Elizabeth Shaw — Nicola Bardola

Elizabeth Shaw

Im März 1977 fand eine große Ausstellung mit Original-Illustrationen und Büchern der Künstlerin Elizabeth Shaw in der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) statt. Damals konnte die 1920 in Irland geborene Künstlerin schon eine lange Liste herausragender Veröffentlichungen vorweisen, u.a. ihr Bilderbuchdebüt Der kleine Angsthase von 1963 oder Die Schildkröte hat Geburtstag von 1965. In der Ausstellung waren auch viele ihrer Bilder zu sehen, die Texte von Bertolt Brecht, Hans Fallada, Rainer Kirsch, Karl Marx oder James Krüss u.v.a. illustrieren. Die Internationale Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg in München pflegt immer noch fast das Gesamtwerk der Künstlerin, von der nur noch wenige Titel lieferbar sind. Bis zu ihrem Tod am 27. Juni 1992 in Berlin-Pankow, wo heute eine Grundschule ihren Namen trägt, malte Shaw intensiv weiter. Ihr Werk ist nicht mehr so präsent wie zu ihren Lebzeiten, aber in Vergessenheit ist es nie geraten und wird von Generation zu Generation wieder entdeckt. 2010 schrieb die Märkische Allgemeine: "Was Janosch im Westen gelang, erreichte Elizabeth Shaw im Osten. Ihre Bücher wurden in allen Kinderzimmern heiß geliebt und ausgiebig gelesen."

Elizabeth Shaw ging an der Royal Academy in Belfast zur Schule. 1933 zog ihre Familie nach Bedford in England. Sie besuchte die Bedford High School für Mädchen bis 1937 und begann 1938 ihr Studium an der Chelsea School of Art in London, wo sie sich auf Buchillustration spezialisierte. 1940 schloss die Schule wegen des Krieges, Shaw bekam den Spitznamen "Rembrandt" und musste im Rahmen des Rüstungsprogramms Nummern auf Fernsprecher malen. Bereits 1940 veröffentlichte sie erste Zeichnungen und stellte 1943 Bilder in der Galerie der "Artists International Association" in London aus. 1944 heiratete sie den aus Deutschland geflohenen Bildhauer und Maler René Graetz und begleitete ihn 1946 nach Ostberlin, wo sie bis zuletzt wohnte. Sie zeichnete für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen, u.a. für das im Dezember 1945 gegründete links orientierte Satireblatt Ulenspiegel (ein Vorläufer des Eulenspiegels) und begann sich Mitte der 50er Jahre auf Porträt-Karikaturen, Reiseberichte und Buchillustrationen zu spezialisieren. 1959 karikierte sie im Auftrag der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin (Ost) alle 43 Mitglieder der Akademie, darunter Anna Seghers, Paul Dessau oder Helene Weigel.

Elizabeth Shaw

Ihre Kinder wurden 1948 und 1950 geboren und waren aus dem Bilderbuchalter schon heraus, als Shaw 1961 anfing, eigene Kinderbuchtexte zu schreiben. In ihrem Buch Wie ich nach Berlin kam erinnert sich Shaw: "Meist schrieb ich sehr moralische Geschichten, weil ich diesen missionarischen Eifer verspüre, der mich zur politischen Karikatur gebracht hat. Ich wollte ganz bestimmte Werte wie Mut, Freundlichkeit und die Vorstellung vermitteln, dass man nicht nur für sich selbst lebt. Kinder haben ein ausgeprägtes Gefühl für Gut und Böse und einen starken Gerechtigkeitssinn, bis die Welt der Erwachsenen diese Werte durcheinanderbringt. Einige meiner Geschichten sollen einfach nur Spaß machen, weil Erwachsene häufig so ernst sind, und Kinder lieben nun mal Spaß. Einmal sah ich in einem Modehaus in Berlin einen alten Italiener, der neben seinem Enkelkind saß und ein Buch von mir übersetzte. Beide lachten herzlich, was mich glücklich machte."

Schon Shaws Debüt Der kleine Angsthase enthielt viele Qualitäten ihrer Bilderbuchkunst. Der Strich ist kräftig und klar fast wie in einem Comic. Und die Story ist eine fabelhafte Mutmachgeschichte: Aus dem gebückten Häschen mit den zittrigen Barthaaren wird ein tapferer Hase. Zunächst war der Verlag skeptisch. Die karikierende Illustration in Kinderbüchern war damals neu und damit auch der relativ große Anteil weißer Flächen, doch die Bücher wurden vom Publikum begeistert aufgenommen. "Jetzt zeichne und erzähle ich und denke gelegentlich an meine Enkelkinder", sagte Shaw bei der Ausstellungseröffnung in der IJB.

Für ihre Arbeit erhielt sie unter anderen den Kunstpreis der DDR, den Hans-Baltzer-Preis, den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig und den Käthe-Kollwitz-Preis der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin. 2010 zeigte das Bilderbuch Museum der Stadt Troisdorf zu Ehren ihres 90. Geburtstages eine umfassende Werkschau der Künstlerin. Elizabeth Shaws und René Graetz' Kinder organisieren weiterhin zahlreiche Ausstellungen mit den Werken ihrer Eltern und betreiben die Webseite www.artshaw.com.