Nicht ganz so bekannt wie die Bücher Hesses ist ein anderer Zweig seines künstlerischen Schaffens, zumal dieser lange Zeit gar keine Rolle in Hesses Leben zu spielen schien: Während des ersten Weltkrieges tritt die Malerei in Hesses Leben.

Der Dichter ist zu dieser Zeit, wir schreiben das Jahr 1916, in psychoanalytischer Behandlung, er ist auf der Suche nach neuen Wegen, braucht neue Reize und Anregungen, um die persönliche Krise zu überwinden, in der er steckt. In dieser Situation rät ihm sein Therapeut zu einer bildnerischen Darstellung seiner Träume, um sich ihnen zu nähern. Hesse greift den Rat auf und fängt an zu zeichnen. Amateurhaft zunächst, doch mit großem Engagement. Schnell merkt er, dass die Malerei ihm tatsächlich helfen kann, sein Bewusstsein zu ordnen, er malt in Bern, er malt im Tessin, seiner Landschaft, und er wird immer besser. Bereits 1917 schreibt er an einen Freund:

"Aus der Trübsal, die oft unerträglich wurde, fand ich einen Ausweg für mich, indem ich, was ich nie im Leben getrieben hatte, anfing zu zeichnen und zu malen. Ob das objektiv einen Wert hat, ist einerlei; für mich ist es neues Untertauchen in den Trost der Kunst, den die Dichtung mir kaum noch gab. Hingegebensein ohne Begierde, Liebe ohne Wunsch."

Nach einer Phase der Selbstportraits in der zweiten Hälfte des Krieges, wendet er sich der Darstellung von Landschaften und auch der Text- bzw. Buchillustration zu. Gedichtzyklen seines Werkes sind die ersten Texte, die er selbst illustriert und anbietet, um den Erlös für die Kriegsgefangenenfürsorge zu spenden, die er persönlich 1916 ins Leben gerufen hatte. Es folgen Illustrationen zu seinem Märchen Der schwere Weg sowie zum Buch Wanderung. Für die Gedichte des Malers schafft er Aquarelle, eine Technik, die ihn weiter beschäftigen wird und 1920 zur ersten Ausstellung von Hesse-Bildern in Basel sorgt.

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Die 20er-Jahre werden zur intensivsten Schaffensperiode in Hesses malerischem Werk. Nach der Trennung von seiner ersten Frau lässt er sich in Montagnola im Tessin nieder und erhöht dort seine Produktivität enorm. Er malt Bild um Bild und kuriert seine Nervenkrisen durch diese intensive Tätigkeit quasi eigenständig. Für Hesse ist die Malerei neben der Arbeit an Texten eine zweite und sehr viel direktere Möglichkeit, sein Innenleben künstlerisch zu kanalisieren. Das bildnerische Schaffen korrespondiert direkt mit dem Schreiben, blanker Realismus in seiner Kunst ist nicht das, was er schaffen will, was er schaffen kann. Im Gegenteil, wie er selbst formuliert:

"In meinen Dichtungen vermisst man häufig die übliche Achtung vor der Wirklichkeit, und wenn ich male, dann haben die Bäume Gesichter und die Häuser lachen oder tanzen oder weinen, aber ob ein Baum ein Birnbaum oder eine Kastanie ist, kann man meistens nicht erkennen. Diesen Vorwurf muss ich hinnehmen. Ich gestehe, dass auch mein eigenes Leben mir sehr häufig wie ein Märchen vorkommt. Oft sehe oder fühle ich die Außenwelt mit meinem Inneren in einem Zusammenhang und Einklang, den ich magisch nennen muss."

In seinen Bildern, so Hesse, zeige sich "von der Wirklichkeit bloß eine ferne Erinnerung", diese magische Umgestaltung der Realität macht sie erträglich und verschafft ihr tieferen Sinn. Das Aquarell wird schließlich die vorrangige malerische Ausdrucksweise Hermann Hesses. Bis zu seinem Tod im Jahr 1962 schafft er mehr als 3000 Bilder, nach seinem Tod gibt es weltweit Ausstellungen mit Hesse-Aquarellen, so etwa in Tokio, Paris, New York, Madrid oder auch Hamburg. Was ihm Malen war, Ausweg und kleine Flucht, beschreibt er in einem Brief, den er 1930 einer Studentin schickt:

"Ich sende Ihnen hier zu Erwiderung Ihres Grußes ein Bildchen, das ich dieser Tage gemalt habe - denn das Zeichnen und Malen ist meine Art von Ausruhen. Das Bildchen soll Ihnen zeigen, dass die Unschuld der Natur, das Schwingen von ein paar Farben, auch inmitten eines schweren und problematischen Lebens zu jeder Stunde wieder Glauben und Freiheit in uns schaffen kann."

Der Blick auf Hermann Hesses Malerei zeigt letztlich, wie nah die Künste bisweilen beieinander liegen, wie das eine dem anderen Hilfe sein kann und beides zusammen dem Künstler.

Original-Aquarelle von Hermann Hesse:

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