Ein Künstlerleben bis zum Schluss – Vor 100 Jahren starb August Strindberg — Carsten Tergast


Lithografie: August Strindberg

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, zu erzählen. Über dieses Leben, über dieses Werk. Über diesen Mann.
Die Biographie August Strindbergs steckt voll von den Klischees, die man landläufig mit einem Künstlerleben in Verbindung bringt: Frauen, Paranoia, Kritik an allem und jedem, Kampf mit der Obrigkeit, Kontakt zu den Geistesgrößen der Zeit. Und doch ist all das natürlich nicht nur Klischee, sondern machte Strindberg zu dem, als was wir ihn heute sehen: eine Art skandinavischen Zola, doch bei aller Zeitgenossenschaft einzigartig in seinem Wirken.

Die Kindheit war geprägt durch den frühen Verlust der geliebten Mutter und ein spannungsvolles Verhältnis zum Vater. Aus diesen Erfahrungen bzw. der Suche nach Halt und Orientierung scheint Strindbergs frühe Beschäftigung mit religiösen Themen zu resultieren, die sich anfangs in einem Bekenntnis zum Pietismus äußert. Die Richtung dieser Beschäftigung ändert sich bis hin zum Okkulten und Mystischen, jedoch wird Strindbergs Schaffen immer diesen spirituellen Hintergrund behalten.

1894 gerät er mit Lohn der Tugend, dem ersten Teil der Novellensammlung Heiraten, in Konflikt mit der Kirche, wird der Gotteslästerung angeklagt und sorgt für heftiges Aufsehen in seiner Heimat. Schweden hatte er indes bereits zuvor verlassen und war in die Schweiz umgesiedelt, nachdem er mit Das neue Reich und Das schwedische Volk alles aufs Korn genommen hatte, was den schwedischen Staat in jener Zeit ausmachte. Als Nestbeschmutzer verleumdet, siedelte Strindberg mit seiner ersten Frau Siri zunächst nach Frankreich, dann in die Schweiz um.

Es ist dies die dezidiert naturalistische Phase Strindbergs, in der wohl auch der Vergleich mit Zola am besten greift. Seine Texte verklären nichts, wer nichts vom Elend der Menschen lesen möchte, sollte Strindberg zur Seite legen. Staat, Kirche und andere gesellschaftliche Institutionen bekommen ihr Fett weg, niemand wird geschont. In Das rote Zimmer formulierte er die entscheidende Entdeckung des Großkapitals im Zeitalter der Industrialisierung: "Es war des Jahrhunderts größte Entdeckung gemacht worden: dass es nämlich billiger und angenehmer ist, vom Geld der anderen zu leben als von der eigenen Arbeit."


Probedruck für das Drama Der Findling von Ernst Barlach

Strindberg wird diesen kritischen Ansatz immer beibehalten, wechselt jedoch zu Beginn der 90er Jahre mehr und mehr die künstlerische Farbe. Sein literarischer Weg führt ihn in eine frühexpressionistische Phase, die später Georg Kaiser und Ernst Barlach beeinflussen sollte, oder auch Autoren wie Luigi Pirandello oder Eugene O'Neill. Verantwortlich ist dafür nicht zuletzt der Kontakt zu Nietzsche, mit dem Strindberg in einem intensiven Briefwechsel stand und dessen Ideen fortan so viel Einfluss hatten, dass Strindberg sogar über die Gründung einer gemeinsamen literarischen Schule nachdachte.

Bei aller Unstetigkeit in diesem langen Künstlerleben wird dieses umfangreiche Werk doch immer von etwas zusammengehalten, was aus jeder Zeile Strindbergs spricht: dem echten Interesse für die Psychologie seiner Figuren, für das, was sie in ihrem Innersten bewegt. So wie er selbst dem Zusammenbruch und dem Wahnsinn mehr als einmal nahe ist, so lässt er auch seine Figuren leiden und diesen Wahnsinn erfühlen.

In den Jahren der "Inferno-Krise", um 1896 herum, wirft die psychische Krise Strindberg fast endgültig aus der Spur. Nach dem Scheitern der Ehe mit Frida Uhl wird er von Depressionen und Wahnvorstellungen heimgesucht und findet, wie sollte es anders sein, einen Ausgang aus all dem nur durch exzessives Schreiben.

An Strindberg lässt sich sehr gut sehen, was den Schriftsteller in den Augen vieler Leser zum bewunderten Künstler werden lässt: Es ist, als ob er eine Stellvertreterexistenz lebt, er durchleidet all das, was uns in unserem bürgerlichen Leben versagt bleibt und von dem wir auch nicht wissen, ob wir es durchleiden wollten. Drei Ehen mit fünf Kindern, ständige psychische Krisen, Angriffe aus der Gesellschaft, ein Leben an den verschiedensten Orten und immer der Kampf mit den Worten. Wo bleibt eigentlich der große Film über das Leben von August Strindberg?

Märchen von August Strindberg
Märchen
Dt. Original- ausgabe von Emil Schering
Inferno von August Strindberg
Inferno
Schwedische Erstausgabe, 1897
Brief von August Strindberg
Brief mit Unterschrift
an den Über- setzer Emil Schering
Die Insel der Seligen von August Strindberg
Die Insel der Seligen
Deutsche Erst- ausgabe
Der Vater von August Strindberg
Der Vater
Eins von 85 num. Exemplaren