In Zeiten des Umbruchs - Charles Dickens und seine Geschichte aus zwei Städten

Vor 200 Jahren wurde am 7. Februar im britischen Landport Charles John Huffham Dickens geboren, das zweite von insgesamt acht Kindern eines Marinezahlmeisters. Als er 1862 mit seinem Freund und späteren Biografen John Forster seinen 50. Geburtstag feierte, hatte dieser Charles Dickens Oliver Twist (1837-39), Eine Weihnachtsgeschichte (A Christmas Carol, 1843) und David Copperfield (1849-50) sowie eine ganze Reihe weiterer Bücher geschrieben, die zu den erfolgreichsten und bemerkenswertesten literarischen Werken seiner Zeit gehören. Kaum zwei Jahre vor seinem runden Geburtstag hatte er den Roman fertiggestellt, der sein zu Lebzeiten meistgelesener war und mit geschätzten 200 Millionen Exemplaren weltweit das noch heute meistverkaufte Buch ist, das je in englischer Sprache geschrieben wurde: A Tale of Two Cities. Die deutsche Erstausgabe von Eine Geschichte aus zwei Städten ist zumindest einigen Quellen nach im Jahr 1862 erschienen und feiert damit im Schatten des großen Dickens-Jubiläums ein kleines, nämlich ihren 150. Geburtstag.

"Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit. Es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Torheit..." - mit diesen Worten beginnt Dickens seine Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution, die zu einem Zeitpunkt entstand, als auch in seinem Leben alle Zeichen auf Umbruch standen. Dickens, ein Kind aus einfachen Verhältnissen, hatte schon früh zum Unterhalt der Familie beitragen müssen, sich dann aber aus eigener Kraft vom Anwaltsgehilfen zum gefragten Schriftsteller, Journalisten und Herausgeber verschiedener Periodika empor gearbeitet. Sein größter publizistischer Wurf waren die Daily News, von denen er selbst zwar nur 17 Ausgaben betreute, die aber unter der Regie seiner Nachfolger zu einer der führenden Tageszeitungen in Großbritannien avancierten. Dickens hatte es zu Ansehen und Wohlstand gebracht und war ein gern gesehener Gast in Londons Künstlerkreisen.
Mit dem Scheitern seiner Ehe im Jahr 1858 wendete sich in vielerlei Hinsicht das Blatt. Dickens kam ins Gerede, wurde für sein Verhalten gegenüber seiner Ehefrau und die Liebe zu einer jungen Schauspielerin, die zumindest zu dieser Zeit eine zwar romantische, aber platonische Angelegenheit war, öffentlich ins Gebet genommen. Auch das Verhältnis zu seiner Schwägerin Georgina, die nun an ihrer Schwester statt Dickens' Haushalt führte, wurde argwöhnisch beäugt. Streitereien mit den Verlegern, die sich weigerten, in einem ihrer anderen Blätter eine persönliche Stellungnahme Dickens' abzudrucken, besiegelten 1859 das Ende der Wochenzeitung Household Words, für die Dickens fast ein Jahrzehnt lang verantwortlich gewesen war. Dickens konzentrierte sich nun stärker auf sein Talent als Unterhalter, ging auf Lesereisen, die ihn zumindest kurzfristig von seiner Misere ablenken konnten. Gleichzeitig forcierte er ein Nachfolgeprojekt: die Wochenzeitschrift All The Year Round, in der vom 30. April 1859 an die Geschichte aus zwei Städten erschien.

In der Geschichte aus zwei Städten wendet sich Dickens nach Barnaby Rudge (1841) zum zweiten Mal einem historischen Sujet zu. Inspiriert durch Thomas Carlyles The French Revolution, die er eigenen Angaben nach 500 Mal gelesen haben will, stellt Dickens die gewaltsamen Umbrüche im Frankreich des ausklingenden 18. Jahrhunderts in den Mittelpunkt seiner Handlung. Anders als in den berühmten sozialkritischen Romanen der früheren Schaffensjahre kann Dickens hier also nicht die Kehrseite der Industrialisierung im England des frühen 19. Jahrhunderts abbilden, mit der er in seiner Jugend Bekanntschaft hatte machen müssen. Stattdessen zeichnet er ein Porträt zweier Städte, die in der Geschichte Europas lange Zeit Antipoden gewesen sind: London und Paris. Doch in Dickens Schilderung erweisen sich die Unterschiede als graduell - "Licht" und "Finsternis" verschwimmen angesichts der sozialen Ungerechtigkeiten, die im späten 18. Jahrhundert das Leben in beiden Städten prägen. Dass es in Frankreich anders als in England zu einem blutigen Aufstand gekommen ist, schreibt Dickens dem Fehlverhalten des französischen Adels zu. Manche haben den Roman deshalb als Warnung an die Adresse der britischen Aristokratie gelesen.

Dickens Geschichte, die die Schicksale dreier Familien aus verschiedenen Schichten miteinander verbindet, beginnt noch vor der Revolution, deren Nahen sich in erzählerischen Details bereits ankündigt. Charles Darnay hat sich von seiner adeligen Familie losgesagt, die im vorrevolutionären Frankreich eine unrühmliche Rolle spielt. Sein Onkel, der Marquis de Evrémonde, missachtet seine Untergebenen und tötet, vergewaltigt oder verleumdet sie nach Belieben. In England begegnet Darnay der jungen Arzttochter Lucie Manette, deren Vater ebenfalls ein Opfer des Maquis gewesen ist. Natürlich ahnt niemand etwas von dieser Verbindung; erst als Darnay am Tag seiner Vermählung mit Lucie seinen wahren Namen nennt, kehren die Schatten der Vergangenheit zurück. Ein Hilferuf seines ehemaligen Dieners lockt Darnay nach Paris, wo er von den Revolutionären festgesetzt wird. Madame Defarge, die einzige Überlebende einer Bauernfamilie, die der inzwischen ermordete Marquis einst mutwillig vernichtet hat, will auf ihrem Rachefeldzug im Windschatten der Revolution auch seinen Neffen auf der Guillotine sterben sehen. Gut, dass die Manettes in ihrem Kampf um Darnays Leben auf die Unterstützung ihres Freundes Sydney Carton zählen können, der Charles zum Verwechseln ähnlich sieht und aus stiller Liebe zu Lucie "sein Leben hingeben würde, um ein Leben, das Sie lieben, zu erhalten."

Der zitierte Satzteil enthält schon einen Hinweis darauf, dass sich die Geschichte aus zwei Städten nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch deutlich von Dickens' anderen Werken unterscheidet. Zwar ist auch sie zunächst in Fortsetzungen erschienen, was gewisse Besonderheiten im Spannungsbogen mit sich bringt, ansonsten aber gibt es nur wenig Gemeinsamkeiten. Die für Dickens typischen humorvollen Schilderungen sind hier einem gewissen Pathos gewichen; düstere, von karikierten Charakteren bevölkerte Bilder verleihen der Entmenschlichung auf beiden Seiten der Revolutionsfront Ausdruck. Kontrastiert werden die Schreckensszenarien durch Allegorien des Opfertods und der Auferstehung, in denen neben der historischen vermutlich auch eine biografische Komponente zum Tragen kommt. Nur wer liebt und bereit ist, große Opfer zu bringen, kann die Welt zum Besseren wenden, kann, wie Carton auf dem Schafott, erlösen und Erlösung finden: "Was ich tue, ist etwas viel, viel Besseres, als ich jemals getan, die Ruhe, zu der ich eingehe, ist viel seliger als ich sie jemals gekannt habe."

Juliane Schmidt-Wellenburg



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