Rückblickend betrachtet - Von der Schönheit des Buchrückens

Beispiel für echte oder
erhabene Bünde

"Fast eine halbe Stunde spazierte ich durch dieses Labyrinth, das nach altem Papier, Staub und Magie roch. Sachte fuhr ich mit der Hand über die Rücken der ausgestellten Bücher, während ich meine Wahl prüfte. Auf den verwaschenen Bänden las ich Titel in Sprachen, die ich erkannte, und viele andere, die ich nicht einzuordnen vermochte. [...] Bald befiel mich der Gedanke, hinter dem Einband jedes einzelnen dieser Bücher tue sich ein unendliches, noch zu erforschendes Universum auf. [...]"Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón

Nicht nur im Friedhof der vergessenen Bücher im Roman von Zafón, auch in unserer heimischen Bibliothek kommt dem Buchrücken eine ganz besondere Bedeutung zu. Hinter ihm verbergen sich all die Stunden spannender Lektüre, die wir mit einem Buch verbinden. Er fällt dem Betrachter unseres Bücherregals als Erstes ins Auge. Aber nicht nur das - der Buchrücken ist außerdem ein schneller Helfer für alle, die gezielt nach einem bestimmten Titel suchen.


Rückenverzierung

In der Geschichte des Buchdrucks gibt es hinsichtlich der Gestaltung des Buchrückens die unterschiedlichsten Moden. Die einst übliche Heftung durch Bünde, die auf dem Buchrücken wulstartig hervortreten, ist heute bei der Herstellung eine Ausnahme. Im Bücherregal sind die sogenannten echten oder erhabenen Bünde allerdings noch heute ein richtiger Hingucker. Sie unterteilen den Buchrücken in einzelne Felder, die Compartiments, welche ihrerseits Platz zur Verzierung bieten. Oftmals zieren Schnörkel, Schriftzüge, Prägungen oder Fleurons die Compartiments. Fleurons sind kleine Blütenstempel, eine besonders im 18. Jahrhundert beliebte Rückenverzierung, die häufig in den Ecken von Rahmenlinien zu finden sind. Ob floral, ornamental oder goldgeprägt: Hier können Sie einen Blick auf die schönsten Rückenverzierungen werfen.


Rückentitel

Beispiel für goldge-
prägte Rückentitel

Der Rückentitel ist der Klassiker unter den Funktionen des Buchrückens. Quer oder längs, bei wertvollen Büchern auf einer Rückenvignette angebracht, verhilft der Titel uns zum schnellen und sicheren Griff nach dem richtigen Buch. Was auf Anhieb logisch erscheint, war nicht immer die Regel: Der Rückentitel wurde erst im 16. Jahrhundert eingeführt, als Bücher erstmals mit dem Rücken nach vorne aufbewahrt wurden. Im Mittelalter wurden sie nicht in Regale gestellt, sondern auf Pulten abgelegt. Da der Buchrücken somit verdeckt war, wurde der jeweilige Titel durch ein Stück Pergament oder Papier gekennzeichnet, welches an einem Band aus dem Buch heraushing.

Wenn es die Breite des Buches zulässt, findet man Titel- und Verfasserangaben quer auf dem Rücken angebracht, bei schmalen Büchern hingegen wird auf den Längstitel zurückgegriffen. In deutschen Bücherregalen sorgt der Längstitel für Abwechslung. Während er früher in Deutschland in der Regel von unten nach oben angebracht wurde, orientiert man sich heute bei der Buchherstellung am Vorbild der Engländer: Nach angelsächsischem Standard läuft der Titel von oben nach unten, was den Vorteil hat, dass er auch lesbar ist, wenn das Buch mit der Vorderseite nach oben flach im Regal liegt. Im ZVAB finden Sie goldene, goldgeprägte und handgeschriebene Rückentitel sowie kostbare Rückenschilder und -vignetten.


Buchreihen

Brockhaus Hundertwasser
Brockhaus Enzyklopädie
Friedensreich Hundertwasser

Nehmen wir nun den Blick vom Detail und lassen ihn über das gesamte Bücherregal schweifen. Was hierbei auffällt, sind ganze Buchreihen, welche im Gesamtbild ihre Wirkung erzielen und sich daher bei Sammlern besonderer Beliebtheit erfreuen. Manesses Bibliothek der Weltliteratur, Suhrkamps Regenbogen, verschiedene Reihen des Brockhaus, die Insel-Bücherei und Reclams Universal-Bibliothek sind nur einige Beispiele prominenter Buchreihen, die unsere Regale seit Jahrzehnten zieren. Im Jahr 1985 machten Hans Magnus Enzensberger und der Verleger und Buchkünstler Franz Greno den Hingucker-Effekt von Buchreihen zum Konzept und schufen Die Andere Bibliothek. Diese besonders bibliophile Reihe wurde von den beiden bis 2004 herausgegeben und 2011 von der Aufbau-Gruppe übernommen.


Ein Gegenentwurf

Und wenn man sämtliche Bücher einer Bibliothek mit dem Rücken zur Wand stellen würde? In dem Roman Die Blendung erzählt der Autor Elias Canetti die Geschichte des verschrobenen Bibliomanen Peter Kien, der in seiner "Bücherfestung" ein zurückgezogenes Leben führt. Eines Tages beschließt Kien, all seine Bücher gleich zu machen, sämtliche Unterschiede zwischen ihnen aufzuheben. "Die Demokratisierung des Heeres äußert sich praktisch darin, dass von heute ab jeder einzelne Band mit dem Rücken zur Wand steht." Auch wenn dieses Experiment für die eigene Bibliothek kaum zu empfehlen ist, so schafft Canetti ein starkes Bild: eine gigantische Bibliothek voller weißer Buch-Vorderschnitte. Die Blendung von Elias Canetti gibt es übrigens in der Sammlung Nobelpreisträger für Literatur in einer schönen Ausgabe mit ornamentaler Rücken- und Deckel-Goldprägung.