Die Brüder Grimm und ihre Marketingstrategie: Volksmärchen als "Zeugniß unseres Grimms Märchen Herzens" — Juliane Schmidt-Wellenburg

Zu einer Zeit, als es das Wort in der deutschen Sprache noch nicht einmal gab, bedienten sich zwei Brüder aus dem hessischen Hanau einer cleveren Marketingstrategie. Es war im frühen 19. Jahrhundert, der Epoche der Romantik, in der man sich in der Literatur angesichts der Bedrohung durch die Napoleonischen Kriege gern auf das Nationale besann und den wachsenden rationalen Anforderungen des Alltags mit dem Rückzug aufs Magisch-Mystische begegnete. Man beklagte das Aussterben der mündlichen Erzähltraditionen, das mit der gesellschaftlichen Verstädterung und der Herausbildung des bildungsbürgerlichen Lesepublikums einherging. Hier wollten die zwei Brüder, die sich nach dem Studium in Kassel niedergelassen hatten, ansetzen. Sie fassten den Entschluss, den Deutschen ihr volkstümliches Erzählgut in Buchform an die Hand zu geben, und stellten eine Sammlung von Märchen zusammen - ein Werk von "ächte(r) Poesie", wie man sie nur ganz nah am "ersten und einfachsten Leben" findet.

Nun ist das allein noch keine Marketingstrategie. Doch der märchenhafte Erfolg, der den 1812 (Band 1) und 1815 (Band 2) erschienenen Kinder- und Hausmärchen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm beschieden war, beruhte auf einer kühlen Kalkulation. Das Publikum verlangte nach Volksnähe und nationaler Tradition, und genau diesen Hunger wollten die Grimms mit ihrer Sammlung stillen. In der Vorrede zum ersten Band führten sie an, die Märchen "fast nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach mündlicher Ueberlieferung gesammelt" zu haben. Genaue Quellen aber nannten sie nicht - aus gutem Grund, wie man heute weiß, denn eine Vielzahl der Märchen hatten sie von Familien des Kasseler Bürgertums, die zum Teil französischer Abstammung und daher stark von der romanischen Erzähltradition geprägt waren. Um ihrer Behauptung, die gesammelten Märchen seien "rein deutsch und von nirgends her erborgt", Gewicht zu verleihen, machten sie den Leser im zweiten Band mit einer idealtypischen Erzählerin bekannt: der "Viehmännin", einer "Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn", die ihnen als Zulieferin "ächt hessische(r) Märchen" verlässliche Dienste geleistet hatte. Tatsächlich handelte es sich bei der vermeintlichen Bäuerin um eine zwar arme, aber gebildete Schneidersfrau mit hugenottischen Wurzeln, und unter den gesammelten Märchen finden sich nicht wenige nachweislich französischen Ursprungs, darunter Variationen der acht Märchen aus Charles Perraults Sammlung Histoires ou contes du temps passé von 1697.


Rotkäppchen in den Contes des
Fées von Charles Perrault

Anhand der Handexemplare, die als UNESCO-Weltdokumentenerbe in der Kasseler Universitätsbibliothek liegen, haben Märchenforscher in den letzten Jahren viele Quellen von Grimms Märchen ausfindig machen können. Heinz Rölleke hat in Es war einmal: Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte etwa 40 Zulieferer benannt. Neben Dorothea Viehmann haben die Kasseler Bürgertöchter Marie Hassenpflug und Dorothea Wild, Wilhelms spätere Frau, mit ihren Familien eine große Anzahl von Märchen beigesteuert. Andere stammen von befreundeten Familien aus Westfalen, zum Beispiel von Annette von Droste-Hülshoff und ihrer Schwester Jenny, die mit Wilhelm Grimm einen lesenswerten Briefwechsel führte. Der einzig bekannte nicht-bürgerliche Märchenerzähler war Johann Friedrich Krause, ein pensionierter Soldat aus Schauenburg, der mit den Brüdern ein Tauschgeschäft ausgehandelt hatte: Gegen abgelegte Beinkleider lieferte er ihnen literarischen Stoff - "Rabauken-Geschichten" (Rölleke) für ihre Märchensammlung.


Hänsel und Gretel und andere
Märchen von den Brüdern Grimm

Gut dokumentiert ist mittlerweile auch, wie die Brüder Grimm nach der ersten Niederschrift mit "ihren" Märchen verfuhren. Mit wenigen Ausnahmen wurden die Beiträge schon für die erste Auflage stilistisch aufpoliert und bis zur Auflage letzter Hand von 1857 fortwährend dem Geschmack der Leserschaft angepasst. Dabei entstand eine eigene Gattung, die zwischen den mündlich überlieferten Volks- und den von Schriftstellern erdachten Kunstmärchen anzusiedeln ist: das Buchmärchen. Es wurden aber nicht nur sprachliche Wendungen gestrichen, verändert oder eingefügt, sondern über die Jahre hinweg auch erhebliche redaktionelle Eingriffe getätigt. Einige von Krauses Erzählungen, die ein schmähendes Frauenbild zeichneten, sowie die unverkennbar von Perrault übernommenen Märchen Blaubart und Der gestiefelte Kater wurden in späteren Auflagen durch gefälligeres Material ersetzt. Um dem angestrebten Ideal eines "Erziehungsbuch(s)" näher zu kommen, wurde schon im zweiten Band die Maxime der Kindertauglichkeit ausgegeben. Der christlich-moralische Tenor wurde verstärkt, sexuelle Anspielungen, allzu grausame Schilderungen und sozialkritische Elemente fielen Streichungen zum Opfer. Bei Hänsel und Gretel wurde die Mutter 1840 zur Stiefmutter gemacht, da das Aussetzen der Kinder im Wald nicht ins Mutterbild der Zeit passte. Der Verlautbarung der ersten Vorrede, es sei "kein Umstand (...) hinzugedichtet oder verschönert oder abgeändert worden", ist rückblickend also nur sehr begrenzt Glauben zu schenken.

Die Marketingstrategie der Brüder aber ist aufgegangen: Sie legten ihrem Publikum ein betont volksnahes und schließlich auch familientaugliches Lesebuch vor, das Urwüchsiges mit Poesie verband und besonders in der illustrierten Kleinen Ausgabe von 1825, die 50 ausgewählte Texte enthielt, zum weltweiten Sensationserfolg wurde. Und so sehr ihre Methoden mitunter fragwürdig gewesen sein mögen: Diesem Erfolg ist zu verdanken, dass die Volksmärchen, die wie keine andere Gattung das rein Gute dem rein Bösen gegenüberstellen und zum Wagnis der Aufbegehr animieren, als "Zeugniß unseres Herzens" auch heute noch - 200 Jahre nach der Erstveröffentlichung - ein Teil des kulturellen Gedächtnisses sind. Die Brüder Grimm haben einen "Samen für die Zukunft" entdeckt, ihn auf ihre Weise kultiviert und so für die Nachwelt erhalten. Dafür wird man sie in diesem Jahr zu Recht noch ausgiebig feiern.

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