Ein Mann, ein Boot, eine Geschichte – Vor 150 Jahren entsteht ein echter Kinderbuchklassiker — Carsten Tergast

Themse
Boote auf der Themse

Am 4. Juli 1862, es ist ein schöner, sommerlich warmer Tag, fährt auf der Themse ein Boot, ein kleines Ruderboot. Besetzt ist es mit vier Personen, einem erwachsenen Mann und drei Mädchen im Alter von etwa zehn Jahren. Der Mann ist ein guter Erzähler, er unterhält die Mädchen, die die Namen Loreena, Alice und Edith tragen, mit einer fantastischen Geschichte, die den Kindern ausnehmend gut gefällt. Der Mann schreibt die Geschichte auf, eins der drei Mädchen gerät ihm dabei zum Vorbild für die Protagonistin des Textes. Das Mädchen heißt Alice, der Geschichtenschreiber heißt Lewis Carroll. Die vier Bootsinsassen erlebten die Geburtsstunde eines der berühmtesten Texte der Weltliteratur: Alice's adventures in wonderland (dt.: Alice im Wunderland).

So soll es sich zugetragen haben, damals im viktorianischen London, und es entstand nicht nur einer der berühmtesten, sondern auch einer der wirkmächtigsten Texte überhaupt. Legionen von Schriftstellern, Musikern, Malern haben sich durch die Abenteuer der kleinen Alice inspirieren lassen, von den Höhen der Literatur bei James Joyce bis in die tiefsten Niederungen deutschen Schlager-Pops bei PUR sind Spuren dieser einen Geschichte zu spüren. Den endgültigen Anstoß für die tatsächliche Publikation des Buches am 4. Juli 1865, auf den Tag genau drei Jahre nach der alles auslösenden Bootsfahrt, gab das Urteil, welches der Sohn eines guten Freundes von Carroll nach der Lektüre des Manuskriptes fällte. Er wünsche sich, so der Junge, es gäbe "60.000 Bände" davon! Nun, auf 59.998 davon haben die Leser ohne Erfolg warten müssen, aber immerhin inspirierte der große Erfolg, den das Buch schließlich vom Start weg hatte, Lewis Carroll noch zu einer Fortsetzung unter dem Titel Through the looking-glass and what Alice found there (dt.: Alice hinter den Spiegeln), die 1872 erschien. Heute werden diese beiden Bücher häufig als eine Einheit wahrgenommen, gewissermaßen die "ganze Geschichte" des Mädchens, das sich im Schlaf in eine Welt begibt, in der ausschließlich wundersame Dinge geschehen, die sich mit rationalen Mitteln des Verstandes niemals würden erklären lassen.

Faszinierend an der Alice ist gerade, wie ein Buch zu einem echten Klassiker der Kinderliteratur werden konnte und gleichzeitig eine stete Herausforderung für Interpretationen bis in die höchsten Ebenen der Literaturwissenschaft. Kinder lieben die fantastischen Geschichten von weißen Kaninchen, grinsenden Katzen und verrückten Hutmachern. Und gleichzeitig kann die Wissenschaft sich damit beschäftigen, dass "das verabsolutierte Grundprinzip die Inkongruenz" ist und natürlich auch die "spielerische Verrätselung von Sprache, Logik und Erfahrungswirklichkeit und die willkürliche Kombination desintegrierter Einheiten" (Eberhard Kreutzer).

Das Geheimnis des Erfolgs dürfte genau an dieser Schnittstelle liegen. Kinder bis zu einem gewissen Alter kombinieren sehr gerne willkürlich desintegrierte Einheiten, sprich: sie bringen Dinge zusammen, die nicht zusammen gehören, sie lassen ihrer Fantasie freien Lauf und schaffen Neues. Nichts anderes macht der Künstler, nichts anderes tat Carroll, als er die Geschichte von Alice aufschrieb, die einschläft, während ihre Schwester ihr aus einem Buch vorliest und im Schlaf in die Fantasiewelt des Wunderlandes hinübergleitet. Kommen wir noch einmal zurück zur Wirkungsgeschichte. Zwischen den erwähnten James Joyce und PUR liegen unzählige Künstler, die sich inspirieren ließen. John Lennon sei genannt, die Beatles-Stücke I am the walrus und vor allem Lucy in the sky with diamonds sind nach Lennons eigenen Worten von Carrolls Buch beeinflusst. Gerade die Lucy hat die Fantasie der Hörer immer wieder angeregt, lässt sich doch die wundersame Geschichte der Alice so schön mit den auch im Lied beschriebenen Rauscherfahrungen in Einklang bringen. Alice wird groß und wieder klein, beeinflusst durch den Konsum von Keksen oder auch Pilzen, und auch andere Dinge geschehen, die wie Erlebnisse unter dem Einfluss von Drogen klingen mögen. Aus Carrolls Lebensgeschichte lässt sich indes nicht entnehmen, dass eine große Nähe zu diesen Dingen bestanden hat. Aber was heißt das schon?

Kleine Bootsfahrt, große Wirkung. Alices Abenteuer im Wunderland sind längst in den Kanon eingegangen, es bleibt zu hoffen, dass sie noch lange Generationen von Kindern und Erwachsenen zum fantasieren bringen und für einen Moment die Flucht aus der harten Realität ermöglichen.