Eigenhändiger Brief mit Unterschrift

Das Werk als Spiegel der menschlichen Seele – Arthur Schnitzler zum hundertfünfzigsten Geburtstag

Es gibt wohl nur wenige Autoren, bei denen das Tagebuchwerk und die Briefeditionen fast genauso umfangreich sind wie das eigentliche literarische Werk. Arthur Schnitzler ist einer von ihnen.

Zeit seines Lebens hat Schnitzler die stetige Selbstreflexion zum Bestandteil seines Schaffens gemacht. Er hat Tagebuch geführt über die reale Welt und über die seiner Träume, er hat in unzähligen Briefwechseln über das Leben nachgedacht und den Austausch darüber mit seinen Briefpartnern gesucht. Und er hat nicht zuletzt all diese Reflexion immer wieder in seine Bühnenstücke, seine Novellen und Romane einfließen lassen.

Schnitzler, 1862 in Wien als Sohn des Kehlkopfspezialisten Johann Schnitzler geboren, ist mit diesem umfangreichen Werk zu einem Kronzeugen in zweierlei Hinsicht geworden: Einerseits bekommen wir durch ihn einen genauen Eindruck der psychischen Verfassung, die das Wien um die Jahrhundertwende geprägt hat. Andererseits sind seine genauen Sektionen von menschlichen Seelenzuständen so zeitlos, dass der heutige Leser sich oftmals wieder zu erkennen glaubt, und das nicht immer in der angenehmsten Weise.

Leben und Werk fallen indes bei Schnitzler oftmals auseinander. Er ist, gerade in jungen Jahren, ein Lebemann, der bei den Frauen nichts anbrennen lässt. Trotzdem lesen sich einzelne Passagen seiner Stücke und Prosatexte fast prä-feministisch, so viel tiefes Verständnis für die schwierige Situation von Frauen und jungen Mädchen in jener Zeit steckt darin. Er demaskiert die Konventionen etwa über die "gefallenen" Mädchen im Märchen (1894) oder über die unerlaubten Sehnsüchte von Frauen in Frau Bertha Garlan (1901). Dabei bleibt er im Privatleben oft genug konventionell, nur um im Tagebuch genau das wieder einzugestehen und zu analysieren.


Arthur Schnitzler - Portraitpostkarte

Schnitzler ist vor allem ein Zweifler. Er zweifelt an sich selbst, an seinen Zeitgenossen, er demaskiert, getrieben von diesen Zweifeln so viele Dinge, über die "man" nicht spricht: Neben dem Frauenbild der Zeit gilt das für den Antisemitismus oder auch für überkommene Ehrvorstellungen, wie sie sich beispielsweise in der Tradition des Duells offenbaren. Wer kennt nicht die Novelle vom Leutnant Gustl (1900), der von dieser Tradition vollkommen fremdgesteuert ist und dem man, obwohl er nicht gerade sympathisch wirkt, anmerkt, dass er eigentlich gefangen und dem Wahnsinn nah ist.

Apropos Wahnsinn: Schnitzler ist natürlich auch der Autor, in dessen Texten sich Freuds psychoanalytische Theorien literarisch zu manifestieren scheinen. Nicht zuletzt Freud selbst hat diese Interpretation gestützt, als er im berühmt gewordenen "Doppelgänger-Brief" schrieb: "Ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu." Freud fand in Schnitzlers Texten das vorformuliert, was er erst noch als Arzt zu beweisen suchte.
Fakt ist: Arthur Schnitzler hatte ein Gespür für die "Nervösität" seiner Zeit wie vielleicht kein Zweiter. Und gerade das macht ihn heute immer noch interessant, in einer Zeit, die durch ihre hohe Geschwindigkeit den Menschen immer atemloser macht, sein Nervenkostüm pulverisiert und beschädigte Individuen zurücklässt.


Sigmund Freud - Photographie
Den Höhepunkt seines Schaffens erreicht Schnitzler zweifelsohne um seinen 50. Geburtstag herum. 1912 erscheint das Bühnenstück Professor Bernhardi, dessen Inhalt heute häufig auf die Antisemitismus-Kritik reduziert wird. Im Grunde jedoch ist der Bernhardi vielleicht das kompletteste Stück von Schnitzler. Es enthält den ganzen Kosmos seiner Themen. Neben der schonungslosen Offenlegung antisemitischer Denkweisen und Handlungen wird auch hier die gesellschaftlich hoffnungslose Stellung der (gefallenen) Mädchen wieder ins Licht gerückt, und darüber hinaus taugt das Stück auch zur Darlegung von Machtstrukturen. Wie Macht funktioniert, wie subtil sie in Hinterzimmer begründet und zementiert wird, und was sie dann auf der großen Bühne anrichtet: all das zeigt Schnitzler mit der ihm eigenen Nüchternheit. Und auch dies macht die große Kunst des Wieners aus: Schnitzler ist niemals als Autor dominant und tendenziös, er lässt immer seine Figuren für sich sprechen und stellt dem Leser bzw. Zuschauer anheim, seine Schlüsse aus dem Dargebotenen zu ziehen.

Durch die fehlende Bevormundung des Lesers ist Schnitzler einerseits angenehm zu lesen, andererseits ist das Gefühl, sich in den Handlungen einzelner Figuren wieder zu erkennen, stets präsent und hinterlässt genau die Form von Beunruhigung, die große Literatur im besten Falle hervorzurufen in der Lage ist. Schnitzler zeigt nicht mit dem Finger auf andere, er hält nur den Spiegel. Erkennen muss der Leser sich selbst.

Carsten Tergast


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