr vorhanden, im Mai 1933 erhält er Berufsverbot aus politischen Gründen.

Schwimmer verbringt die Nazizeit weitgehend in der Inneren Emigration. Er verlegt sich mehr und mehr auf die Illustration von Büchern, es beginnt ein stetiger Existenzkampf. Politisch äußert Schwimmer sich ein wenig indifferent, rückt aber innerlich wohl endgültig ganz nach links, sieht er doch auf Seiten der Sozialdemokraten eine Mitschuld an den Vorgängen in Deutschland:

"Die Politik ist mir scheißegal. Nie mehr die Hände in den ganzen Zimmet. Die SPD-Größen haben sich doch als zünftige Nulpen  bewiesen. Wir müssen gerade mit Brettern vernagelt gewesen sein, daß wir dieser Sorte Gefolgschaft geleistet haben. Geistig und künstlerisch hatten wir ja schon immer Havarien mit diesen Mittelstandsgehirnen, politisch dachten wir aber in unserer Sonderstellung nie ganz zu Ende, und das war unser Unglück."

Max Schwimmer. Leben und Werk von Magdalena George
Max Schwimmer. Leben und Werk
Magdalena George

Nach dem Krieg ist Schwimmer SED-Mitglied der ersten Stunde und wird bis zu seinem Tode im kulturpolitischen Betrieb der DDR in verschiedenen Rollen zu finden sein. Sein künstlerisches Werk spiegelt diese Tätigkeit jedoch nur wenig. Er illustriert Buch um Buch und wird neben Johannes Hegenbarth und Werner Klemke zum Grandseigneur der DDR-Buchillustration, die so viel Großartiges hervorgebracht hat. Seinen Stil beschreibt der Kunsthistoriker Lothar Lang so: Schwimmer besteche "durch die Leichtigkeit des Striches, durch das elegante Spiel der Linien, das bald zärtlich und schmeichelnd, bald kräftig erstrahlend, bald gemessen schreitend, bald sprudelnd launisch die Fläche belebt. Die Illustrationen erwecken das Gefühl leichtester Improvisation, geben den Eindruck traumhaften Schwebens."

Zu den Autoren, deren Texte Schwimmer um diese traumhaft schwebenden Illustrationen bereichert, gehören neben Goethe etwa Heine, Rimbaud, Balzac, Eluard, Maupassant, Tucholsky, Puschkin, Fontane, Arndt, Mörike und und und…

Für den Sammler ist Schwimmer, wie eingangs angedeutet, ein Gebiet, auf dem sich schnell eine ansehnliche Sammlung zusammentragen lässt. Viele Bücher sind häufig zu finden, gerade die Goethe-Bände, und dadurch erschwinglich, doch mindert das ihren künstlerischen Wert keinesfalls. Und der ambitionierte Sammler kann sich später immer noch darauf verlegen, die Vorkriegswerke Schwimmers zu ergattern. Denn das ist um einiges schwieriger…

Illustrationen von Max Schwimmer