Bram Stoker – 100. Todestag eines literarischen One-Hit-Wonders — Carsten Tergast

Dracula

Was hätte Bram Stoker wohl zu Edward Cullen gesagt? Zwischen dem in der Jetztzeit vielleicht berühmtesten Vampir der Unterhaltungsliteratur und seinem Urahnen, dem transsilvanischen Grafen Dracula liegen etwas über 100 Jahre, in denen der Vampirmythos nie in Vergessenheit geriet, sondern in jedweder medialen Form immer wieder verarbeitet wurde.

Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass Bram Stoker den Biss-Geschichten Stephenie Meyers etwas hätte abgewinnen können, immerhin ist auch das 1897 erschienene berühmteste Werk des Iren voll von gezielt eingesetzten Effekten, die den Leser einerseits erschaudern lassen, andererseits aber emotional an die Figuren binden. Lediglich das erotische Motiv des Vampirkusses scheint bei Stoker eher selten durch, und natürlich ist Graf Dracula eine ganze Ecke furchtbarer als der glatte Schönling Edward Cullen.
Stoker indes wurde mit Dracula zum literarischen One-Hit-Wonder, obwohl der 1847 in der Nähe von Dublin geborene Autor im Laufe seines Lebens ein recht umfangreiches literarisches Werk geschaffen hat. Keine seiner anderen Veröffentlichungen jedoch erreichte auch nur annähernd die Popularität des Klassikers der Vampirliteratur.

Als Kind bis zum Alter von sieben Jahren von einer Krankheit befallen, die ihn gar am Laufen hinderte, war Bram Stoker früh von Geschichten fasziniert, die ihm beispielsweise seine Mutter Charlotte mit schöner Regelmäßigkeit erzählte. Besonders beeindruckend müssen die Erzählungen von der großen Cholera-Epidemie im Jahre 1832 gewesen sein, Tod
und Verderben als Gegenstand des Erzählens waren somit bereits dem jungen Stoker sehr geläufig.

Filmplakat

Als Buchautor allerdings ist Stoker ein Spätberufener. Erst mit über vierzig Jahren nimmt seine schriftstellerische Karriere mit der Veröffentlichung von The Snakes' Pass (1890) langsam Fahrt auf. Bis dahin verdient er nach dem Studium am Trinity College Geld im Staatsdienst und arbeitet daneben vor allem als Theaterkritiker, etwa für das Dublin University Magazine. Schließlich leitet er ab 1878 das Lyceum Theatre, das Stokers Schauspielerfreund Henry Irving gehörte, für den er bereits zwei Jahre zuvor als Sekretär tätig geworden war. Diese Verbindung brachte ihn u.a. in Kontakt mit Größen wie Sir Arthur Conan Doyle, dem Autor der Sherlock Holmes-Romane.
Die 90er-Jahre sind dann vor allem auch die Zeit der Recherche für den Dracula-Roman. Stoker liest beispielsweise Carmilla von Sheridan Le Fanu, die Erzählung eines lesbischen Vampirs, die zu den wichtigen literarischen Zeugnissen der Gattung gehört und ihn durchaus beeinflusst. Er entschließt sich, die mythologischen Erzählungen der Untoten, die in der Nacht aus ihren Gräbern kommen und Blut saugen, mit der Geschichte des historisch verbürgten furchtbaren Tyrannen Vlad Draculea zu verbinden. Stokers Arbeit ist die Herstellung einer effektvollen Mischung der einzelnen Komponenten, um maximale emotionale Wirkung beim Leser zu erzeugen. Das gelingt bis heute, und beeinflusst Autoren wie Stephenie Meyer, auch wenn anzunehmen ist, dass Dracula Edward Cullen nicht eines Bisses gewürdigt hätte.

Wie so viele Autoren erlebt Bram Stoker den Siegeszug seines Werkes nur noch in Ansätzen. Er stirbt 1912 in London in relativ bescheidenen Verhältnissen. Sein Name jedoch wird auf immer mit dem größten und schaurigsten aller Vampire verbunden bleiben. Biss in alle Ewigkeit gewissermaßen.

Deutsche Übersetzungen von Bram Stokers Dracula