Gerhart Hauptmann – Ein politischer Dichter, der keiner sein wollte — Carsten Tergast

Signierte Porträtfotografie von Gerhart Hauptmann
Signierte Porträtfotografie
von Gerhart Hauptmann

War er nun ein politischer Dichter, oder war er keiner? Auch zum 150. Geburtstag wird man auf diese Frage nach Leben und Werk Gerhart Hauptmanns keine endgültige Antwort geben können.

Hauptmann gilt heute vor allem als einer der Mitbegründer des deutschen Naturalismus, seine Weber sind Schullektüre für Generationen gewesen und werden es vermutlich auch bleiben. Sozialkritische Dramen wie diese haben Hauptmann den Ruf eingetragen, als Dichter politisch zu sein, obwohl er selbst doch schon im Prozess um die Weber immer darauf bestanden hat, er habe keine „politische Dichtung“ verfassen wollen.

Das ist in der Forschung lange als reine Schutzbehauptung aufgefasst worden, doch erweitert man den Blick auf das Gesamtwerk des Dichters, bekommt man eine Ahnung, dass Hauptmann das durchaus schon zu diesem Zeitpunkt ernst gemeint haben könnte. Diese Vermutung wird erhärtet durch einen Brief an Rudolf G. Binding, den Gerhart Hauptmann im März 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers, schreibt. Es heißt darin:

Promethidenloos. Eine Dichtung von Gerhart Hauptmann
Seltene Erstausgabe des Werkes
Promethidenloos. Eine Dichtung

"… daß wir gegen die Regierung, der wir unterstehen, nicht frondieren dürfen, ist eine Selbstverständlichkeit. Übrigens habe ich das auch als freier Schriftsteller niemals irgendeiner Regierung gegenüber getan. Dazu ist mein Wesen zu positiv eingestellt. Nicht im Gegenwirken sieht es das Heil, sondern im Mitwirken."

Hauptmann ist kein Widerständler, er will keiner sein. Nicht unter den Nazis, und auch zu Beginn des ersten Weltkrieges gehört er eher zu jenen kriegsbegeisterten deutschen Schriftstellern, die in dem großen Morden, das folgen sollte, einen vaterländischen Sinn zu erkennen glauben.

Aus dieser Tatsache resultiert vor allem eine Erkenntnis: Einer muss nicht zwanghaft versuchen, politisch zu sein, um genau diesen Eindruck zu erwecken. Es reicht: Formwille, Gestaltungskraft und Gespür für die Themen der Zeit. All das hatte Gerhart Hauptmann, und so schuf er fast zwangsläufig immer wieder Werke, die politisch aufgefasst werden konnten oder vor dem zeitgenössischen Hintergrund gar mussten. Neben den Webern müssen da etwa weitere dezidiert naturalistische Stücke genannt werden: Vor Sonnenaufgang, Der Biberpelz, Fuhrmann Henschel, Rose Bernd oder Die Ratten. All diesen Stücken ist eins gemein: Allein die naturalistisch-genaue Art und Weise der Darstellung von sozialen Umständen macht sie politisch, denn diese Umstände waren dem Leser und vor allem dem bürgerlichen Theaterbesucher eigentlich nicht zuzumuten.

Porträtzeichnung Gerhart Hauptmanns von Sohn Ivo Hauptmann
Porträtzeichnung Gerhart
Hauptmanns durch seinen Sohn
Ivo Hauptmann

Und so kam es bei Weber-Aufführungen zu Szenen, die für die bürgerliche Gesellschaft der reine Sprengstoff sein mussten. Ein Proletarierpublikum, das voller Begeisterung, die Arbeiter-Marseillaise singend, aus dem Theater strömte, so etwas war eigentlich undenkbar, und doch plötzlich Realität.

In dieser Frühphase des Werkes entsteht jene politische Kraft, die Hauptmanns Werk bis heute ausstrahlt, und es erstaunt um so mehr, dass der Dichter es anschließend trotzdem zum von allen gesellschaftlichen Kreisen anerkannten Autor schaffte. Nicht nur sein Antlitz wurde mit den Jahren dem des von ihm verehrten Goethe immer ähnlicher, sondern auch sein Status geriet langsam aber sicher in die Nähe des Olympiers. Literatur-Nobelpreis, Doktorwürden, weitere Literaturpreise, all das prasselte in den mittleren und späten Lebensjahren auf Hauptmann ein, der bewusst oder unbewusst auch in seiner Stoffwahl immer mehr in eine bürgerliche und später mythologische Sphäre gerät, die sozialkritische und politische Motive kaum noch erkennbar macht.

Da ist Hauptmann dann wieder der bewusste Nicht-Widerständler, der sich dem Zugriff des Politischen zu entziehen versucht. Und doch ist er uns auch zum 150. Geburtstag als literarischer Anwalt der Unterprivilegierten in Erinnerung und wird es sicherlich auch weiterhin bleiben.