"Von Leere schwoll uns das Herz" - Georg Heym und der Mythos eines unvollendeten Dichterlebens

"Halb Rowdy, halb Engel" soll er nach einem Wort von Emmy Ball-Hennings gewesen sein, dieser Georg Heym. Wohin wohl hätte sein Weg ihn geführt, wenn er nicht, gerade mal 24 Jahre alt, am 16. Januar 1912 bei einer versuchten Rettungsaktion auf der Havel selbst im Eis eingebrochen und ertrunken wäre?

Der Mythos Heyms jedenfalls dürfte zu einem nicht kleinen Teil auf dieser Tatsache des frühen Todes eines unvollendeten Dichters beruhen. Wild war er bis dahin, mit revolutionärer Pose und dem unbedingten Willen, mit Worten kaputt zu machen, was ihn (gefühlt) kaputt machte.
Und das war nicht gerade wenig. 1887 im schlesischen Hirschberg geboren, Sohn eines Staatsanwaltes, suchte ihn früh das Gefühl der Ausgestoßenheit heim. Sein Hass bezog sich auf vieles, angefangen beim von ihm als konservativen Dichterfürsten wahrgenommenen Goethe über die unfähige Politik bis hin zum eigenen Vater schien die Welt voll von Versagern, die trotzdem Erfolg im Leben haben.
Seine Bewunderung dagegen galt denjenigen Dichtern, denen er sich mit seiner Haltung nah fühlte. Die Namen überraschen nicht, so notiert er 1909 in seinem Tagebuch: "Ich liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben. Ich liebe Kleist, Grabbe, Hölderlin, Büchner. Ich liebe Büchner und Marlowe. Ich liebe alle, die nicht von der großen Menge angebetet werden. Ich liebe alle, die oft so an sich verzweifeln, wie ich fast täglich an mir verzweifle."
Kein Wunder, dass mit dieser Haltung des Weltschmerzes und der Wut auf die etablierte Welt die Dichtung der französischen Symbolisten für Heym wie ein Erweckungserlebnis gewesen sein muss. Die Gedichte Baudelaires und Rimbauds lernt er in der deutschen Übertragung Stefan Georges bzw. in einer von George angeregten Übersetzung kennen, eignet sich Stil und Inhalt an und wird folgerichtig von seinem Verleger Kurt Wolff als "deutscher Baudelaire" geadelt.

Kurt Wolff ist es auch, in dessen Verlag zwölf Jahre nach Heyms Tod die berühmte Ausgabe von "Umbra vitae" (Erstausgabe 1912 bei Rowohlt) mit den Illustrationen von Ernst Ludwig Kirchner erscheint. Allein durch diese Ausgabe ist uns Heym bis heute im Gedächtnis, so ideal ergänzt die große Kunst Kirchners den Sog der Heym'schen Worte. Das ist auch der Grund, aus dem Wolff die Ausgabe überhaupt macht, denn pekuniärer Erfolg, so weiß er, wird ihm damit nicht beschieden sein (und er sollte recht behalten). Er schreibt an seinen künstlerischen Berater, Hans Mardersteig:

"Aber trotzdem macht mir der Gedanke, dieses Buch zu bringen, Freude, weil ich aus Ihren Mitteilungen schon herauslese, ein wie starkes Verhältnis Kirchner zu den Versen haben muß, dass er nur sich zur Freude diese Holzschnitte gemacht hat."

Ob "Umbra vitae" oder andere Werke: Georg Heym muss als Wanderer zwischen den Welten angesehen werden. Er ist nicht der frühe Vollender des Expressionismus, als den ihn viele schon sehen wollten. Seine Lyrik geht indes in vielem bereits über die unübersehbare Grundierung durch den literarischen Jugendstil hinaus, sie wird einflussreich bleiben für die Zeitgenossen, denen ein längeres Leben beschieden ist als dem zuletzt als Gerichtsreferendar arbeitendem Heym. Trakl, Benn, Jakob van Hoddis, die Liste derer, bei denen Einflüsse Heyms spürbar sind, enthält einige solcher ganz großer Namen der deutschen Literatur.
Der Verve der revolutionären Verse mit Gedichttiteln wie "Die Selbstmörder", "Die Morgue", "Die Tote im Wasser" oder "Die Dämonen der Städte" ist so beeindruckend, dass der andere Teil der Heym'schen Lyrik, der Emmy Hennings-Ball wohl zum "Engel"-Teil ihres Zitates veranlasste, heute kaum noch gesehen wird. Der junge Dichter hat Natur- und Liebesgedichte hinterlassen, die keinesfalls die düstere Grundierung der bekannten Verse widerspiegeln. Gottfried Benn zählte einige dieser Gedichte zu den "schönsten in deutscher Sprache".
Aber klar ist: in Erinnerung wird uns der "Rowdy" bleiben, der Sprachneuerer, der wütende junge Dichter, der seinen Weltschmerz in Versen in eben diese Welt hinausschreit. In unserer abgeklärten modernen Welt scheint es solche Dichter nicht mehr zu geben. Umso mehr lohnt es sich, ab und an einen Blick auf Verse wie diese zu werfen:

"Gebannt in die Trauer der endlosen Horizonte / Wo nur ein Baum sich wand unter Schmerz / Sanken wir, Bergleuten gleich, in das Schweigen der Grube / Unserer Qual. Und von Leere schwoll uns das Herz."

Carsten Tergast

Umbra vitae
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Marathon
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