Das papierne Gewand des Buches: Buntpapiere in der Buchgestaltung — Julia Rinck


Brokatpapier, goldfarbene Reliefierung auf ein-
farbig gestrichenem Papier (18. Jahrhundert)

Seit seiner Erfindung diente Papier neben seiner Verwendung als Beschreibstoff auch als Material zum Einfärben, Bemalen oder Bedrucken. Als "Buntpapier" wurde es insbesondere an Büchern, aber auch an Papeterieartikeln oder kunsthandwerklichen Objekten wie Möbeln oder Instrumenten weiterverarbeitet. Die erste Papiermühle wurde in Deutschland um 1390 aufgebaut – das früheste in Europa bekannte Buntpapier, ein Einfarbig gestrichenes Papier als Rückseite einer Spielkarte, kann auf 1430 datiert werden.

Buntpapiere sind Papiere, die nach ihrer Herstellung als Rohpapier einem zusätzlichen, meist dekorativen Veredelungsprozess unterzogen wurden. Die deutsche Bezeichnung "Buntpapier" ist daher zunächst irreführend: Ein Buntpapier muss nicht mehrfarbig sein; auch einfarbige, selbst weiße oder schwarze Papiere werden den Buntpapieren zugerechnet, wenn sie nach dem Prozess der Papierherstellung gestrichen, geprägt, geknittert oder bedruckt wurden.


Kleisterpapier von H. Hußmann.
Die zehn kleinen Negerlein (1923)

Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts konnten durch Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern Ideen und Informationen weitaus schneller als zuvor verbreitet werden – die Voraussetzung für eine massenhafte Verbreitung von Büchern in Europa war gegeben. Um diese Publikationen auch für eine breite Käuferschaft bezahlbar zu machen, wurden die Texte statt in Leder oder Pergament in ein preiswerteres papiernes Gewand gehüllt: Buntpapiere wurden als Einband- oder Umschlagpapiere genutzt oder erfreuten als Vorsatzpapier das Auge des Lesers.

Frühe Buntpapiertechniken waren neben den Einfarbig gestrichenen Papieren vor allem Kleisterpapiere und Sprenkelpapiere. Eine der bekanntesten Techniken, das Marmorieren, kam über Asien und den Orient nach Europa und wurde hier aus diesem Grund zunächst als "Türkisch Papier" bezeichnet. Die Marmorierten Papiere entwickelten in Europa über die Jahrhunderte eigene Gestaltungsformen, die sich in Sortenbezeichnungen wie "Kamm-Marmor", "Schneckenmarmor" oder "Tigeraugenmarmor" zeigen. Um 1690 entstanden in Augsburg erste Gold- und Silberpapiere, die vollflächig mit Blattmetallfolien bedeckt wurden. Hier wurde etwa zeitgleich auch die Technik der Brokatpapiere entwickelt, ein Prägedruckverfahren, bei dem mit erhitzten gravierten Kupferplatten in der Kupferdruckpresse auf mit Blattmetallfolien bedeckte Natur- oder Buntpapiere gedruckt wurde. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert – einer Blütezeit des Buntpapiers – wurden zudem, vor allem in Süddeutschland, Italien und Frankreich, im Handdruckverfahren ein- und mehrfarbige Modeldruckpapiere in großen Mengen hergestellt und und verarbeitet.


Lithografiertes Papier, Entwurf von M. Behmer.
Dichtungen Edgar Allan Poe (1914)

Mit der beginnenden Industrialisierung produzierten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Buntpapierfabriken massenweise Buntpapiere unter Zuhilfenahme moderner Technik (z. B. Streich- oder Gaufriermaschinen), immer neue Muster und Sorten kamen auf den Markt und wurden weltweit exportiert. Die handwerkliche Herstellung konnte mit diesen Produkten preislich nicht konkurrieren und die Kunst des Buntpapiermachens geriet zunehmend in Vergessenheit. Erst um 1900 wurden im Umfeld der aus England stammenden Arts and Crafts-Bewegung auch handwerkliche Buntpapiertechniken wiederentdeckt: renommierte Künstler, aber auch Kunstgewerbler und Handwerker machten sich traditionelle Buntpapiertechniken zu eigen, nutzten moderne Drucktechniken (z. B. die Lithografie) und experimentierten mit neuen dekorativen Gestaltungsmöglichkeiten. In den zwanziger Jahren erreichten die Batikpapiere, die auf das aus Java stammende Reserveverfahren zurückgehen, einen Höhepunkt ihrer Verbreitung. In dieser Zeit waren auch Schablonierte Papiere besonders beliebt.


Schabloniertes Papier von
A. Irmler. Das Antlitz im Gestirn,
Ludwig Strauss (1925)

Heute üben nur noch wenige Buntpapiermacher dieses Handwerk professionell aus. Sie fertigen Papiere in historischen und modernen Techniken, insbesondere für Restauratoren von Büchern und Möbeln. Buntpapiere entstehen auch im Umfeld von Kunsthochschulen, in buchkünstlerischen Studiengängen und werden von Buchbindern oder ambitionierten Laien hergestellt und verarbeitet. Vor allem hochwertige Sondereditionen und Vorzugsausgaben werden wieder in handgefertigte Buntpapiere gebunden und auch Buchliebhaber lassen sich ihre Bücher, aber auch Tagebücher, Skizzenhefte oder Fotoalben von Buchbindern in traditionell gefertigte oder modern gestaltete Papiere binden.

In den vergangenen Jahren wurde auch die künstlerische und kunstwissenschaftliche Bedeutung der Buntpapiere neu definiert: Künstler loten die Grenzen dieses Mediums aus und entwickeln ganz eigene Sichtweisen; kunstwissenschaftliche Symposien setzen sich mit dem Themenfeld Ornament und Flächendekoration auseinander. Internationale Ausstellungen widmen sich speziellen Buntpapiertechniken oder ausgewählten Herstellern und präsentieren Buntpapiere blattweise oder verarbeitet an Büchern oder Objekten. In Auktionshäusern erzielen heute Brokatpapiere als ganze Bogen Höchstpreise und Buntpapiere stellen inzwischen – als Einband oder Vorsatz kostbarer Drucke oder als Umschlag von Dissertationen und Huldigungsschriften – ein bedeutsames Kriterium für Sammler wie Antiquare dar.

Mehr zum Thema finden Sie auf www.buntpapier.org.