Nicht sehr bekannt, aber wichtig: Vor 60 Jahren wurde erstmals der Hörspielpreis der Kriegsblinden verliehen — Carsten Tergast

Das 20. Jahrhundert darf sich des zweifelhaften Ruhms "erfreuen", die beiden größten und unfassbarsten mörderischen Auseinandersetzungen der Menschheit hervorgebracht zu haben, die wir bisher kennen. In zwei Weltkriegen wurden so viele Menschen durch Menschenhand getötet und verletzt, dass wir auch im Jahr 2012 noch lange nicht von den Nachwirkungen befreit sind. Zu den vielen Verletzungen, die massenhaft bereits durch den Ersten Weltkrieg hervorgerufen wurden, gehört die Erblindung. Tausende junger Männer waren mit erloschenem Augenlicht von den Schlachtfeldern zurückgekehrt, auf denen eine gnadenlose Kriegsmaschinerie sie für zweifelhafte Ideale verheizt hatte.
Neben den vielen alltäglichen Dingen, die ohne Sehkraft zu unüberwindbaren Hürden werden, war durch diese Behinderung auch der Zugang zu kulturellem Genuss erheblich eingeschränkt. Weder konnten Bücher gelesen werden, noch war es möglich, einer Theateraufführung oder – später dann – einer Filmvorführung beizuwohnen. All diese alltäglichen Freuden waren von heute auf morgen unmöglich geworden.

Dieses Schicksal hatte auch den Soldaten Friedrich Wilhelm Hymmen im Zweiten Weltkrieg ereilt. Des Augenlichts verlustig kehrte er zurück und wurde Mitglied im "Bund der Kriegsblinden" (BKD). Dieser war bereits 1916 gegründet worden, während in den darauf folgenden Jahren die ersten Experimente mit der Erstellung von Hörspielen stattfanden. Diese sowie das Aufkommen des Rundfunks schufen in den Jahren vor dem nächsten großen Waffengang die Voraussetzung dafür, dass Hymmen im Jahr 1950 eine folgenreiche Idee haben sollte, die er mit Hilfe des BKD umsetzen konnte: Der "Hörspielpreis der Kriegsblinden" war geboren und wurde im Jahre 1952 zum ersten Mal an Erwin Wickert für das Hörspiel Darfst Du die Stunde rufen? verliehen.


Mauricio Kagel – Gewinner
des Preises im Jahr 1980

Aus den Anfängen des Hörspiels hatte sich zu diesem Zeitpunkt eine eigene Kunstgattung entwickelt, die mit anspruchsvollen Inhalten echten Kunstgenuss vermittelte. Durch die Auslobung des Preises, der bis heute zu den wichtigsten Auszeichnungen in diesem Bereich zählt, konnte dazu beigetragen werden, dass über die Jahre unzählige qualitätvolle Hörspiele entstanden, von denen manche echte Klassiker geworden sind. Man denke dabei etwa an Ingeborg Bachmanns Der gute Gott von Manhattan, mit dem sie 1959 den Preis gewann. Oder an Dieter Kühns Goldberg-Variationen, Sieger im Jahr 1975. Und an viele andere.

Große Namen zieren die Liste der Preisträger. Neben Bachmann und Kühn sind das beispielsweise Friedrich Dürrenmatt (1957 Die Panne), Dieter Wellershoff (1961 Der Minotaurus), Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, das unsterbliche Wiener Dichter-Liebespaar (1969 Fünf Mann Menschen), Ror Wolf (1988 Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika) oder auch Christoph Schlingensief (2003 Rosebud) und Elfriede Jelinek (2004 Jackie).
Dass dieser Preis im Jahr 2012 immer noch existiert und eine große Bedeutung hat, zeigt einmal mehr, wie wacklig die Theorie vom Verschwinden ganzer Medien durch das Aufkommen neuer Formen ist. Hörspiele werden immer noch produziert, und sie haben ihr Publikum, auch wenn es glücklicherweise schon lange keinen "Nachwuchs" an Kriegsblinden mehr gibt.
Der Name des Preises ist jedoch trotzdem nach wie vor sinnvoll, denn er dient auch als Mahnung. Krieg und Gewalt nehmen dem Menschen die Lebensfreude, die sich u.a. im uneingeschränkten Zugang zu kulturellem Genuss manifestiert. In dieser Hinsicht sind all die ausgezeichneten Hörspiele auch Teil des dauernden Einsatzes für ein friedvolles Zusammenleben, bei dem Kultur sicher nicht der unwichtigste Teil ist.

Der Hörspielpreis der Kriegsblinden wird seit 1994 vom BKD gemeinsam mit der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen getragen und auch in NRW verliehen. Prämiiert von der vielköpfigen Jury wird das beste von einem deutschsprachigen Sender im Vorjahr urgesendete Hörspiel, schlussendlich ausgewählt aus drei nominierten Stücken. Geld gibt es keines, der Preis ist ein reiner Ehrenpreis. Allerdings wird eine Kleinplastik verliehen, die ebenfalls von einem blinden Künstler gestaltet wurde, und darüber hinaus wird das Sieger-Hörspiel in der Regel von allen beteiligten Hörfunkanstalten ausgestrahlt.
Für die Geschichte des deutschsprachigen Hörspiels war dieser Preis immer auch ein künstlerischer und technischer Innovationstreiber, diese Funktion dürfte heute auch die wichtigste sein. Trotzdem ist es gut, bisweilen an den Ursprung zu denken und sich damit auch all derer zu erinnern, die im Krieg ihr Augenlicht verloren.